Lesbisch in China – Teil 1

Vor drei Monaten bin ich nach China gezogen und hatte keine Ahnung was mich erwarten würde. China hatte mich eigentlich nie gereizt, aber da meine Eltern dorthin zogen, musste ich einfach die Chance nutzen, mein Leben mal so richtig auf den Kopf zu stellen. Zur Vorbereitung habe ich erstmal gegoogelt was das Zeug hielt. Gibt es in China auch Lesben? Ja, die gibt es bestimmt. Aber darf man das dort auch öffentlich zeigen? Gibt es eine Community, Events, Bars? Oder ist es gar strafbar wie in Russland? Chinesische Gefängnisse sollen ja nicht gerade einladend sein. Zum politischen Aspekt habe ich leider nicht viel gefunden, dafür aber einige Anzeichen, dass es Szeneparties gibt. Das war doch schonmal was.

“Und wenn ich nicht auf Asiatinnen stehe…?”

Die viel wichtigere Frage war allerdings: Wie sehen die denn da aus? Es soll ja Leute geben, die auf Asiatinnen stehen. Ich zähle mich normalerweise nicht dazu. Also gab ich einfach mal auf Lesarion „Peking“ ein, meine zukünftige Heimat. Oh nein, was dabei rauskam sagte mir so gar nicht zu. Meine Freundinnen in Deutschland fingen auch schon an, mich mit dem Aussehen der chinesischen Frauen aufzuziehen, denn die sehen ja schon ein bisschen anders aus als wir Europäer. „Was soll’s“, hab ich mir gedacht, „das wird schon.“ Schließlich hatte ich ja nicht vor in China meine große Liebe zu finden. Stattdessen wollte ich hier erfolgreich meinen Master abschließen und am besten, während ich Land und Leute kennenlernte, auch fließend Chinesisch lernen.

“Lasset das Abenteuer beginnen!”

Ende Juli kam ich dann endlich in der Hauptstadt Chinas an. Peking ist mit 20 Millionen Einwohnern ungefähr fünfmal so groß wie Berlin und somit auf dem 13. Platz der größten Städte der Welt. Meine Uni ging erst Anfang September los. Viel Zeit, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen, die fremd und beeindruckend war. Diese Stadt war überhaupt nicht so, wie ich mir China vorgestellt hatte. Ich lebte nun in dieser riesigen, internationalen Metropole, in der man kaum wusste, wo man zuerst hingucken und was man zuerst entdecken sollte. Nur eins fehlte: Freunde. Ich war ganz allein mit meinen Eltern in einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht sprach. Zwar leben hier sehr viele Ausländer, aber die spricht man ja auch nicht einfach so auf der Straße an.

Also begann ich all die Apps zu benutzen, die ich in Deutschland so verteufelt hatte. Dabei gelang es mir tatsächlich, mir selbst einzureden, dass ich Tinder nur nutzte, um neue Freunde zu finden. Außerdem vertrieb es die Langeweile. Ich las in meinem ersten Monat hier sechs Bücher und ging täglich ins Fitnessstudio. Ich hatte viel Zeit. Auf Tinder lernte ich also das erste Mädchen kennen, mit dem ich mich in Peking traf. Sie war in Amerika geboren, doch ihre Eltern kamen aus China und sie kam nur für ein Praktikum her. Es war einer ihrer letzten Abende bevor sie zurück in die USA ging und wir vereinbarten, dass sie mich abends zu Hause abholte. Da allerdings weder sie noch ich uns in der Gegend auskannten, brauchten wir eine ganze Weile um zur Bar-street zu finden. Dort tranken wir ein paar Bier und sie erzählte mir von ihren nicht vorhandenen Dating-Erfolgen mit chinesischen Frauen.

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Die Chinesinnen seien sehr konservativ und würden am liebsten schon beim ersten Date wissen wollen, ob man vorhabe mit ihnen zusammen zu sein. Ohje, ich für meinen Teil würde ja sofort die Beine in die Hand nehmen. Wenn man dann aber doch in einer Beziehung mit einer Chinesin sei, könnte es gut sein, dass irgendwann der Tag käme, an dem man der eigenen Freundin dabei zusehen müsse, wie sie einen Mann heiratete. Schließlich sind chinesische Familien sehr traditionell. Die Kinder sollen heiraten, auch um später ihre Eltern finanziell unterstützen zu können. Nach einem angeregten Gespräch und einigen Schlücken Wodka aus ihrem Flachmann, musste ich langsam nach Hause. Da es mein erster Abend in einer fremden, riesigen Stadt mit einer Unbekannten war, wollten meine Eltern mich um 24 Uhr zu Hause sehen.

Das Mädchen hatte versprochen mich heim zu bringen und so machten wir uns auf dem Weg – weiterhin in unser Gespräch vertieft. Wir liefen und liefen bis ich plötzlich bemerkte, dass mir meine Umgebung nicht mehr bekannt vorkam. „Sind wir hier vorhin auch langgelaufen?“, fragte ich. „Ich glaube nicht“, antwortete sie. Also liefen wir wieder zurück. Wir mussten die Kreuzung verpasst haben, an der wir abbiegen sollten. Alles sah so anders aus im Dunkeln und wir irrten ziellos umher. Gott sei Dank ist es hier sehr sicher und als Frau braucht man keine Angst haben, nachts alleine durch die Stadt zu laufen. Trotzdem, es war bereits weit nach 0 Uhr und ich ahnte, dass meine Eltern mit den Hals umdrehen würden. Ich hatte noch keine chinesische SIM Karte und somit weder Internet noch Handynetz, so dass ich niemanden verständigen konnte. Irgendwann erkannte ich in der Ferne ein Gebäude, dass ich zu kennen glaubte. Wir schlugen diese Richtung ein und doch konnten wir einfach nicht den richtigen Weg finden. Als ich vollends verzweifelt war, hielten wir ein Taxi an. Ich zeigte ihm auf einer Visitenkarte die Adresse. Der Fahrer sah mich nur ungläubig an. Doch dann fuhr er los. Nur ein paar hundert Meter die Straße runter hielt er wieder an. Da waren wir. Das Ziel war bereits direkt vor unserer Nase gewesen und doch hätten wir es niemals von selbst gefunden. Um 2 Uhr nachts kam ich zu Hause an. Das würde Ärger geben…

Lesbisch in China – Teil 2”  – hier lesen!
Lesbisch in China – Teil 3”  – hier lesen!

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