Wir sind tolerant! Wir werden nicht mehr diskriminiert! (#menot?)

Christine Ullmann - Statement zu #metoo

Junglesben neigen heutzutage dazu, sich total in die Heteromehrheitsgesellschaft zu assimilieren. Sie geben oft die Toleranz der Gesellschaft an. Dass alles scheißegal sei. Ich frage mich: Welche Toleranz?

Lesen wir von der Kopftuchbefreiung in Persien und dem Versuch von Frauen, sich ein bisschen Freiheit zurückzuerobern, denken wir sicher, dass das uns nichts angeht und das es hier ja besser ist. Der Schritt der coolen persischen Frauen in Teheran ist ein gewagter: Sie schneiden sich die Haare ab (das weibliche Haar ist dort der Grund für den Kopftuchzwang) und verkaufen sie, um den Erlös sinnvoll zu spenden.

Einige kleiden sich männlich und junge Frauen binden sich die Brüste komplett ab, um ihre Weiblichkeit zu verstecken, damit sie in Freiheit leben können. Diskriminierungsfrei.

Das könnt ihr hier in der Emma nachlesen: Vom Kopftuch befreit.

Aber uns geht das ja soweit nichts an. Hier ist ja alles ganz locker und es gibt keine Diskriminierung, höre ich des Öfteren mal von Junglesben. Aber ist das wirklich so?

Für mich als freie Frau & Lesbe war es das Schlimmste aller Jahre, seit ich offen lebe. Was ist passiert?

Eigentlich begann es schon Weihnachten letzten Jahres, als meine damalige Partnerin und ich wegen unserem Lesbischsein Weihnachten von der Familie ausgeschlossen worden waren. Als es dann Kontaktverbote gab… Es war schlimme Homophobie und es baute sich letztes Jahr langsam immer mehr auf. Auch gesamtgesellschaftlich. Gefühlt waren es mehr dumme Anmachen als sonst. Aber das mag subjektiv sein, es ist nur mein persönlicher Eindruck. Ob sich das politische Klima hierzulande langsam verändert? Ich weiß es nicht.

Das schlimmste aller Jahre…

Es begann im Februar in einem Schwimmbad & Spaßbad in Düsseldorf. Meine Exfreundin und ich, damals noch ein glückliches Paar, kamen gerade in ein Wohlfühbecken. Ich trug sie auf meinen Armen durch das Wasser. Neben uns knutschte ein verliebtes Heteropärchen recht wild durch die Gegend. Meine Damalige fühlte sich dadurch wohl inspiriert. Ein bisschen Grün ragte als Deko über den Schwimmbadrand. Liebe. Knutschen. Wir auch!

Plötzlich schrie uns son komischer Typ an: „Lasst eure Lesbenspielchen sein, das ist ja ekelhaft!!!“

Er verwies uns darauf, das dies ein Kinderbecken wäre. Mit einer Wassertiefe von 1,50 cm. Nein, es war kein Kinderbecken. Er war homophob. Das ganze bauschte sich sehr auf. Er wurde von der Gestik her schnell sehr ausladend. Er forderte mich alsbald auf, dies unter uns zu klären. Irgendwo draußen, außerhalb des Bades. Also eine Aufforderung das „unter uns Männern“ zu klären, obwohl er uns „Lesbenspielchen“ vorwarf. Spannend. Natürlich hatten wir Angst, obwohl ich absolut wehrhaft bin und weiß, wie ich mit solchen Situationen umzugehen habe. In diesem Fall kam irgendwann eine nette Bademeisterin. Sie intonierte das Küssen im Schwimmbad erlaubt wäre. Der Typ wollte nicht hören und so kam dann ein männlicher Bademeister. Beide zusammen warfen das homophobe Arschloch mit offensichtlichen Migrationshintergrund raus.

Dieser Moment der Angst – wir konnten den freien Tag nicht mehr richtig genießen – führte zu einer kleinen Diskussion über Politik und Verständnis für manche rechten Tendenzen innerhalb der Lesbenszene. Wir saßen auf Liegestühlen außerhalb des Wassers und redeten, als plötzlich eine Schwarzafrikanerin kam und uns fragte, wo ihr Tochter nebst Freundinnen seien. Die kleinen feierten gerade Geburtstag und sie wollten sich alle halbe Stunde melden… Mein klitzekleiner Moment für das Verständnis rechter Tendenzen bei manchen löste sich sofort in Luft auf und ich kam mir ziemlich dumm vor. Nagut, ich bin ein Mensch. Ich bin nicht perfekt.

Der Tag endete und selbst als wir das Schwimmbad verließen, was ca. 2 Stunden später war, war uns noch immer mulmig. Sogar so lange, bis wir Zuhause waren.

Die Beziehung endete. Eine neue Frau trat in mein Leben. Wir waren auf einem Metalfestival. Irgendein Typ sprach uns an. Vielmehr sprach er sie an. Meine Freundin diskutierte fleißig mit ihm. Sie ergriff Partei für mich, weil er mich als Antifa-Schlampe titulierte. Sachliche Gegenargumente gegen einen vollkommen besoffenen Typen.

Der Mann meinte, das hier zu viele Ausländer wären. Ich sollte nicht pro argumentieren. Defakto sagte ich nichts. Ich redete nicht mit ihm. Meine Meinung konnte er nicht wissen und mein Iro ist auch nicht zwingend ein politisches Zeichen. War es aber für ihn. Er redete von jener Silvesternacht in Köln. Ich war da. Ich hatte das Drama damals nur um einige 100 Meter verfehlt. Eine Bekannte ging mitten durch. Ich hatte Glück, ich wurde mit dem Auto gefahren. Andere nicht. Die hatten Pech.

Ja, Silvester 2015 war schlimm. Sehr schlimm. Da hatte er recht. Der Mann ergriff toll Partei für uns. Er appelierte an den deutschen Zusammenhalt. Unsere Kultur. Unser Land. Das alleine würde ich ja noch mögen, aber er appelierte auch, das wir etwas ändern müssten und deshalb eine neue rechte Partei wählen sollten. Er sah sich irgendwie als letzte Instanz des Deutschentums gegen feindliche barbarische Horden, die unser Land überfallen wollten.

Nach ein wenig Rederei intonierte er, dass er nichts gegen Lesben habe. Seine Schwester wäre lesbisch und sie wohne mit ihrer Freundin zusammen in Köln. Er fände das toll und akzeptiere dies.

Aber Toleranz war es nicht. Bei meiner netten Begleiterin klebte er nämlich am Arm. Er rieb sein Genital an ihr. Und beleidigte mich als Antifa-Schlampe. Das war mir zu viel. Diese ganze Situation dauerte schon gut 30 Minuten. Mehrfach bat er uns darum, uns vor ihm zu küssen. Streichelte sie am Arm. War ihr zu nah. Wieder mit dem Genital. Ich zitterte bereits vor Wut. Dann ging meine linke Hand zwischen beide und ich sagte: „WEG VON IHR!!“

ich wartete so lange damit, weil mir sehr bewusst war, dass sich meine starke Begleiterin auch alleine wehren konnte und dass sie eine andere Strategie verfolgte – eine sachliche. Aber ich konnte nicht mehr.

Dann klebte der Arsch plötzlich an mir. Genau so wie bei jener Freundin. Er wollte mir nahe kommen. Mich am Arm streicheln. Aber ich weiß, wie ich mich zu wehren habe und war nicht gewillt da länger mitzumachen. Ich befreite mich. Meine Hand war drohend vor seinem Gesicht. Er war überrascht, denn meine kleine Bewegung schickte ihn gut einen Meter von mir fort. Ja, frau kann sich wehren! Er war nicht das erste Schwein, was so etwas versuchte. Ich bin kampferprobt. Ich habe einmal den wütenden Vater einer Exfreundin aus meiner Wohnung geschmissen. Mit Gewalt die nötig war, denn er drang mit Gewalt in meine Wohnung ein. Der hier war eine Kleinigkeit dagegen. Dennoch: Ich zitterte. Ich war fertig mit den Nerven. Ich war kurz davor ihn anzugreifen. Ich sah seine Überlegung. Seine aufkeimende Kampfbereitschaft. Er war es sich ernsthaft am überlegen und ein Teil von mir wünschte, er würde nun endlich den 1. Schritt zu einem Kampf machen. Er sah mir in die Augen und entschied sich dann, es zu lassen.

Als er weg war, entlud sich meine Wut, mein Andrenalin und meine Angst in einem Nervenzusammebruch. Ich weinte erbitterlich in ihren Armen. Sie vergoss keine Träne, aber war für mich da.

Spannend, was sich im Hirn Rechter so umtreibt. Aber recht hatte er schon: Das ist durchaus deutsche Kultur! Jus primae Noctis! Ob er begriffen hatte, dass es jener Teil Deutscher Kultur war, die er verteidigen wollte, die dem Adel damals das Recht der ersten Nacht zugestand? Er fürchtete wohl einfach um seine Privilgien.

Das 3. Mal war dann nach einer schlimmen Verletzung. Ich ging alleine durch einen sehr großen dunklen Park spazieren. Ich mag dunkle Ecken. Immer. Ich jogge normalerweise durch solche Orte durch. Im Wald, in Parks, egal wo, Hauptsache es ist dunkel.

Diesmal traf ich auf 2 Männer. Einer sturzbesoffen. Der andere angetrunken. Sie grüßten als ich durch sie durchmarschierte. Ich grüßte zurück. Es war ein Urlaub in Bayern. Sie sagten „Servus.“ Da ich keine Serva Gottes bin, sagte ich nur „Morje!“ Es entwickelte sich eine kleine Unterhaltung. Sie wollten wissen, wo ich her kam. Alles noch okay und normal. Ich habe wenig Angst, aber ich wusste, dass ich diesmal absolut nicht wehrhaft war. So Gedanken sind wohl normal, gerade bei Besoffenen, die frau nicht einschätzen kann.

Erst war alles normal. Der total besoffene Typ hielt mich für einen Mann. Das war sehr angenehm. Ich mag es, wenn Männer mich für einen Mann halten, das erspart mir viele kleinen Probleme. Als der total Besoffene mir gegenüber aber das Maskulinum benutzte, wurde er von seinem halbbesoffenem Freund ausgelacht. Er checkte mich von oben bis unten ab. Aha. Frau also. Schon ging die Bewerterei los! Seine Ex, bei der er es sich versaut hatte, hatte auch so eine ähnliche Frisur wie ich. Nur länger. Er sagte, er würde mich gerne mal im Kleidchen sehen. Ich machte ein Kotzgeräusch. Ich trage keine Kleider. Männersachen passen irgendwie besser zu mir, gab ich als Antwort. Er fragte, ob ich sowas wie eine Dragqueen sei. „Naja, wenn das Vokabular fehlt“, dachte ich still in mich hinein.

Dann bemerkte er meine Tattoos. Er begann darüber zu streicheln. Er steichelte über meinen linken Arm. Skadi und Nott auf Thors Thron im Vallhalla. Für mich eine Beleidigung. Aber eigentlich gut, dass er den Linken nahm, denn auf dem Rechten ist eine Amazone mit Doppelaxt drauf.

Doch die Amazone konnte sich diesmal nicht wehren. Ein stark angebrochenes Bein. Eine starke Ruptur des vorderen Kreuzbandes. Ein Muskelfaserriss in der Brustmuskulatur. Nee, dat wär nix mehr jeworden! Ich überlegte mir zu flüchten, aber mit einem angebrochenen Bein ging nicht mal das. Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich so richtig allein. Das erste Mal fühlte ich mich, wie sich viele Frauen ständig fühlen: Eine, die sich nicht wehren kann. Die es nie gelernt hat. Die von einer Überzahl männlicher Feinde bedroht wird, wo jeder einzelne stärker ist als sie.

So fühlt sich das also an nicht kämpfen zu können. Auch, wenn diese Situation durch Reden geschickt aufgelöst werden konnte, auch, wenn der weniger betrunkene Mann sehr empathisch wirkte und definitiv nicht an der Sache partizipierte, sondern sehr abwartend erschien, so hatte ich Angst.

Zuspruch hilft. Real wie durch #metoo oder #Aufschrei!

© Christine Ullmann

Nach jeder Diskriminierungserfahrung war mir nach Reden mit Freundinnen. Mir war einfach danach. Nach dem Erlebnis im Schwimmbad redete ich mit einer Schwester. Sie nahm mich in den Arm. In den folgenden Tagen redeten wir über Diskriminierungsefahrungen. Ich erfuhr, dass sie einmal vergewaltigt worden war. Ich fühlte mich komisch. Über welches Leid klagte ich mich vor wenigen Tagen denn aus? Bei wem beklagte ich mich und über was? Was war mir schon passiert?

Nach dem Festival und dem Nervenzusammenbruch nahm mich eine andere in den Arm. Ich weinte. Später wurde mir klar, was sie mir Monate zuvor einmal erzählt hatte. Sie wurde vergewaltigt. Sogar mehrfach. Wieder kam ich mir so dumm vor. Was bitte war denn mir schon passiert? Sie beruhigte mich. Sie fand es verständlich. Das beruhigte mich. Auch sie war eine Schwester.

Nach dem dunklen Park war ich einfach nur noch aufgeregt. Ich erzählte 3 Frauen davon. Die 1. war eine enge Freundin. Auch eine Schwester. Wir skpyten, weil gerade niemand da war. Sie baute mich ebenfalls etwas auf. Sie entkam knapp einer Vergewaltigung. Auch hier fühlte ich, das ihr Leid wohl größer sein müsse als das Meine. Was ist mir schon passiert.

Die 2., die einige Zeit später da und ebenfalls eine Schwester und enge Freundin war, wuchs im Heim auf. Es war Flucht von Zuhause, wohl unter Todesangst.

Und dann… dann war da diese fast Unbekannte, die einen Gesprächsfetzen von der 1. Freundin mitbekam, mit der ich per Handy skypte. Bislang eine vage Bekannte. Übrigens eine Transfrau. Sie fragte explizit nach. Sollte ich es ihr erzählen? Ich dachte in mich hinein: Was weiß sie schon von Diskriminierungserfahrungen? Und kann sie das eigentlich nachempfinden?! Aber nicht antworten wäre unhöflich gewesen. Also erzählte ich ihr die ganze Geschichte. Dann erhielt ich Zuspruch. Wärme. Mitgefühl. Wie bei jeder anderen Frau auch. Sie wollte sich wegen der mangelnden Akzeptanz der Gesellschaft einmal umbringen. Ich bin froh, dass sie es nicht tat. Und wieder dieses Gefühl… Trotz kurzer Todesangst und Angst vor Vergewaltigung, wollte ich mich nie umbringen. Sie schon. Wegen Intoleranz. Weil sie nicht akzeptiert wurde, wie sie ist. Tat ich bislang auch nicht bei jeder.

Wir Frauen und Lesben können es uns nicht leisten, intolerant zu sein. Viele von uns sind sehr tolerant. Wir, insbesondere die Junglesben, haben Intoleranz wirklich abgeschafft. Unter uns zumindest. Die allermeisten sind sehr inklusive. Für Bisexuelle. Für Transfrauen. Für Transmänner. Aber das Patriarchat lebt fort. Die Welt ist keine bessere, auch wenn wir toleranter geworden sind.

Die Transfrau zählt nun mit zu meinem Freundinnenkreis. Sie ist keine Schwester, denn sie ist bisexuell. Aber ich kann es mir nicht leisten zu diskriminieren. Ich will es nicht. Sie ist mir sogar recht ähnlich: Eine wunderbare, nette, maskuline Metallerin. Alsdann, eben Halbschwester! Danke, dass ich nicht alleine bin!


Also noch einmal zurück zu der eingänglichen Frage. Welche Diskriminierung? DIESE! Welche Intoleranz? DIESE! Welches Patriarchat? DIESES! Ob in Persien, ob in Deutschland, die Welt ist und bleibt bis auf an wenigen kleinen Orten ein verdammtes Patriarchat.

Und das ist nicht alles. Abseits der persönlichen Erfahrungen gibt es einige Parteien, die damit werben, dass wir explizit nicht die gleichen Rechte haben sollten. Weder als Frauen (Herdprämie, kein gleicher Lohn für gleiche Arbeit) noch als Lesben (gegen die Ehe für Alle, gegen toleranzfördernde Projekte). Auch das ist verdammte Diskriminierung.

Und dann diskutieren ein paar Frauen noch immer, ob wir die Diskriminierung nicht selbst schuld wären. Ob #metoo einen Sinn ergeben würde. Ob wir nicht einfach aufhören müssten uns schön zu machen, aufhören uns zu schminken. Wir würden es ja provozieren. Wir würden ja gerne objektifiziert werden.

Nein, wollen wir nicht werden! Ich schminke mich nicht. Ich trage nur Männersachen. Es passiert trotzdem! Ich will kein Victimblaming, keine Intoleranz, kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat mehr! Ich will einfach nicht mehr! #Metoo ! Und es passiert jeden scheiß Tag in diesem verdammten Land aufs Neue! In Persien wie in Deutschland!

Das ist die Geschichte zu meinem #metoo. Es ist die Zusammenfassung eines einzigen Jahres, und es ist noch nicht vorbei.

TEILEN
Vorheriger Artikel7. bundesweite Fachtagung Lesben und Alter
Nächster ArtikelLesbian Date Problems #7: Heterofrauen
Christine Ullmann
Ich denke, also bin ich. Ich lese, also schreibe ich. 2 Dinge die ich mag und die miteinander verbunden sind. Dabei bin ich mir nicht zu schade Ergüsse einiger Queertheoretiker/innen kritisch zu verfolgen sowie gute Dinge zu rezensieren. Als Vollblutmetalerin mag ich bunt gar nicht, aber schreibe doch über vieles unter dem Regenbogen.

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT