#StopHomophobia: Mein täglich Brot als Prostituierte

Homophobie auf dem Land #StopHomophobia

Ich arbeite als Prostituierte. Genaugenommen steht auf meiner Visitenkarte zwar „Personaldisponentin“, aber es macht im Grunde keinen Unterschied.

Wie der geneigte Leser vielleicht bereits weiß, lebe ich auf dem Land, in einer Kleinstadt im Schwarzwald. Ich liebe meinen Beruf als Personalerin, dennoch würde ich nie auf die Kreativität, die Kunst, das Schreiben und das Fotografieren verzichten wollen. „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“, hat schon Pablo Picasso so treffend bemerkt. An einem schönen Frühlingsmittag nutze ich also die Gelegenheit, das Kulturcafé „Bòtannan“ in besagter Kleinstadt heimzusuchen. Meine Arbeitskollegin hat nicht untertrieben, ich sehe eine tolle Auswahl interessanter Bücher und hinter dem Tresen steht ein lustiger älterer Mann mit einem bunten Strick-Käppi.

Ich komme mit ihm ins Gespräch und erzähle ihm von meinen Texten und wie es mich freut, hier in dieser Kleinstadt ein Kulturcafé wie seines gefunden zu haben. Es fühlt sich fast ein bisschen nach Berlin an. Ich hab noch einen Koffer in Berlin…

„Wie, Sie schreiben auch? Wie, Ihre Themen sind nichts für das hiesige Publikum? Ja warum denn nicht?“ fragt er mich ganz erstaunt. „Na, ich schreibe Erotik. Lesbische Erotik. Das will hier keiner lesen. Wir leben hier schließlich hinter dem Mond!“

„Awwa!“ spricht da der kleine Mann, „Wir sexualisieren die bigotte Kleinstadtbevölkerung hier! Das machen wir! Sie werden sehen, das wird ein klasse Konzept! Haben Sie Lust drauf, bei mir eine Lesung zu machen? Das machen wir im August, da ist eine Riesen-Veranstaltung im Park!“ Er überschlägt sich beinahe vor Begeisterung und ich weiß gar nicht so recht, wie mir geschieht.

Eine Lesung! Hier, wo ich lebe! Dass mir das jemals einer anbieten würde, das hätte ich nie gedacht! Immerhin bedeutet das, dass ich ein Publikum erreichen kann, welches mir besonders wichtig ist: Die Jungen. Die Generation der Teenager, die künftigen In-die-Stadt-Flüchter, die abhauen, weil man als Homosexuelle/r auf dem Land eben nicht leben kann. Man bekommt keine Jobs; und wenn man sie bekommt, muss man sich verstecken, damit es nicht heißt: „Ha, wa hesch au do fier oine eigschdelld?“

Das ist es, worin ich eine – auch meine! – Aufgabe sehe: Den Leuten auf dem Land die Augen zu öffnen und ihnen zu zeigen, dass es „so oine“ eben auch unter ihresgleichen gibt. Dass wir – die Homosexuellen – ein ganz alltägliches Phänomen sind. Dass wir einfach nur zufrieden leben wollen, dass wir die gleichen Karrierechancen und als gleichwertig akzeptiert werden wollen – hier, wohin wir gehören. Hier, wo unser Herz schlägt. Wo man nachts die Sterne sieht und die Grillen zirpen hört, weit weg von der Großstadt. Ich will dafür einstehen, dass unsere schöne Heimat nicht nur den Konservativen vorbehalten bleibt, dass wir das RECHT haben, frei zu leben und zu lieben, wen und wie wir wollen. Und wenn man nicht anfängt zu zeigen, dass man existiert – wie soll sich dann jemals etwas ändern? Wenn alle „bunten Vögel“ gezwungenermaßen in die Großstädte flüchten – wie soll sich die ländliche konservative Gesellschaft jemals an uns gewöhnen? JETZT habe ich tatsächlich einmal die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen! Was für eine phantastische Gelegenheit! Die Begeisterung des Herrn Bòtannan reißt mich mit.

All das geht mir im Kopf herum, als ich beschwingt aus der Mittagspause zurück ins Büro laufe. Ganz aufgeregt erzähle ich meinem Chef von meiner Begegnung und der geplanten Lesung. Mein Chef und ich, wir haben ein gutes Verhältnis. Ich halte ihn für liberal – wenn auch manchmal für zu hasenfüßig. Sein Blick ist skeptisch.

Am nächsten Morgen weiß ich warum. Er, der Diplomat, findet für die hässlichsten Inhalte die schönste Verpackung: „Weißt Du, Du musst das so sehen: Die Leute hier sind für sowas noch nicht reif. Und wenn die Unternehmer, mit denen wir zusammenarbeiten, Wind davon bekommen, was Du fier oine bisch, dann könnten wir ernsthafte Probleme bekommen. Wir leben von unserem guten Ruf. Und wenn Du Dich outest, schädigst Du den Ruf des Unternehmens. Wir würden es sehr bedauern, wenn Du Dich gegen den Job und für diese Missionierungs-Aufgabe entscheiden würdest. Wir haben Dich hier doch alle lieb und das ist auch gar nicht meine persönliche Meinung. Es geht ums Geschäft.“

Ja, mein Chef ist ausgesprochen liberal – solange es nicht ihn direkt betrifft. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, ihm eine lesbische Tochter zu wünschen. Ihn im Geiste Heuchler, Schleimer, Mitläufer zu nennen und brennende Bewerbungsschreiben an Unternehmen zu verfassen, denen „Diversity“ kein Fremdwort ist. Ob die hiesigen Unternehmer wirklich so ekelhaft konservativ sind?

„Ja, die sind hier so, ich bin hier aufgewachsen, ich kenn die Mentalität! Und ich war gestern Abend noch im Kulturcafé „Bòtannan“ und hab dem Besitzer das erklärt. Weißt, ich kenn den ja, ich geh da öfter mal hin“, zieht mir mein Chef den Boden unter den Füßen weg.

Ich finde klare Worte und heiße Tränen. Heule ich vor Enttäuschung, vor Wut, vor Abscheu? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mir solche Dinge auf dem Land schon so oft passiert sind immer und immer wieder passieren werden – und dass ich einer der wenigen Dinosaurier bin, die es hier dennoch irgendwie aushalten. Warum? Weil ich immer noch hoffe, dass sich eines Tages etwas ändern wird. Dass die Landleute, wenn sie öfter mit „uns Homosexuellen“ konfrontiert werden, irgendwann kapieren, dass auch wir das Recht auf das Funkeln der Sterne bei Nacht und das Zirpen der Grillen haben. Weil wir hierher gehören. Weil hier unser Herz schlägt.

Aber solange ich als Prostituierte arbeite, werde ich wohl nichts dazu beitragen, denn ich bin nicht bereit dazu, mich für „die Missionierungs-Aufgabe“, die Lesung und damit gegen den Job zu entscheiden. Ich bin Personalerin, ich weiß, wie man Leute los wird, wenn man will. Gleichbehandlungsgesetze gelten hier auf dem Land nicht, hier gelten eigene Gesetze, die Gesetze des „Vitamin B’s“. Ich weiß, was sich unter der diplomatischen Verpackung verbirgt.

Ein Geschenkband um eine Bombe.

Immerhin, das muss man ihm zugute halten, hat mein Chef eine alternative Idee: Ich könne die Lesung ja von einer Ghost-Autorin halten lassen. Eine Andere an meiner Stelle schicken, wenn es mir so wichtig sei, dass die junge Generation der potentiellen In-die-Stadt-Flüchter das Zeichen bekommt, das ich setzen möchte. Dass hier noch bunte Vögel leben, nicht nur Krähen, die einander die Augen aushacken. Es ist verlogen, aber es ist die einzige Alternative. Und ich kenne eine Frau, die den Arsch in der Hose hat, meine Lesung an meiner Stelle zu halten. Als Autorin auf meinem Buch zu erscheinen. Als Urheberin im Impressum meiner Website. Als Pressekontakt. Als Admina meiner Facebook-Seite. Als Copyright-Inhaberin auf meinen fotografischen Arbeiten. „Discordia, wir brauchen ein Business Meeting!“ tippe ich ihr eine Nachricht. Sie stellt keine überflüssigen Fragen. Discordia ist eine Freundin, die auf die Aussage „Ich glaube, wir müssen jemanden umbringen“ mit „Wann soll ich mit Schaufel und Säcken vorbeikommen?“ reagiert.

In der Mittagspause mache ich mich auf den Weg, um dem Besitzer des Kulturcafés die Idee zu verklickern. Dass er sehr verhalten reagiert, wundert mich nicht wirklich. „Weisch, ich kenn die Frau vo Deim Chef, da war die noch sooo kloi!“ – er deutet mit der Hand die Größe eines laufenden Meters an. „Und eigentlich ist der Terminkalender für dieses Jahr auch schon ziemlich voll. Ich würd sagen, ich meld mich bei Dir, wenn ich da was konkret planen tät.“

Wieder tippe ich eine Nachricht an Discordia: „Ich glaube, es hat sich erledigt.“

Auch der Herr Bòtannan lebt eben auf dem Land.

 

Verfasserin: anonym

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