Hier stand mal ein Artikel über Homophobie. Geschrieben von einer Frau, die mit Sätzen wie „Gott wollte nicht, dass Frauen Frauen lieben“ aufgewachsen ist. In ihrem Artikel wollte die Autorin anderen Mut machen, denn sie hatte es endlich geschafft sich davon zu befreien und konnte somit endlich frei als glückliche Lesbe leben.

Leider musste besagter Artikel aus verschiedenen Gründen vom Netz genommen werden und ich wollte eigentlich etwas anderes zu dem Thema „Homophobie“ schreiben. Aber was? Ich wuchs tolerant, wissenschaftsorientiert und mit Liebe auf. Zwischen dem siebten bis zehnten Lebensjahr befand sich in meinem Schrank ein Buch: „Das Buch der Zahlen.“ Es war Wissenschaft für Kinder. Daneben bildliche Darstellungen und Erklärungen zur Astrophysik. Im Urlaub sah ich zwei Frauen, die aneinander gekuschelt im Sand lagen. „Die sind lesbisch – das nennt man so, wenn sich zwei Frauen lieben“ war die Erklärung meiner Mutter. Es war ein Aha-Effekt bei mir. Ich hatte ein Wort für mich.

Ein Junge auf einem Spielplatz, der sich wie ein Mädchen verhielt und super zickig war. Ich fragte meine Mutter. „Der will wohl ein Mädchen sein. So etwas nennt man transsexuell.“

Dann umarmten sich zwei Männer, als wir im Eiscafé saßen. Ich sah sie und sagte „guck mal, wie umarmen die sich denn?“ Es sah etwas komisch aus. Einfach nur die Art, wie sie sich umarmten. Sie meinte: „Die sind schwul. Schwule machen das so.“

Nein, eigentlich machen sie das nicht so, oder zumindest nicht alle. Aber es war nicht wichtig. Es war eine Erklärung für ein kleines Mädchen, dessen Neugierde damit befriedigt war.

Was will dieses Mädchen eigentlich über Homophobie schreiben, jetzt – wo es groß ist und so tolerant aufgewachsen ist? Gut, Probleme gab es. In der Schule. Der Vater. Aber waren das Probleme? Ein Vater einer Ex-Freundin griff mich mal tätlich an. Es war Homophobie, die ihn dazu brachte, mit Gewalt in meine Wohnung eindringen zu wollen. Ich schmiss ihn raus. Er kam eigentlich gar nicht richtig rein. Das war hart, aber es war schnell überwunden.

Eine andere Welt….

Man kann aber auch anders aufwachsen. Mit Bibelstunden für Jugendliche. In einer baptistischen oder mennonitischen Gemeinde. Unter Evolutionsleugnern. Homophoben. Man kann als kleines Mädchen erzählt bekommen, dass Frauen lange Haare haben müssen, sich nicht schminken dürfen, dass es keinen Sex vor der Ehe geben darf, dass Frauen nur Röcke tragen dürfen und keine Hosen. Man kann erzählt bekommen, dass der Religionslehrer das Nonplusultra ist und man den Biologie-, Chemie- und Physik-LehrerInnen nicht glauben soll, da sie nur Lügen erzählen. Diese Tochter könnte aber auch früh mitbekommen, dass etwas nicht stimmt, weil die Bibel und die christlichen Gesangsbücher nur auf dem Tisch liegen, wenn der Pfarrer oder die Gemeinde zu Besuch kommt. Ein weiteres Indiz dazu könnte für sie sein, dass das Vorzeige-Wohnzimmer keinen Fernseher hat und es keinen Computer gibt, aber die Eltern sich, wenn sie alleine sind, immer in einem kleinem Kabuff aufhalten, wo eben jene Geräte stehen. Christen gucken kein Fernsehen. Sie tanzen nicht, aber singen den ganzen Tag Lieder oder lesen die Bibel. Die Tochter könnte daran zuerst partizipieren, aber dann Zweifel kriegen, weil sie es geheuchelt findet. Sie könnte die Lügen schnell enttarnen.

Auch diese Tochter könnte lesbisch sein. Sie könnte erst mit 21 Jahren feststellen, dass sie lesbisch ist. Das erste Mal Liebe erfahren. Das könnte sie durchaus verwirren, doch müsste sie nicht davon abhalten, trotzdem zu sich zu finden und mit ihrer Situation zurecht zu kommen.

Diese Tochter könnte mit der Zeit sehr stark werden und ihrer Familie klar machen, wo der Hase lang läuft – auch, wenn sie bei einem Tyrannen aufwuchs, der keine Widerrede duldete und dessen Hand schneller ausrutschte als im Herbst die Bäume ihre Blätter verlieren. Aus „kein Widerspruch“ könnte ein „alles Quark“ werden, wenn die Tochter mitbekommt, dass alles eine Lüge ist: Denn – es gibt lesbische Liebe, Frauen können sich schminken, Hosen tragen und kurze Haare haben. Diese Tochter könnte sogar eine Femme werden, die ihre eigene wunderbare Art entwickelt auf feminine Art der Homophobie zu begegnen. Sie könnte sehr schlagkräftig werden.

Nein, sie ist es geworden! Sie ist die starke Frau an meiner Seite. Diese beiden Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, lernten sich kennen. Sie und ich. Nun kamen diese beiden Welten zusammen. Wir lernten uns über Lesarion kennen. Liebe auf den ersten Blick, beim ersten Date. Dann lernte ich ihre Familie kennen.

Funkenregen und Familie

Während unsere Gefühle noch Achterbahn fuhren, zogen wir zusammen. Ein Mietshaus, aber das Haus ihrer Eltern. Zuerst wurde alles akzeptiert. Ich sah, wie meine Frau ihre Familie erzogen hatte. Sie hat alle gut im Griff. Das Verbot, uns bei ihren Eltern in der Wohnung zu küssen, auch nur ein Schmatzer … Die heterosexuelle Verwandtschaft darf das. Wir nicht. Dies war uns bislang egal, wir akzeptierten es …

Sind wir draußen und ihre Mutter sieht wie wir uns umarmen, verzieht sie das Gesicht. Guckt absichtlich weg. Auch das war erst einmal egal.

Das erste Treffen mit einer der Schwestern verlief locker. Beim Einzug wurde ein bisschen geplaudert.

Das erste Treffen mit der anderen Schwester war soweit okay. Wir spielten mit ihren zweijährigen Kindern im Sandkasten Kuchenbacken und danach mit dem Mädchen Fußball. Der Junge wollte nicht.

Wenige Tage später gab es ein Kontaktverbot. Meine Frau dürfe weiterhin zu ihrer Schwester, aber ich nicht. Die Kinder hätten Angst vor mir.

Eigentlich kam jene starke Frau an meiner Seite gut mit ihnen zurecht. Sie akzeptierten ihr Lesbischsein scheinbar. Aber eine Lesbe, die Single ist, ist wohl etwas anderes als eine Lesbe, die eine „fiese und böse“ lesbische Partnerin hat. Eine Schwester, die liebt und geliebt wird. Ein lesbisches Paar, das zusammen wohnt und Sex hat. Das war dann doch zu viel.

„Eine Familie besteht aus Mann und Frau“ hörten wir. Wir erfuhren aber auch von dem Vater meiner Frau, dass ich nun Teil der Familie wäre. Dann sagte der Mann der einen Schwester aber, Blut sei dicker als Wasser, sie solle sich um ihre „richtige“ Familie kümmern und nicht um mich. Warum? Die Beziehung mit mir sei seiner Ansicht nach sowieso nichts ernstes.

Wir hörten dann von der anderen Schwester und ihrem Mann, also jenen mit den Kindern, es wäre etwas vollkommen anderes, wenn ich ein Mann sei. Dann wäre unsere Beziehung für sie vollkommen okay, aber so etwas wie uns müsse man den Kindern ja nicht zeigen. Der Mann, ein Telekomiker, verweigerte uns die Hilfe bei der Anschlussverlegung. Wir sind eben keine Familie, wir sind nur zwei Frauen. Als sie noch Single war, half er meiner Frau hingegen immer.

Zwischendrin lernte meine Frau auch meine eigene Familie kennen, also meine Mutter. Einen Vater, dem ich sie vorstellen wollen würde, habe ich nicht. Darum lernte meine Frau meine Mutter und ihren Mann kennen. Der Mann meiner Mutter kommt nicht gut damit klar, dass ich maskulin bin, dass ich gerne Muskelshirts und Cargohosen trage. Ein schlimmes Problem. Eigentlich. Aber es ist sein Problem, nicht unseres.

Das Treffen verlief soweit aber nett. Es gab Kaffee, Kuchen und viel Plauderei. Die Fragen waren etwa: „Wo habt ihr euch kennengelernt?“. Ein „Du stehst nur auf Frauen?“ war nicht dabei. Es war egal. Es wurde sowieso angenommen.

Zurück in der neuen Wohnung

Die Kinder, die angeblich Angst vor mir haben, spielten nun mit mir. Sie kletterten in Schränke, bauten Höhlen und aßen mit uns Mittag. Die Mutter wollte sie runterlotsen. Den Kontakt unterminieren. Die Kinder waren deutlich: „Nein, wir wollen nicht runter. Wir wollen hier bleiben!“

Bei ihrem nächsten Besuch waren die Kinder allerdings komisch zu mir. Sie mieden mich und sprachen nicht mit mir. Es tat sehr weh. Wir horchten nach: Mama und Papa sagten ihnen offensichtlich, sie dürften nicht mehr mit mir sprechen. Den Kleinen war dies peinlich und unangenehm, das merkte man deutlich. Später bekamen wir mit, dass ihre Mutter die ganze Zeit vor unserer Wohnungstüre stand. Sie lauschte. Sie belauschte uns. Die feine englische Art.

Geldprobleme und richtige Familien

Der Mann der Mutter, chronisch verschuldet, möchte immer Geld geliehen haben. Sie leiht es sich von allen. Sie kriegt es auch mal geschenkt. Sie haben nicht viel und sie hat zwei Kinder.

Sie fragte meine Frau. Diese bekam zu dem Zeitpunkt noch kein Gehalt. Wir lebten gerade von meinem Geld.

Diesmal wieder diese Vorwürfe, als die Frau an meiner Seite kein Geld hatte. Es wurde von richtigen Familien geredet. Wieder von Blut, Wasser und von kleinen Kindern. Aber wie sehr sie ihr Geld geben wollte, sie hatte ja keines. Dann kam der Vorwurf, dass meine Frau alles für mich ausgegeben hätte. Ich würde keine Miete zahlen, mich durchfüttern und rumkutschieren lassen. Plötzlich war ich ein Punk. Nungut, dass Punks nicht arbeiten, ist ein ziemlich dummes Vorurteil. Dass ich eine Punkerin bin, ist ebenso eines, denn ich wurde nicht gefragt. Überhaupt, dem Aussehen nach zu Urteilen kann man mich eher in der Metalszene verorten, aber was macht das schon. Es war eindeutig das Suchen nach Gründen. Fadenscheinige Gründe, die man sich zusammenreimen möchte, wenn man zwanghaft jemanden nicht mögen will. Sagen will: „Ich akzeptiere ja, dass du lesbisch bist, aber diese Frau hier akzeptiere ich nicht.“ Nicht, weil … weil … „Ein Punk.“ Oder? Egal. „Sie lässt sich durchfüttern.“ → „Wie, ihr lebt von ihrem Geld?“ Oh. „Egal, die Nase! Es ist die Nase! Und die zupft sich nicht die Augenbrauen! Wie sie rumläuft, guck nur!“

Die erste Langzeitbeziehung von meiner Frau war ihnen „zu alt.“ Alles gewichtige Gründe …

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Weihnachten hat eigentlich kaum einen christlichen Hintergrund. Es ist ein Amalgam aus dem römischen Sol-Feiertag (25. Dezember, Geburtstag der Sonne) und irgendwelchen vorchristlichen Bräuchen. Dazu kam ein Weihnachtsmann, der von einer bekannten Erfrischungsgetränkemarke gesponsert worden ist. Kommerz. Dazu 5 € für fünf Champignons mit Toastbrot auf dem Weihnachtsmarkt. Aber ein schönes Fest für Kinder. Es kann auch romantisch sein. Soweit die atheistische Sicht auf Weihnachten. Meine Sicht. Ich bin Atheistin. Skeptikerin.

Es gibt auch eine andere. Die Christliche. Dort wird von Nächstenliebe geredet. Von Vergebung. Von Besinnlichkeit und Familie. Zumindest in Deutschland. Die Familie hier besteht aus Christen. Oder zumindest nennen sie sich so.

Zur Erinnerung: Der Vater meiner Schönen sagte, ich gehöre zur Familie. Die Mutter ist extrem zurückhaltend. Redet davon, sich daran gewöhnen zu müssen. Wenn wir reden, redet sie vom Kochen. Spannende Themen.

Gepaart mit den Geldsorgen und dem Christentum sind aber die beiden Schwestern gegen uns. Dazu ihre Männer. Einer der Männer scheint nur moderat christlich zu sein, aber durch meine körperliche Stärke, die größer ist als die Seine, fühlt er sich eingeschüchtert. So hat dann jede/r einen Grund mich nicht zu mögen.

Es folgte das Verbot für meine Schöne, den kleinen Kindern Nikolausstiefel zu schenken. Zuerst war es wegen des Geldes, dann wegen der Kinder. Vielleicht werden ja beide durch uns auch zu Lesben. Also auch der kleine Junge. ?!?

Dann kam die Krönung. Die Schwestern sagten, sie würden zu Weihnachten nicht zu den Eltern kommen, wenn ich käme. Meine Frau wäre willkommen, aber wenn sie mich mitbringen würde, würden sie nicht kommen.

Der Vater, für den ich zur Familie gehörte, lud mich kurzerhand aus. „Das muss man verstehen“ sagte er. „Die wollen nicht, das ihre Kinder sowas kennenlernen.“

Wir horchten noch einmal direkt nach und ich stellte gezielt die Frage: „Soll das heißen, dass ich nicht eingeladen bin?“

„Nein, bist du nicht. Meine Tochter darf kommen. Du nicht. Du gehörst nicht zur Familie.“

Wir verließen stehenden Fußes die elterliche Wohnung und gingen in unsere. Später wunderte sich die Mutter, dass wir nicht mehr grüßten. „Wir sind zu Weihnachten ausgeladen worden!“, gab meine Frau als Begründung an. Achselzucken ihrerseits, sie könne da nichts machen.

Die Eltern reden weiterhin mit meiner Schönen als wäre nichts passiert. Garnichts. Wir suchen bereits eine neue Wohnung, was aber niemand weiß. Der zweite Umzug in drei Monaten. Sie glauben dabei hingegen wohl wirklich, es sei nichts passiert. Ich bin ja Atheistin, wie der Vater sagte, da könne ich Weihnachten ja ausgeladen werden. Seiner Ansicht nach feiere ich es ja nicht. Somit könne es mir auch nichts bedeuten. Allerdings handelte es sich bei seiner Aussage – ich sei Atheistin – um eine pure Annahme. Gesprochen hatten wir nie darüber. Und da wir ja keine Familie sind und ich Atheistin bin, ist offiziell nichts passiert – denn wer braucht da schon Weihnachten. Heute bekam meine Frau Kinderschokobons geschenkt…

Ich frage mich, ob die Familie den Sinn von Weihnachten jemals verstehen lernen wird. Ich verstehe ihn jedenfalls nicht. Ich bin Atheistin.

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