Ob Karneval, Walpurgis, Silvester, L-Beach, Velvet-Ibiza, L-Fest, Ella oder CSD – häufig ist dies ein Anlass zum Fremdgehen

Untreue führt zu heftigen Beziehungsproblemen. Dies ist sehr häufig der Grund dafür, eine Paartherapie oder Paarberatung zu beginnen. Falls Treue in der Beziehung vereinbart wurde, geraten Paare in eine große Krise, wenn eine Partnerin* plötzlich ein sexuelles „Abenteuer“ oder eine Affäre hat. Die sexuellen Kontakte zu anderen Lesben* werden meistens heimlich hinter dem Rücken der Partnerin* gesucht.

Ab wann ist Fremdgehen eigentlich wirklich Fremdgehen?

Die Antwort auf diese Frage liegt im Detail. Dies ist bei jedem Paar individuell. In jeder Beziehung werden bezüglich Treue und Untreue eigene individuelle Vereinbarungen getroffen. Diese Vereinbarungen können offen ausgesprochen sein oder aber unausgesprochen im Hintergrund existieren. Dabei können sich die Partnerinnen* gegenseitig ausdrücklich in einer offen ausgesprochenen Vereinbarung wechselnde sexuelle Kontakte mit anderen Partnerinnen* erlauben (offene Beziehungen oder offene eingetragene Lebenspartnerschaft). Bei der offenen Beziehung liegt der Fokus ausschließlich auf dem sexuellen Erlebnis an sich. Es geht also nicht um Liebe oder um die persönliche Beziehung zur anderen Frau*. Dabei vereinbart jedes in offener Beziehung lebende Paar ganz individuelle Regeln, was jeder Partnerin* sexuell mit einer anderen Sexpartnerin erlaubt ist und was nicht. Die individuellen Absprachen unterscheiden sich dabei von Paar zu Paar.

Paare in offener Beziehung erleben es aber immer als Fremdgehen und Untreue, wenn die andere Partnerin* die vereinbarten Regeln verletzt. Dann schaut sich die Paartherapeutin zusammen mit dem Paar ganz konkret diese individuellen Paarvereinbarungen genau an und analysiert, wo eine der Liebespartnerinnen* diese Regeln verletzt hat. Zum Beispiel wird es häufig als Verletzung und Untreue erlebt, wenn sich eine von beiden in einen dritten sexuellen Kontakt verliebt. Dann muss erarbeitet werden, was die Ursachen sind und wie sich solche Regelverletzungen in Zukunft verhindern lassen.

Zwei Partnerinnen* können auch in beidseitigem Einverständnis Polyamorie (parallel mehrere erlaubte Liebesbeziehungen) vereinbaren. Auch hier werden häufig Regeln vereinbart. Zum Beispiel könnte ein Paar die Anzahl der weiteren Liebesbeziehungen mit anderen Frauen durch eine Absprache begrenzt haben. Oder ein Paar vereinbart, wie viel Zeit sie sich für ihre Beziehung fest reservieren wollen und was in Notfällen geschehen soll. Auch hier schaut man sich bei erfolgten Verletzungen die eigenen miteinander konkret vereinbarten Beziehungsregeln ganz genau an.

sexy-1721447_1920Für den Fall, dass das Paar hingegen keinerlei offene Absprachen getroffen hat, gilt in unserer historisch überwiegend christlich geprägten, westlichen Kultur automatisch die Monogamie (Treue zwischen zwei Liebespartnerinnen*) als vereinbart. Denn die deutsche Gesellschaft ist z.B. von der Gesetzgebung her auf treue Zwei-Personen-Liebesbeziehungen bzw. eingetragene Lebenspartnerschaften ausgerichtet.

Das ist in anderen Ländern und Kulturen anders. Bei Monogamie ist jeglicher sexuelle Kontakt mit Dritten unerwünscht. Daher empfinden monogame Lesbenpaare alle sexuellen Kontakte zu anderen Frauen als Untreue und Fremdgehen. Dort liegt jedoch wieder einmal der Teufel im Detail. Was konkret die jeweilige Liebespartnerin als sexuellen Kontakt empfindet und was nicht, kann sehr unterschiedlich sein. Dies kann zu Verletzungen und Missverständnissen in der Beziehung führen. Ein Kuss kann zum Beispiel sehr unterschiedlich interpretiert werden. Die Intensivität variiert vom flüchtigen Freundschaftskuss auf die Wange über den sozialistischen Mundkuss z.B. in der ehemaligen DDR bis hin zum minutenlangen intensiven Zungenkuss. Was der anderen erlaubt ist, ist Definitionssache. Besonders bei unausgesprochener Monogamie sind dem Paar solche Definitionen oft unklar und unbewußt, weil sie im Alltag nicht thematisiert werden. Das kann dann dazu führen, dass die eine* davon überzeugt ist, dass sie nicht untreu war, und die andere Partnerin* versteht dies aber sehr wohl als Untreue und ist verletzt. Die Paartherapeutin hilft dem Paar in der Paartherapie dann dabei klare Definitionen abzusprechen. So bekommt das Paar nach dem Vertrauensverlust wieder mehr Sicherheit.

Ist ein Verzeihen möglich?

motivation-773942_1920Es kommt vor, dass ein One-Night-Stand oder ein einmaliger Seitensprung besser verziehen werden kann als eine Affäre oder längere Zweitbeziehung. Dies ist aber nicht bei allen Frauenpaaren so. Die Verletzung des Belogenwerdens und des Hintergangenwerdens entsteht nämlich auch bei einmaligem sexuellen Fremdkontakt. Darüber hinaus zerstört die Untreue die Einzigartigkeit und Ausschließlichkeit der Liebesbeziehung. Dazu kommen der Schock und der daraus resultierende Vertrauensverlust bei der hintergangenen Partnerin*. Dies hinterlässt häufig tiefe Spuren, die das Paar aufarbeiten muss, so dass die hintergangene Partnerin* Schritt für Schritt wieder neues Vertrauen aufbauen kann.

Trennung oder Zusammenbleiben?

Neben der Ursachensuche ist die Frage des Zusammenbleibens oder der Trennung bei der Aufarbeitung von Fremdgehen ein wichtiges Thema. Beide Partnerinnen* können dabei herausfinden, was für sie jeweils das Beste ist. Wenn von beiden unterschiedliche Beziehungsmodelle z.B. Monogamie gegenüber Polygamie gewünscht werden, kann eine Trennung sinnvoll sein. Das Paar kann allerdings auch übereinstimmend entscheiden zusammenzubleiben, wenn konkrete Problemlösungen und eine gemeinsame Zukunftsperspektive erarbeitet werden konnten.

Nach dem Schock – Aufbruch zu einer besseren Beziehung

Häufig führt eine Paartherapie dazu, dass die Beziehungsqualität sich nach dem positiv bewältigten Schock des Fremdgehens im Vergleich zu vorher sogar verbessert, u.a. weil die Einzigartigkeit und Wichtigkeit der Beziehungspartnerin* wieder bewusster wird und Beziehungsprobleme gemeinsam gelöst werden konnten.

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