Lesbisch in einer männerdominierten Arbeitsbranche

Lesbisch + Handwerk = Traumjob

Ich bin gelernte Schlosserin oder wie es heute heißt, Metallbearbeiterin. Ich arbeite mittlerweile 10 Jahre in diesem Beruf. Seit meiner Lehrzeit habe ich schon sehr viel erlebt, aber Probleme wegen meiner sexuellen Orientierung hatte ich nie, auch nicht mit meinen Kollegen oder Chefs. Man sollte sich nur ein loses Mundwerk angewöhnen und das hatte ich zum Glück schon immer. Ich finde es irgendwie amüsant, was für Sprüche ich mir hier und da von den männlichen Mitarbeitern anhören “darf”. Offensichtlich haben sie sehr viele Fragen, denen ich natürlich bis zu einem gewissen Grad gerne Rede und Antwort stehe. Ist eine Frage wirklich unter jedweder niveauvollen Antwort gestellt, gibt es einfach einen passenden Spruch zurück. Und wenn dann ein 2- Meter Kerl vor mir steht und nicht mehr weiß, was er sagen soll, ist das auch irgendwie niedlich.

Das Frage-Antwort-Spiel zwischen mir und den Männern sieht in etwa so aus:

Auf die Frage „Warum bist du lesbisch?“ antworte ich meist mit einem Grinsen im Gesicht „Weil Frauen einfach heiß sind und sie etwas haben, was du nicht hast: Brüste!“. Danach wollen sie wissen: „Hattest du schon mal Sex oder eine Beziehung mit einem Mann?.“ Darauf reagiere mit: „Ja hatte ich, nur war ich jedes Mal so betrunken, dass ich nicht mehr geradeaus laufen konnte. Für mich war es nie etwas Ernstes.“ Nächste haltlose Behauptung: „Du hattest noch nie den Richtigen.“. Ich sage: „Den gibt es für mich nicht. Ich steh einfach nicht auf Penisse.“. Weiter geht es dann mit: „Darf ich mal zusehen oder mitmachen?“ – „Das wird so teuer, dass du es dir eh nicht leisten kannst.“ Zum krönenden Abschluss stellt sich die männliche Bevölkerung offenbar folgende für sie wichtige Frage: „Benutzt ihr auch Sexspielzeug?“. Ich gebe zu, hier ist meine Antwort etwas drüber: „Klar, wir haben ein ganzes Zimmer voll und eine Vitrine mit sämtlichem Sexspielzeug. Das Neuste ist ein Pferdeschwanz -Dildo.“. Die Blicke danach sind unbezahlbar! Eins muss ich dazwischen mal einbringen, wenn ich jedes Mal für dumme Fragen 5 Euro bekommen würde, müsste ich heute sicher nicht mehr arbeiten.

Nicht nur Nachteile

Aber es hat auch Vorteile mit Männern zu arbeiten. Sie sind nicht so biestig und hinterlistig wie manche Frauen. Klar gibt’s unter den Männern auch Ausnahmen, aber zum Großteil schreien sie sich nur mal kurz an, dann ist die Luft raus und alles wieder in Ordnung. Gut finde ich auch, wenn die Kerle einen auf Macho machen, das kann ich nämlich auch, bezeichne ich mich doch selbst als Macho-Lesbe. Ich bin dadurch direkt mit ihnen auf Augenhöhe. In meiner alten Firma arbeitete ein Türke Namens Jam. Ein totaler Macho! Aber wenn er über seine Frau und seine beiden Kinder geredet hat, leuchteten seine Augen und er kam nicht mehr heraus aus der Schwärmerei. Er würde nie etwas über seine geliebte Familie kommen lassen, denn im Grunde hat er ein gutes Herz. Sein Macho-Gehabe ist eben nur eine Masche. Das merkt man besonders, wenn man die Jungs einfach mal näher kennenlernt.

Faszinierend ist auch immer wieder wie sie reagieren, wenn ich ihnen erzähle, dass ich mich bereits “ausgelebt” habe. Bisher wurde mir von ihnen noch nie der sogenannte „Schlampen Stempel“ aufgedrückt. Ich nehme an, wenn eine Hetero-Frau sagen würde, sie hätte sich “ausgelebt” wäre das anders. Warum und wieso das so ist – eine andere Baustelle. Zurück zum Thema.

Sophie

Was zählt ist Anerkennung

Was in meinem Beruf wirklich wichtig ist sind: Kraft und handwerkliches Geschick. Lange Fingernägel und Wehleidigkeit sind eher unangebracht. Sich zu beweisen ist in dieser Berufsbranche am wichtigsten – und zwar doppelt so viel wie ein Mann. Doch hat man das erst einmal geschafft, hat man seinen Traumarbeitsplatz gefunden. Es ist ein tolles Gefühl vom Chef zu hören, dass man seine Arbeit genauso gut wie ein Mann macht. Das motiviert und baut auf. Deswegen liebe ich meinen Beruf. Außerdem habe ich die Möglichkeit mich gut weiterzubilden und in verschiedene Richtungen zu gehen. Hier ein paar Beispiele: Zerspannung, Schmieden, Stahlschlosser, Schiffbau, Zugbau, Anlagenbau, Maschinenschlosser, Schweißer, Schlosser, Kesselbau und noch vieles mehr. Ich selbst habe auch schon einiges ausprobiert wie zum Beispiel Zug- oder Anlagenbau. Zuletzt war ich im Kesselbau tätig. In meiner Lehrzeit musste ich schmieden, was mir sehr gefiel. Das tolle daran ist, man kann mit Feuer Metall schmelzen und es in die verschiedensten Formen bringen. Leider ist es ein aussterbendes Handwerk…

Schmutzig nach Hause kommen, nicht immer ein Nachteil

Ich liebe auch den Dreck und den Geruch beim Schmieden. Wenn ich bei der Arbeit richtig schmutzig werde, dann hab ich das Gefühl, tatsächlich etwas getan zu haben. Meine Ex-Freundin fand den Metallgeruch an mir zwar eklig, aber ich liebe es trotzdem. Ich bekam dann mein Begrüßungsküsschen immer erst nach dem Duschen. Trotzdem fand sie es sexy, wenn ich verschwitzt und dreckig in meiner Arbeitskleidung nach Hause kam.

Nach der Arbeit ist vor der Arbeit

Nach dem Feierabend gehen wir manchmal noch ein Bier trinken. Da kann man sich gut in seiner Trinkfestigkeit ausprobieren und voreinander behaupten. Im Großen und Ganzen kann ich nur sagen, bis jetzt habe ich nur gute Erfahrungen in einem von Männern dominierten Berufsfeld gemacht. Ich bin überaus zufrieden mit meiner Berufswahl und kann mir nichts anderes mehr vorstellen.

Traut euch und verwirklicht eure Träume 

Also liebe Frauen, wenn ich eure Neugier geweckt habe, dann probiert euch doch mal aus. Traut euch! Wenn ihr denkt, so ein Job ist etwas für euch, kann ich es wirklich nur weiter empfehlen. Denn es gibt leider immer noch zu wenig Frauen in dieser Branche. Als ich mit meiner Lehre begann, kam der Ball erst richtig ins Rollen: Frauen im Berufsfeld Technik – Jahr für Jahr werden es mehr!

Das können auch zwei sehr gute Freundinnen von mir bestätigen. Wir drei fingen fast gleichzeitig mit der Lehre an. Eine als Malerin und die andere als Maschinenmechanikerin und auch sie waren damals fast die einzigen Frauen in der Lehre. Darum sag ich nur, Frauen an die Macht! Traut euch und verwirklicht eure Träume! Lasst euch nicht unterkriegen von Idioten, die eh nicht verstehen von was ihr träumt. Auch das habe ich selbst erlebt… Und soll ich euch was sagen? Genau für solche Menschen habe ich mir einen Totenkopf auf den Mittelfinger tätowieren lassen. Ich bin wirklich mit Herz und Seele dabei und wenn doch einmal etwas nicht absolut perfekt läuft – so what: Es ist mein Traum und ich bin stolz ihn zu leben!

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Sophie
24 Jahre | aus Vorarlberg. Ich bin eine Skaterbraut und habe sogar ein Board tattoowiert. Ich liebe mein Leben, meine Familie & Freunde und meinen Kater Shane. Aber am meisten liebe ich es eine Frau zu sein - und noch eine Lesbe dazu! Peace!

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