Mein lesbisches Leben und ich: Das interessiert mich nicht – weil ich lesbisch bin!

Mein lesbisches Leben und ich | Teil II - von Lina Kaiser

Kennt ihr dieses Bild, auf dem viele Männermodels mit freiem Oberkörper in die Kamera grinsen und der Text darüber sagt: “I don’t care. I’m lesbian.”? Wenn nicht, googelt mal. Dieses Bild spiegelt perfekt wieder, wie es mir SO oft geht. Es gibt Themen, die interessieren mich einfach nicht – denn ich bin lesbisch. Nicht jeder kapiert das.

Mir steht nicht auf der Stirn geschrieben, dass ich lesbisch bin. Das ist auch kein Problem – und doch würde ich mir manchmal wünschen, es stünde dort. Nicht, um Aufmerksamkeit zu erregen oder gar ein Statement zu setzen. Nö. Sondern einfach nur, damit mich Leute nicht mit Aussagen über, Fragen zu und Schwärmereien von Männern terrorisieren.

Vor ein paar Wochen war ich im Fitnessstudio und wollte mich an einem Gerät versuchen, das die Bauchmuskeln trainiert. Um mich einzuweisen, kam ein Trainer vorbei – doch leider beließ er es nicht mit einer Erklärung des Geräts. Er erklärte mir auch gleich den Grund, warum ich überhaupt trainiere: Um Männern zu gefallen. Er sagte, dass es für Frauen okay sei, keinen Sixpack zu haben, denn Männer würden da ja nicht viel Wert drauf legen.

Heteronormativität nervt mich!

Ich war sprachlos angesichts dieses sexistischen Denkens, das davon ausgeht, dass alle Frauen nur darüber nachdenken, was Männer von ihren Körpern halten – und zusätzlich genervt angesichts dieser absoluten Irrelevanz dieser Aussage für mich als Lesbe. Nur weil ich eine Frau bin, wird darauf geschlossen, dass ich mir Gedanken über Männer mache. Heteronormativität. Dabei bin ich nicht nur eine Frau, die sich zum Sport schleppt, um was für sich selbst zu tun, statt für die Augen von Männern – ich bin auch noch lesbisch und interessiere mich quasi doppelt nicht dafür, was Männer an Frauen mögen!

Jetzt kann man zur Verteidigung des Trainers sagen, dass er ja nicht wusste, dass ich lesbisch bin (was nicht den Rest seiner Aussage entschuldigt). Doch nicht nur Menschen, die nicht um meine Homosexualität wissen, bringen mich manchmal zum Zähneknirschen – das schaffen auch welche, die ganz genau davon wissen. Ein solcher hat mich letztens gefragt, ob ich Männer mit Brusthaar attraktiv finde. Die simple Frage traf auf blanke Leere in meinem Kopf und ich wusste zunächst nicht, was ich antworten sollte. Ding ist: Ich habe noch nie einen Gedanken daran verschwendet, ob ich Männer mit oder ohne Brusthaar besser finde, denn es interessiert mich einfach nicht. Sollen sich Männer wachsen lassen oder wegrasieren, was sie wollen: Es ist mir egal. Unglaublich, aber wahr!

Wie wäre es mit einer Hetero- und Homonormativität?

Natürlich kann ich nicht davon ausgehen, dass die Menschen ihre Standardthemen umschiffen oder sich bei manchen Sätzen gar auf die Zunge beißen, nur weil ich dabei bin. Aber manchmal wünsche ich es mir doch! Das sind Momente, in denen ich mir wünschte, meine Sexualität wäre einfach genauso normativ wie Heterosexualität und niemand würde mehr voraussetzen, was wen wie aufgrund welchen Geschlechts zu interessieren hat. Ich glaube, vielen Menschen fällt überhaupt nicht auf, wenn sie heteronormative Sachen sagen – weil es einfach Gang und Gäbe ist. Und es bringt mich auch nicht um. Aber ich möchte an dieser Stelle gerne einmal darauf aufmerksam machen, dass mich manches schlicht und ergreifend wirklich nicht interessiert – weil ich lesbisch bin. Danke.

Was mich sonst noch so als lesbische Frau wütend macht, erzähle ich auf frauverliebt.de in “Lesbische Wut”.

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© Lina Kaiser

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Natürlich hat Lina Kaiser, die bereits zwei Coming-out Folgeromane (Im Abseits der Lichter, Tanz ins Flutlicht) veröffentlichte, auch ihren eigenen Internetauftritt. Den findet ihr unter: frauverliebt.de

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Lina Kaiser
Lina Kaiser wurde 1990 im Ruhrpott geboren. Schon im Kindergartenalter bastelte sie kleine Bücher über die Geschichten, die sie faszinierten – von Helden und Liebe und garantierten Happy-Endings. Als Kind des Ruhrgebiets, diesem Ballungsraum geliebter Traditionsvereine, entwickelte sie bald eine Vorliebe für Fußball – leider erwies sie sich im Spiel als talentfrei. Eine weitere große Leidenschaft entbrannte für das Theater und Musical; doch auch hier folgte die Erkenntnis, dass sie für die Bühne nicht geschaffen war. Stets suchte sie also nach anderen Mitteln und Wegen ihre von Disneyfilmen verblendeten Träume auszuleben. Sie zeichnete Comics und füllte unzählige Tagebücher voll Pathos und Weltschmerz über ihre Teenager-Jahre an einer Mädchenschule. Eines Tages fiel ihr ein, dass sie auch über anderes schreiben könnte. Heute studiert sie. Doch hauptsächlich macht sie immer noch das, was sie immer tat: ihren Platz in der Welt suchen und den Weg dorthin in Worten festhalten. Veröffentlichte Bücher: Im Abseits der Lichter, Tanz ins Flutlicht

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