Bisexualität unter die Lupe genommen…

Eigentlich ist alles ja ganz einfach, wenn man denn bei den biologisch eindeutigen Geschlechtern bleibt. Es gibt Homosexuelle, also Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben und Heterosexuelle, also Menschen, die das andere Geschlecht lieben. Dann gibt es noch eine Mischform: Bisexualität. Klingt einfach, oder? Ich fand es sehr verwirrend!

Es heißt oft, Lesben hätten etwas gegen Bisexuelle. Es gäbe Vorurteile. Aber sind das wirklich Vorurteile? Bin ich selbst vorurteilsfrei? Nein, bin ich nicht! Ich bin ein Mensch. Aber das hindert mich nicht daran, einmal genau hinzugucken, warum ich Befürchtungen oder Sorgen habe. Zumindest weiß ich auch, dass ich damit nicht alleine bin.

Aus dem Freundinnenkreis weiß ich, dass manche von uns Angst davor haben, für einen Mann verlassen zu werden. Ich hörte schon von der Angst, dass man dem Wunsch einer Bisexuellen nach einem Mann nicht Genüge tun könne. Was logisch ist, wenn denn die Begierde der Bisexuellen ein „sowohl als auch“ ist und sie also beides gleichzeitig möchte. Ich selbst habe bei dem Gedanken an eine Bisexuelle auch kein gutes Gefühl, aber mit Bauchgefühl alleine macht sich nicht gut Politik, wie jüngst unsere Kanzlerin bewiesen hat. Ist da also was an diesen Ängsten dran?

Ich hörte Bisexuellen in einer ihrer Gruppen zu. Ja, sie treffen sich in Gruppen. Komisch, oder? Jedenfalls war ich dort und redete mit ihnen. Übrigens tat ich dues immer mal wieder im Zeitraum eines Jahres, denn ich fand die Leute dort soweit recht nett. Es waren etwa 20 bis 40. Manche Männer wirkten schwul. Manche hetero. Manche Frauen wirkten lesbisch, mal sehr femme, mal auch für blinde eindeutig lesbar, mal rochen sie nach Hetera. Hört man ihnen länger zu, dann bemerkt man, dass es verschiedene Arten von Bisexualität gibt.

Okay, man könnte denken, die eine Bi-Frau ist zu 90% auf Männer fixiert und will nur mal zwischendurch eine Frau, während die andere wirklich genau bisexuell ist und sehr uferlos in der Mitte des Flusses paddelt. Andere sind sehr lesbisch orientiert, so nennen sich sogar manchmal lesbibisch oder ähnlich. Damit wollen sie verdeutlichen, welches Geschlecht sie präferieren. Wieder andere fangen sehr auf Frauen fixiert an und ihre Sexualität ändert sich dann im Laufe ihres Lebens gen hetero, auch wenn sie nie vollständig hetero werden. Das alles ist aber wenig überraschend und irgendwie auch logisch.

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© Christine Ullmann

Und dann gibt es Bisexuelle, die sich sowohl Männer als auch Frauen gleichzeitig wünschen. Eben jene, die auf niemanden verzichten können. Also doch! An meinem Bauchgefühl und dem einer Freundin ist also was dran. Sehr viele von den Bisexuellen in der Gruppe sagten aber nach jahrelanger Erfahrung, dass wenn sie sich verlieben würden, ihnen diese eine Person die sie lieben völlig genügen würde. Demnach ist es eine Frage des gewünschten Beziehungstyps. Hier gibt es unter ihnen doch viele verschiedene Strömungen.

Bisexuelle Beziehungstypen

Serielle Monogamie:
… meint das klassische „Du-und-ich-für-immer“. Das seriell ist als Abgrenzung zu anderen Beziehungstypen als monogam verstandene Form der Liebe zu sehen.

Gonogamie:
… meint eine monogame Beziehung zu jeweils einer Person pro Geschlecht, wobei die Lebensweise trotzdem polyamor ist.

Offene Beziehung:
… meint das Führen einer Beziehung zu einem Partner. Trotzdem gönnt man sich auch außerhalb dieser Bindung Spaß.

Polyamourie:
… meint eine Beziehung zu mindestens zwei Personen, wobei diese Personen auch jeweils mit anderen Personen Beziehungen haben können.
[Hier hörte ich auch von ziemlich großen Wohngemeinschaften von bis zu 11 Personen (!), die so entstanden sind.]

Beziehungsanarchie:
… hier verschwimmen die Begriffe Freundschaft und Beziehung, da es keine klare Abgrenzungen zwischen beidem gibt. Man kann also sexuelle und/oder erotische und/oder haptisch nahe Kontakte zu einer theoretisch unbegrenzten Anzahl Partner/innen haben.

[Theoretisch wäre dieses Konzept ebenfalls ideal für manch Bisexuelle. In der Praxis lernte ich es aber durch eine andere Lesbe kennen und hörte es noch nie von einer bisexuellen Person.]

Eindeutig uneindeutig!

Hier sieht man schon eindeutig, dass die Bi-Fraktion recht uneindeutig ist. Zudem gibt es für Polyamoure spezielle Treffpunkte (im Netz, in verschiedenen Städten sowie überregionale Treffen). Natürlich tummelt sich auch hier gleich und gleich gern zusammen. Genau aus diesem Grund gibt es die vielen Frauentanzveranstaltungen oder Lesbenstammtische für uns. Also – logischerweise auch Poly-Treffpunkte und Bi-Gruppen. Mit anderen Worten: Viele Bisexuelle, die keine serielle Monogamie leben bzw. mehr als ein Geschlecht im Bett haben wollen, tummeln sich natürlich gerne unter sich. Frauen kann die suchende Bi-Frau dort in jedem Fall kennenlernen.

So tummeln sich dann auch die Polys auf ihren Treffs. In einer Polygruppe, von der eine Freundin berichtete, scheint es so, das 90% der teilnehmenden Männer heterosexuell sind und 90% der Frauen bisexuell. D.h., während wohl nur 10% der Männer dort ernsthaft bi sind und vermutlich den Wunsch nach mehreren Frauen gleichzeitig haben, sind nur 10% der Frauen dort ähnlich gestrickt. Ob sich das Ganze auf alle Polytreffs übertragen lässt, weiß ich allerdings nicht.

Dies erinnert mich ein Problem, das wir Lesben immer wieder erfahren und das sich mit einem bestimmten Typ Kontaktanzeige, vorzugsweise in Lesarion gepostet, zusammenfassen lässt: „Hallo liebe Online-Lesben-Community. Ich bin eine Frau, 27, und suche für meinen Mann im Raum Pusemuckel eine Lesbe, die auf Dreier steht.“ Viel Spaß bei der Suche!

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© Christine Ullmann

Das Ganze ist dann aber doch nicht ganz so einfach. Erfahrungsberichte in der 30. Ausgabe der Zeitschrift Bijou (S. 4-11) seien zitiert: „In der größeren deutschsprachigen Poly-Community, beispielsweise unter den Teilnehmenden der Treffen des Polyamoren Netzwerks, wurde der Anteil Bisexueller von uns auf etwa 30% geschätzt, aber statistische Erhebungen dazu gibt es unseres Wissens nach dort bisher nicht.“ Weiter wird ausgeführt: „In US-amerikanischen Poly-Communities wird der Anteil Bisexueller auf zwischen 30% und 60% geschätzt. Es gab sogar eine Studie, in der sich 51% der teilnehmenden Polys als bi identifizierten und des Weiteren Studien, die den Anteil Polyamorer unter den Bisexuellen mit etwa 40% beziffern.“

Es sei allerdings angemerkt, das sich hier auch viele tummeln, die sich selbst als pansexuell oder einfach nicht-monogam bzw. nicht-monosexuell betrachten.

Zudem gibt es dann noch die bisexuellen Frauen (oder Männer), die sich nur unter uns aufhalten und unabhängig von ihrem Geschlecht nur homosexuelle Beziehungen eingehen würden. Zwei dieser Menschen durfte ich kennenlernen. Sie nannten unter anderem als Grund, dass die Beziehungsdynamik in homosexuellen Partnerschaften gleichberechtigter wäre und sie auf Heteronormativtät keine Lust hätten. Beide hatten zumindest in Teilen einen ähnlichen Werdegang. Einer davon ist sogar einer von uns. Nun könnt ihr euch fragen: Er ist was? Doch, ist er! Dies könnt ihr der Artikel-Fortsetzung „Interview „Bisexualität“: Zuerst war ich lesbisch – jetzt ein bisexueller Mann!“ lesen.

Wie sieht es also unter uns Lesben aus?

Hierzu befragte ich verschiedene Frauen in und um die Community und hörte ihre Meinungen zum Thema. Natürlich haben wir alle Erfahrungen mit Männern. Manche mehr, manche weniger, manche sogar körperlich. Positive wie Negative. Aber was ist nun mit unserer Angebeteten? Also nochmal zurück zu unseren Befürchtungen.

Die Angst für einen Mann verlassen zu werden spielt also für einige von uns eine Rolle, wenn wir eine Beziehung mit einer bisexuellen Frau eingehen. Manche von uns empfinden dies dann als Verrat. Hier scheiden sich die Geister: Einerseits denken viele, das manche Männer uns Frauen gegenüber recht abwertend sind. Doch war dabei allen Befragten klar, das es sich nur wie ein Verrat anfühlt und uns die Bisexuelle hier natürlich nicht wirklich verrät. Also in etwa: „Wie konntest du nur, jetzt bist du mit einem chauvinistischen, patriarchalen Arschloch zusammen!“

Fragt man, ob es sich ebenfalls wie ein Verrat anfühlt, wenn der Mann feministisch & unpatriarchal wäre, dann ist es schwer einzuschätzen, weil wenige der befragten Lesben bisher in dieser Situation waren. Es wäre eine Möglichkeit. Ich selbst zumindest kenne solch einen lieben Bisexuellen und empfinde es generell als viel angenehmer, für einen wie ihn verlassen zu werden als für einen Chauvisten. Und ja, ich kenne beide Gefühle. Aber apropos Gefühl: Das Gefühl als Gleiche unter Gleichen zu sein, scheint ebenfalls oft eine Rolle zu spielen. Da muss man auch nicht mit Logik kommen. Doch kann man durchaus sagen, den Bisexuellen geht es ja oft genau so.

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Nein, so ist es eben nicht! © Christine Ullmann

Dabei darf aber auch nicht vergessen werden, dass es viele Lesben gibt, die sich pauschal ohne Vorurteile oder Ängste auf Bisexuelle einlassen würden und viele von ihnen haben sogar sehr positive Erfahrungen gemacht.

Soweit die Ergebnisse der Befragungen, die sowohl online wie offline stattfanden. Bisexuelle befragte ich, wie Eingangs erwähnt, hingegen nur real.

Verletzungen gehören auch dazu

Viele Bisexuelle glauben, so mein Eindruck, dass die Lesben, die sich nicht auf sie einlassen würden in der Mehrheit sind. Hört man ihnen zu, dann ist es genau wie bei uns Lesben: Irgendwie wurden alle schon einmal verletzt oder man hat Angst davor. Auf der einen Seite ist da die Angst, wie oben beschrieben, für einen Mann verlassen zu werden. Auf der anderen Seite steht die Angst, zurückgewiesen zu werden. Erfahrungsberichte dazu gibt es also von beiden Seiten und sie reichen von „Die bösen Lesben sind biphob, transphob, heterophob, engstirnig, aggressiv, böse und gemein!“ bis hin zu „Die Bösen Bis wollen ja nur mal ne richtige Lesbe ausprobieren und lassen uns dann fallen! Die spielen nur mit unseren Gefühlen!“

Natürlich wurden schon einige Bisexuelle von Lesben zurückgewiesen, einfach weil sie bissexuell sind. Aber ist das gerechtfertigt? Berichtet nicht repräsentativer Einzelfälle, wo z.B. eine Bisexuelle ihre Frau verließ, weil sie plötzlich Lust auf ein heteronormatives Idyll aus Eigenheim und Kinder nebst Mann hatte kommen zwar vor, werden aber kaum die breite Masse widerspiegeln – auch, wenn es in Abstufungen wohl gelegentlich vorzukommen scheint. So ist es doch so, das Beziehungen gerade dann scheitern, wenn sie unglücklich sind. Aber auch, dass eine Bisexuelle durchaus mal sexuelle Begehren nach einem Mann hat, scheint immer mal wieder vorzukommen.

Wie oben bereits aufgezeigt, hat das Bi-Lager hingegen keine eindeutigen Präferenzen. So vielfältig wie die Beziehungstypen unter ihnen sind, so vielfältig sind auch die eigenen Wünsche und natürlich damit auch die individuellen Vorlieben.

Man kann also gar nicht sagen, dass viele Bisexuelle ausschließlich sowohl einen Mann als auch eine Frau wollen. Genau so wenig stimmt, dass der Wunsch einer Bisexuellen nach einem Mann noch nie vorgekommen wäre.

Es ist also ein Vorurteil dass alle Bisexuellen sich „sowohl als auch“ bedienen wollen. Es ist einfach zu pauschal. Man kann aber sagen, dass die Bisexuellen, die genau wissen, dass sie beide Geschlechter gleichzeitig oder nebeneinander im Bett haben wollen, sich eher in Poly-Gruppen oder woanders organisieren. Die Bisexuellen, die sich unter uns begeben, spielen dann entweder mit offenen Karten oder sie sind tendenziell eher wie wir. gepolt. Gemeint ist hier, dass eine Beziehung für sie zu einem der Geschlechter ausreichend ist und ihre Begierden abdeckt. Dabei ist es ihnen dann oft egal, welches Geschlecht sie gerade vor der Nase haben: Nähe und Liebe spielen für sie die primäre Rolle! Wobei es auch in der Bi-Gruppe immer mal Fälle gab, wo die Bi-Frau aus der lesbischen Beziehung dann doch Lust auf einen Mann bekam. Hinzu kommt noch eine fiese Falle:

„Schrecklich, diese Bi-Frauen! Geht gar nicht!“

Als Bi-Frauen werden auch Frauen empfunden, die eigentlich gar nicht bisexuell sind. Die Bi-Frauen kennen das Problem vielleicht weniger, aber wir Lesben kennen es: Die Hetera, die sich als Bi bezeichnet, weil sie einmal Sex mit einer richtigen Lesbe will kommt durchaus in unseren Kreisen immer mal wieder vor. Anders als die neugierige Hetera, die sich auch als solche zu erkennen gibt, wissen wir also nicht, das dies viel eher in einer Katastrophe enden kann als bei einer echten Bisexuellen. Zudem gibt es noch Lesben, die sich Bi nennen, weil sie schlicht Angst vor ihrer eigenen Homosexualität haben. Aber dazu später noch etwas mehr…

Beides sind aus lesbischer Sicht Probleme mit bisexuellen Frauen, die aber gar kein Problem bisexueller Frauen sind. Also unschuldig im Sinne der Anklage!

Zurück zur wirklich Bisexualität. Wie war das mit ihrem Begehren?

Mehr Zahlen und Fakten zu Poly & Bi:

In einer Studie, bei der 5.899 Menschen unterschiedlicher Geschlechter und Vorlieben befragt wurden, kam man zu folgenden Ergebnissen:

Bisexuelle Männer und bisexuelle Frauen bewerten Monogamie als weniger förderlich als dies homosexuelle und heterosexuelle Männer und Frauen tun.

Bisexuelle Männer und bisexuelle Frauen bewerten Monogamie stärker als Opfer/Verzicht als dies von homosexuellen und heterosexuellen Männer und Frauen getan wird.

Bisexuelle Männer erleben Monogamie mehr als Opfer/Verzicht als bisexuelle Frauen.

Insgesamt bewerten bisexuelle Männer und Frauen Monogamie weniger positiv als homosexuelle und heterosexuelle Männer und Frauen, auch wenn sie tatsächlich selbst in monogamen Beziehungen leben. 

(http://www.bisexuell.net ist hier ausführlicher)

Gleichklang.de wertete außerdem seine 14.233 Onlineprofile aus und kam zu folgendem Ergebnis:

– Bisexuelle suchen häufiger nach Dreier- oder Viererbeziehungen als Menschen mit anderen Sexualitäten.

Genaue Zahlen:

Bisexuelle Homosexuelle Heterosexuelle
6,91% 1,6% 0,75%

Berücksichtigt man Geschlecht und sexuelle Orientierung bei der Suche nach Dreier- oder Viererbeziehungen, dann sieht es wie folgt aus:

Bi-Männer Bi-Frauen Schwule Heteros Lesben Heteras
12% 4,34% 1,75% 1,67% 1,41% 0,24%

Man kann also sagen, dass Polyamourie unter Bisexuellen viel häufiger vorkommt. Jedoch hegt nur ca. jede 20. Bi-Frau den Wunsch nach einer Beziehung zu mehreren Personen gleichzeitig. Mehr zum Nachlesen bei bisexuell.net

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© Christine Ullmann

In Bezug auf die Diskrepanz in Korrelation von Wunsch und Wirklichkeit ist Bisexuell.net hier vorsichtiger als ich. Darum möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich die patriarchale Gesellschaft und ihre frauen- und freiheitsunterdrückenden Mechanismen grüßen. Es suchen weniger Menschen nach mehreren PartnerInnen als die, die den Wunsch danach verspüren. Das Polyamourie und Ähnliches hingegen schwierig sein kann, sei dennoch anerkannt.

© Erzählmirnix
© Erzählmirnix

Also kurz gesagt: Es gibt Bisexuelle, die wie wir sind und welche, die nicht wie wir sind. Außerdem darf man nicht vergessen, dass auch unter uns Lesben viele verschiedene Beziehungstypen existieren, auch wenn die Mehrheit der Bisexuellen scheinbar eine offene Beziehung präferiert. Soweit mein Eindruck und der einer sehr bi-communityerfahrenen Bisexuellen. Wenn man dann tatsächlich eine Bi-Frau vor sich hat, die in einer offenen Beziehung lebt, dann wird man das mit großer Wahrscheinlichkeit beim Kennenlernen schnell erfahren. Persönlich begegneten mir Frauen in lesbischen Beziehungen und trotzdem einmal Lust auf einen Mann haben vor allem in der Bi-Community und nicht unter uns.

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© uferlos-online.de

Manch Bisexuelle versteckt sich außerdem ein bisschen, oder sagen wir besser, dass sie sich kein Schild um den Hals hängt, wenn sie unter uns ist. So stellte die Kölsche Bigruppe Uferlos zwecks Passantenbefragung auf einem CSD einmal drei Zylinder auf, in die man eine Murmel werfen sollte: Ein Zylinder für homosexuell, einer für bisexuell und der andere für heterosexuell. Die CSD-Besucher waren natürlich durchmischt. Auffallend war jedoch, dass manche Frauen in lesbischen Beziehungen etwas zögerten, bevor sie ihre Murmel in den Bi-Zylinder warfen. Es schien für manche dadurch zu einem Comming-out gekommen zu sein, was im Anschluss bei BegleiterInnen für überraschte Blicke sorgte. Letzten Endes stehen angeblich jedoch fast alle Bisexuellen zu ihrer Orientierung.

Hier das gesamte Umfrageergebnis:

Bisexuell Homosexuell Heterosexuell Sonstige Gesamt/Tag
Fr (14-21 Uhr) 10 13 2 6 31
Sa 24 28 9 10 71
So 34 52 19 15 120
Gesamt 68 93 30 31  222

Quelle: http://118882.homepagemodules.de/t327f51-CSD-Kleine-Nachlese.html

Dieselbe Bi-Gruppe veranstaltet übrigens auf CSDs öfter solch interessante Befragungen. Hier noch ein Beispiel: uferlos-online.de-befragung zum Thema Gender.

Auch, wenn die Antwortmöglichkeiten C und D manchmal unfaire Diskriminierung sind, so gibt und gab es schon einige Lesben und Schwule, die sich hinter der Bi-Flagge zu verstecken suchten und in Wahrheit gar nicht bi waren. Das Thema wurde z.B. im Buch „Selbsthass & Emanzipation besprochen“ und kam früher öfter vor als heute. Selbst, wenn es ein paar Lesben gibt, die sich aus Angst nicht so nennen wollen, so ist es bezogen auf unsere bisexuellen Mitmenschen doch oft ein fieses Vorurteil, dass rechnerisch zusammengenommen 10% aller Personen teilen. Für die Bis hört es sich dann anders herum so an: „Du kannst dich doch nur nicht entscheiden, ob du nun eine Frau oder einen Mann liebst, also entscheide dich!“, was genau wie die Frage nach einer PartnerIn oder mehreren ParterInnen für Außenstehende manchmal immanent wichtig zu sein scheint. Etwa so, wie die klischeehafte Frage „Wie funktioniert eigentlich Lesbensex?“ für heterosexuelle Zeitgenossen oft ein Thema zu sein scheint. Noch deutlicher aber lässt sich dieses Vorurteil mit uns verbinden, wenn man diesen Satz hört: „Deine Bisexualität ist doch nur eine Phase!“

[Quelle: http://118882.homepagemodules.de/t405f51-CSD-Uferlos-mit-Fussgruppe-bei-der-Parade.html]

Bi-Flagge, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=527339
Bi-Flagge, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=527339

Ist also die Zylinderbefragung für die Ein oder Andere schon zur Comming-out Frage innerhalb einer lesbischen Beziehung geworden, so ist Bisexualität generell absolut nichts, was sich versteckt. Gerne wird vergessen, dass Bisexuelle ebenso oft radikal für ihre Sexualität einstehen. Es gibt eine eigene Bi-Fahne, es gibt den Bi Visibility Day am 23. September, Zeitschriften wie die Bijou, dass BiNe Netzwerk und vieles mehr.

Bi-Diskriminierung

Bi-Diskriminierung nimmt viele Formen an, genau wie die Diskriminierung von Homosexualität. Vieles ist also gleich. Als homosexuelle Frau weiß ich, dass meine Homosexualität manches Mal nicht akzeptiert worden ist. Manche Femme weiß, dass ihr Butch-Begehren nicht immer ernst genommen wird und kennt die meist von Männern gestellte Frage, warum, wenn sie eine Butch will, in ihren Augen also eine Frau, die sich wie ein Mann kleidet und gibt, warum die Femme dann nicht gleich einen richtigen Mann möchte.

Diese beiden Beispiele kennen bisexuelle Frauen auch, haben aber vermutlich mehr Erfahrungen damit: Es sei in Erinnerung gerufen welche Interessenten zu einem bestimmten Poly-Treff kamen. Zu 90% Männer, die heterosexuell sind.

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Beim Schreiben vergessen… © Christine Ullmann

Gerade uns Frauen trifft, wie im Artikel über die Dyke* Marches erwähnt, bis heute der Vorwurf als Frau nicht ernst genommen zu werden. Würden Frauen ernst genommen werden wie Männer, dann wäre der „Homosexuellenparagraph“ §175 aus dem Strafgesetzbuch auch auf Frauen angewendet worden. Wir wären kriminalisiert, inhaftiert oder sogar Zwangssterilisiert worden. Würden wir ernst genommen werden, dann würde sich der Artikel ganz anders lesen, denn die Damen und Herren von der Presse würden nicht mehr nur noch von den „Schwulenparaden“ reden, sondern auch von uns Lesben. Und .. ääähm, fehlt da etwa jemand?

Mein Fazit: Bisexuelle können uns in Sachen Diskriminierung möglicherweise sogar toppen, denn von Homosexuellen werden sie ebenfalls diskriminiert – sowohl von uns Lesben als auch von den Schwulen.

Cheers, liebe Bi-Freundinnen, denn wir sitzen manchmal nicht nur im selben Bett, sondern sogar im selben Boot. Ihr glaubt, dass es unter Lesben nicht immer einfach für euch ist? Ihr habt recht. Aber ich verrate euch was: Auch für uns Lesben ist es unter Lesben nicht immer einfach.

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© Christine Ullmann

Fortsetzung: Interview „Bisexualität“: Zuerst war ich lesbisch – jetzt ein bisexueller Mann!

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Christine Ullmann
Ich denke, also bin ich. Ich lese, also schreibe ich. 2 Dinge die ich mag und die miteinander verbunden sind. Dabei bin ich mir nicht zu schade Ergüsse einiger Queertheoretiker/innen kritisch zu verfolgen sowie gute Dinge zu rezensieren. Als Vollblutmetalerin mag ich bunt gar nicht, aber schreibe doch über vieles unter dem Regenbogen.

4 KOMMENTARE

  1. Es ist immer wieder sehr interessant, unendlich lange wissenschaftliche Abhandlungen zu lesen über Menschen und in welche Gruppe sie eingeteilt werden sollen, können oder müssen. Ich persönlich finde das alles ziemlich furchtbar und es klingt für mich immer wieder nach Diskriminierung. Der eine ist gegen die Gruppe, der andere gegen jene.
    Im Endeffekt sollte es doch eigentlich um Liebe gehen, die auch keine Grenzen kennen sollte. Das man in Beziehungen verletzt wird ist auch normal egal ob man Mann, Frau oder sonst was ist. Warum machen Menschen immer alles so kompliziert?? Verliebt euch, seid glücklich oder weniger glücklich und genießt die Zeit die ihr habt. Wenn ihr mal in der Kiste liegt fragt kein Mensch mehr was ihr ward.

    • Könnten wir über keine Kategorien (oft als „Schubladen“ geschmäht) verfügen, wäre alles nur noch ein völlig undifferenzierbares Nichts. Und wir selbst wären davon keine Ausnahme.

      Sich dergleichen – wenn auch arglos – zu wünschen entspringt aber einer sehr privilegierten Position.

      Dagegen ist es für viele durchaus sehr wichtig, benennen zu können, wer und was sie sind. Für nicht wenige Lesben ebenso wie Bisexuelle (und noch etliche weitere…) ist das sogar Teil ihrer Identität.

      Ich kenne das v.a. von Heten, daß die lieber von alledem nichts wissen möchten. Obschon es für die meisten derer durchaus nicht etwas nichts bedeutete, daß sie Heten sind. Aber so funktioniert Heteronormativität. Uh… „Don’t ask, don’t tell.“

      Und ich kenne niemanden, di/er dem – ohnehin unrealistischen (s. eingangs) – Anspruch genügte, Menschen unabhängig von Geschlecht und Orientierung anzusehen und zu behandeln.

  2. Ob jemand bi ist, hängt nicht im Geringsten damit zusammen, ob er/sie monogam leben will oder nicht. Das sind 2 völlig unterschiedliche paar Schuhe. Diese Vorurteile regen mich so auf.

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