Woher soll ich wissen was ich will, wenn ich theoretisch alles machen kann?

Okay zugegeben, dieser Aufhänger klingt ziemlich theatralisch, doch sieht es in meinen Gedanken aktuell genau so aus. Ich bin gerade 30 Jahre alt oder jung geworden und habe das Gefühl, an einer Art Scheideweg zu stehen. In Gedanken würde ich gern mit meiner Zukunft Bingo spielen, doch so einfach ist das leider nicht… Willkommen in der Realität, hier ergibt sich alles. Es ist zäh, man muss sich die Zukunft erarbeiten und damit meine ich nicht den Job, sondern das Drumherum. Doch was, wenn man nicht weiß, wohin die Reise gehen soll? Ich will nicht stehen bleiben und dann was verpassen! Ich will aber auch nichts anfangen, um es dann wieder wegzuschmeißen. Ich will mir sicher sein und dabei bleiben. So, wie es meine Eltern und Großeltern taten. Ich habe keine Lust auf irgendwann „nochmal neu“!

So war meine Vorstellung…

Drehen wir die Uhr einmal etwa 10 Jahre zurück. Ich war jung, definitiv, und fühlte mich total erwachsen. Ich dachte, das mit den kuriosen Gefühlen für Frauen könne ich irgendwie verdrängen und stürzte mich von jetzt auf gleich in eine Beziehung zu einem Mann. Er erfüllte alle Aspekte, die ich von einem Mann erwartete und dementsprechend versuchte ich alle Aspekte zu erfüllen, die ich dachte, die die Gesellschaft von mir erwartete. Vermutlich erwartete ich diese Aspekte aber ebenfalls von mir selbst. In meinem Kopf gab es jedenfalls nur ein: Mann + Frau = bisschen Beziehung, zusammenziehen, bisschen Verlobung, (Hauskauf?), Ehe, jetzt spätestens der Hauskauf ! und dann Kinder…  Seit ich ein kleines Mädchen war, gab es in meinen Vorstellungen nur einen Mann und Kinder. Haltet mich für verrückt, aber ich schrieb ständig und über viele Jahre immer wieder neue Zettel mit Namensideen für potenzielle Kinder! Darin war ich richtig ambitioniert. Ich zeichnete sogar Grundrisse für ein Haus und richtete es in Gedanken schon ein.

Dann stellte ich fest, das mit den Gefühlen für Frauen lässt sich doch nicht verdrängen. BINGO! Aber was soll ich jetzt mit diesem BINGO anfangen? Genau das ist mein Problem. Gerne hätte ich jetzt noch ein zweites BINGO, doch während das erste so nah lag, weiß ich nicht, wo ich das andere finden soll?

Auch hier hielt ich ein paar Jahre an meinem Familienmodel fest, wobei ich mir niemals vorstellen konnte, einer Frau einen Antrag zu machen oder gar eine Frau an meiner Seite zu haben, die entweder schon ein Kind hat oder selbst einmal schwanger sein würde. Nein, das ist meine Rolle! Ich will eine Frau, die mir den Bauch streichelt, mit unserem Kind redet und mir die Hand hält, wenn ich im Kreissaal liege. Ich bin doch die, die nachts um zwei Uhr sagt: „Schaaaatz… ich hab Lust auf Gurken und Schokolade!“

Beziehungen hatte ich tatsächlich bereits mehrere mit Frauen. Jede davon hielt etwa zwei Jahre. Das ist eine gute Zeit, um sich so gut kennenzulernen, dass man kurz davor ist, sich etwas aufzubauen oder schon damit angefangen hat, um dann zu merken, dass man das auf keinen Fall für noch längere Zeit aushält. Die zwei Jahresgrenze hat nur die aktuelle überstanden und dieses Mal habe ich nicht vor, mich zu trennen oder getrennt zu werden. In der Vergangenheit war es mir immer total wichtig, dass meine Freundin mich heiraten wollte, ich brauchte dieses Sicherheitsgefühl, selbst, wenn ich mir unsicher war. Jetzt ist es plötzlich anders.

Um mich herum heiraten alle, sie bekommen Kinder oder planen mit einigem Aufwand, welche in die Welt zu setzen. Auf einer dieser standesamtlichen Hochzeiten sagte der Standesbeamte recht trocken: „Es ist ein Vertrag, machen sie sich das bewusst!“ Das war mir offensichtlich gar nicht so b e w u s s t, denn plötzlich fühlte sich das alles ganz schön eng an und da die Ehe jetzt auch für uns möglich ist, kann ich ein ‚Nein‘ auch nicht mehr auf die fehlende Gleichstellung schieben. Was, wenn ich mich dann doch trennen will oder getrennt werde? Okay, das will ich wirklich nicht, das kann ich ausschließen. Sie ist mit jeder einzelnen Zelle ihres Seins die Richtige zum alt werden! Was ist dann mein Problem damit? Und da war alles offensichtlich. Wenn ich heirate, dann muss ich mir w i r k l i c h Gedanken um mein weiteres Dasein auf dieser Erde machen. Dann habe ich mich entschieden, dann kommen die nächsten Punkte auf meiner damaligen Liste. Eine Liste, die es aber gar nicht mehr in dieser Form geben muss. Niemand erwartet mehr das von mir, was damals von mir erwartet wurde. Was erwarte ich von mir?

Ja, ich würde tatsächlich doch einen Heiratsantrag machen. Wo ist das Problem (schöner wäre es aber andersrum)? Nein, ich brauche kein Haus. Eine schöne Wohnung reicht auch und man muss sich um weniger kümmern. Kinder? Da bin ich unentschlossen. Auf der einen Seite ist es schön, aber reichen nicht auch Katzen? Kinder bedeuten definitiv Stress und das tagtäglich. In einer lesbischen Beziehung entscheide ich mich zu 100 Prozent bewusst für ein Kind. Es passiert nicht einfach so und dann lebt man damit und ist halt glücklich, weil Kinder ansich natürlich toll sind. Aber was ist, wenn es dann doch irgendwie schief geht? Was, wenn das Kind all das macht, was ich in meiner Jugend gemacht habe – und ich war gar nicht mal so schlimm wie meine Freunde!

Mütter sehen immer so glücklich aus und straheln so viel Kraft aus! Kann ich das überhaupt?

Möchte ich das? Tagtäglich? Möchte ich jeden Tag kochen und putzen, möchte ich einen 24/7 Job und einen normalen noch dazu? Möchte ich funktionieren, auch wenn ich krank bin? Möchte ich später unerlaubte Parties bei mir zu Hause und Jugendliche, die in meinem Bett schlafen, während ich außer Haus bin? Mein Bruder und ich hatten ein gutes Verhältnis zu unseren Eltern und wir haben es trotzdem gemacht. Wir haben einfach nicht darüber nachgedacht, wie sich das für meine Eltern anfühlt. Also, warum nicht einfach entspannt vor sich hinleben, reisen und Spaß am Leben haben, ohne große Verpflichtungen? Hätte ich wirklich die Energie für eine Familie mit Kindern?

Jetzt wo mir bewusst wird, dass ich das alles nicht mehr m u  s s, habe ich so viele Optionen, dass ich gar nicht weiß, was ich machen will. Eine Hilfe wäre natürlich die Frau an meiner Seite und ihre Wünsche. Aber der geht es ähnlich wie mir!!!

Wie finde ich mein zweites BINGO? Sagt mir jetzt bitte nicht, abwarten, leben und sehen was passiert.

– Maria, 30

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