Mein lesbisches Leben und ich: Was haben Frauen gegen Frauen?

Mein lesbisches Leben und ich | Teil I - von Lina Kaiser

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Heute startet Schriftstellerin Lina Kaiser von frauverliebt.de mit ihrer neuen SzeneLesbe-Kolumne „Mein lesbisches Leben und ich“…

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“Ich gucke die Frauen-EM nicht, ich finde Frauenfußball ist nicht ansehnlich”, sagte sie. Das ist eine subjektive Meinung, könnte man sagen. Aber was mich wirklich an dieser Aussage irritierte: Sie kam von einer Frau, die selbst im Frauenfußball engagiert ist. Was haben Frauen bloß gegen Frauen?!

“Hast du Deutschland gegen Schweden geguckt?”, fragte ich sie. Sie selbst hat lange Zeit Fußball gespielt und eine Mädchenmannschaft trainiert – es lag nahe, sie auf die Frauenfußball-Europameisterschaft anzusprechen. Ihre Antwort allerdings irritierte mich doch sehr: “Nein, ich kann das nicht gucken. Ich finde Frauenfußball ist nicht ansehnlich.” Hätte sie nicht einen eigenen Frauenfußball-Hintergrund gehabt, vielleicht hätte ich die Aussage als ihre subjektive Meinung so stehen lassen können – aber so konnte ich es nicht. Auf mein Nachfragen hin erklärte sie mir, dass Männerfußball schneller wäre und Frauen so viele Stockfehler drin hätten. “Männerfußball ist einfach athletischer”, sagte sie. Ich fragte mich: Wieso überhaupt der Vergleich?!

Ich mag Fußball. Geboren in eine Schalke-Familie, blieb mir von Kindesbeinen an nichts anderes übrig, als die Fußball-Bundesliga zu verfolgen. Irgendwann im Teenager-Alter habe ich selbst versucht, ein bisschen im Verein zu kicken, stellte mich aber leider als talentfrei heraus und gab schnell auf. Nichtsdestotrotz war dies meine erste wirkliche Begegnung mit dem Frauenfußball. Spätestens seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft im Jahr 2007 gilt auch den DfB-Frauen mein Interesse und heute schaue ich mir auch gerne mal ein SGS Essen Spiel an. Was mir dabei aber immer wieder schmerzlich ins Auge fällt: Die leeren Ränge. Frauenfußball wird nicht viel beachtet und manchmal gar nur belächelt.

Das Frauenfußball-Verbot aus den 50er Jahren besagte: “Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.”

Das damalige Denken untersagte Frauen den Fußball aufgrund von bestimmten Erwartungen an ihre Weiblichkeit. Ich finde furchtbar, wenn es aufgrund des Geschlechts einen Unterschied in der Wertigkeit einer Tätigkeit oder sonstigem gibt. Vielleicht ist dieses Ungerechtigkeitsempfinden bei mir auch etwas extremer ausgeprägt, weil ich lesbisch bin und deshalb früher darunter gelitten habe, mich nicht gleichwertig zu fühlen. Meine persönliche Lösung für dieses Empfinden sieht so aus: Ich gehe zu den Spielen, ich schalte ein! Je mehr Leute das täten, desto fairer würde die Anerkennung für den Fußballsport ungeachtet des Geschlechts, das ihn ausübt, werden – also versuche ich das Beispiel zu sein, das ich sehen will, und unterstütze Frauenfußball.

Meine Hoffnungen auf Gleichwertigkeit der Geschlechter schwindet allerdings, wenn ich feststelle, dass das längst nicht alle so sehen – auch Frauen nicht, die selbst aus dem Frauenfußball kommen.

© Lina Kaiser

Ich möchte ja gar nicht abstreiten, dass im Männerfußball mehr Tempo herrscht. Aber deswegen spielen Frauen ja auch nicht gegen Männer. Aufgrund der anatomischen Unterschiede sorgt man so für faire Spiele. Also wozu der Vergleich? Warum vergleichen Frauen Frauen mit Männern? Warum werten Frauen einen Sport ihres eigenen Geschlechts ab nach dem Kriterium der “Ansehnlichkeit”? Warum können Frauen andere Frauen nicht leiden, ansehen, unterstützen, weil sie Frauen sind?

Meine Gesprächspartnerin sagte zu mir, ich müsse in der Lage sein, auch andere Meinungen zu akzeptieren – und da hat sie natürlich Recht. Wer kein Bock darauf hat, die Frauen-EM zu gucken, der muss das auch nicht tun. (Und wer noch überlegt, kann mal in meinen Artikel „Warum Du die Frauenfußball-EM gucken solltest“ schauen…) Aber was ich mir, wie mir dieses Beispiel wieder gezeigt hat, doch etwas mehr wünsche: Dass zumindest wir Frauen einander unterstützen, statt uns nach sexistischen Kriterien zu bewerten. Die Ungerechtigkeiten zwischen Mann und Frau sind eben nicht bloß von Männern gemacht – sondern auch von uns Frauen selbst.

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Lina Kaiser
Lina Kaiser wurde 1990 im Ruhrpott geboren. Schon im Kindergartenalter bastelte sie kleine Bücher über die Geschichten, die sie faszinierten – von Helden und Liebe und garantierten Happy-Endings. Als Kind des Ruhrgebiets, diesem Ballungsraum geliebter Traditionsvereine, entwickelte sie bald eine Vorliebe für Fußball – leider erwies sie sich im Spiel als talentfrei. Eine weitere große Leidenschaft entbrannte für das Theater und Musical; doch auch hier folgte die Erkenntnis, dass sie für die Bühne nicht geschaffen war. Stets suchte sie also nach anderen Mitteln und Wegen ihre von Disneyfilmen verblendeten Träume auszuleben. Sie zeichnete Comics und füllte unzählige Tagebücher voll Pathos und Weltschmerz über ihre Teenager-Jahre an einer Mädchenschule. Eines Tages fiel ihr ein, dass sie auch über anderes schreiben könnte. Heute studiert sie. Doch hauptsächlich macht sie immer noch das, was sie immer tat: ihren Platz in der Welt suchen und den Weg dorthin in Worten festhalten. Veröffentlichte Bücher: Im Abseits der Lichter, Tanz ins Flutlicht

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