Lesbian Date Problems #5: The invisible femme

#LDP

Als Lesbe, die nicht aussieht wie eine Lesbe, hat man es schon nicht leicht. Ständig sind alle verwirrt. Heteros, sobald sie erfahren, dass man lesbisch ist, weil sie “gar nicht damit gerechnet hätten” und Homos, weil sie tendenziell schon eher Antennen dafür besitzen, aber trotzdem nie ganz sicher sein können, so lange sie es nicht laut und deutlich von der fraglichen Person selbst oder ähnlich sicherer Quelle bestätigt bekommen haben.
Immerhin gibt es mittlerweile eine Bezeichnung für all jene, die so oder so ähnlich aussehen wie ich. Invisible femmes – das sind frei übersetzt Lesben, die auf Grund ihres femininen Erscheinungsbildes Probleme damit haben, von anderen Lesben als eine von ihnen wahrgenommen zu werden und denen regelmäßig unterstellt wird, in Wahrheit doch so hetero zu sein, wie sie aussehen.
Mir selbst diesen Stempel zu verpassen erspart erheblich Zeit und Mühe, wenn es darum geht, in Worte zu fassen wer ich bin und dass es Lesben wie mich tatsächlich gibt, auch wenn alle Welt glaubt, wir seien ein Mythos aus schlecht gemachten Lesbenpornos. Ihr wisst schon: Pornos, in denen Frauen, die auf Männer stehen, zum Vergnügen von Männern Sex mit Frauen haben und zwar in einer Weise, die mit echtem Lesbensex ungefähr so viel zu tun hat wie Donald Trump mit Gleichstellungspolitik (oder Politik im Allgemeinen). Ein Schelm, wer behauptet, allzu verengte Vorstellungen über lesbisches Leben seien längst überholt und somit gar kein richtiges Thema mehr. Denn bis sie nicht gestorben sind, leben sie noch lange und so werde ich vermutlich noch bis an mein Lebensende erörtern, dass ich lesbisch bin, „obwohl“ ich mich schminke, „obwohl“ ich lange Haare und an guten Tagen sogar mal ein Kleidchen trage. Ich werde mal mehr, mal weniger Verständnis für all das Unwissen aufbringen, das mir quasi täglich entgegen schwappt und ganz bestimmt nur wenige Male ausrasten, wenn ich höre, dass das „bestimmt nur eine Phase“ ist und ich „nur noch nicht den richtigen Mann gefunden“ habe.

Der Klassiker: „Du siehst gar nicht aus wie eine Lesbe“

Stimmt schon. Ich wedle weder mit Regenbogenfahne durch die Weltgeschichte noch mache ich unmissverständlich Anstalten, mich in absehbarer Zeit einer Geschlechtsumwandlung unterziehen zu wollen. Nicht mal meine Brüste binde ich mir als Zeichen meiner Ablehnung gegen alles, was weiblich konnotiert ist, bis zur Unkenntlichkeit ab – so wie es die gemeine Protolesbe, die in Wirklichkeit viel lieber ein Mann wäre und deswegen auch so aussieht, nun mal tut.
So weit, so Klischéehaft. Und dabei sind es nicht mal nur Heteros, die ihr Dasein in derlei starren Denkmustern fristen. Auch Lesben sind mit der Vielfältigkeit unserer Daseinsformen erstaunlich oft überfordert und hegen gegen alles, was nicht in dieses fein kreierte Weltbild passt, latente Zweifel. So kommt es, dass ich auf Lesbenpartys regelmäßig gefragt werde, ob ich denn nicht die heterosexuelle Freundin derer sei, mit denen ich da bin und eine meiner Hauptbeschäftigungen auf Dates darin bestand, mich dafür zu rechtfertigen, wie lesbisch ich denn nun wirklich bin auf einer Skala von 1 = t.A.T.u. bis 10 = Ruby Rose. Ich musste anhand einer möglichst stringenten Beweiskette darlegen, dass es sich ganz sicher um keinen spätpubertären Rebellionsanfall gegen das Establishment oder mein neuestes Hobby handelt, mich mit Frauen zu treffen, weil mir sonst immer so langweilig ist. Mit mal mehr, mal weniger Erfolg. Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte mir ein Schild umhängen mit der Aufschrift: „lesbisch“ und die Leute würden immer noch nicht darauf kommen, dass ich eventuell auf Frauen stehe. Den Subjekten meiner Begierde stehen bei meinem Anblick, wenn überhaupt, lediglich riesengroße Fragezeichen in die Augen geschrieben. Ich kann förmlich dabei zusehen, wie ich durch sämtliche Scanvorgänge, die gestartet werden, sobald sich unsere Blicke zwei, drei Mal treffen, gnadenlos durchfalle. “Hat sie Tattoos?” höre ich es dann rattern. Nope, nur ein minikleines, das eh niemand sieht. “Trägt sie Cappy oder Mütze?” Unwahrscheinlich. “Oversize?” Selten. “Irgendetwas, das darauf hindeutet, dass sie Frauen gegenüber prinzipiell nicht abgeneigt zu sein scheint?” Nein, verdammt.

Dass man uns nicht sofort erkennt, bedeutet noch lange nicht, dass es uns nicht gibt

… genauso wenig wie die Tatsache, dass niemand Gott bislang live gesehen hat, als Beweis dafür herhalten kann, dass es ihn nicht gibt. Im Unterschied zu seiner ist unsere Existenz allerdings eindeutig erwiesen – es lohnt sich also, genauer hinzuschauen, um zwischen all jenen, die nur auf Stress oder darauf aus sind, zu erfahren woher deine total coolen Sneaker sind, eine Lesbe zu identifizieren.
Meine Partnerin ist so eine. Sie kam, sah, interpretierte richtig, hat sich allen Zweifeln (sowie meinem Gesichtsausdruck) zu trotz getraut, tätig zu werden und damit mitten ins Schwarze (mein Herz) getroffen. Von daher: Haltet Augen, Ohren, Mund und was ihr sonst noch so habt offen, falls ihr das nicht ohnehin schon tut. Nicht jede, die so aussieht, als stünde sie auf Männer, tut dies de facto. Jede allerdings, die auf Frauen steht ohne so auszusehen, ist genervt davon, wenn dies ständig in Frage gestellt wird. Freut euch einfach, wenn ihr die Nadel im Heuhaufen findet. Behauptet ja niemand, dass das einfach ist.


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1 KOMMENTAR

  1. Ich finde die Reihe der Artikel toll geschrieben, mit einer Priese (ups, doch etwas mehr) von Seitenhieben und genug Selbstironie um mich selbst drin wieder zu finden. Es ist toll, dass es auch mal was abseits vom klischeehaften Mainstream gibt.

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