Lesbian Date Problems #3: Bindungsangst

#LDP by Friska

– und warum es wirklich nicht an dir liegt

Meine heterosexuellen Freundinnen lauschen immer ganz andächtig, wenn ich ihnen davon berichte, wer in Lesbenhausen gerad frisch mit wem zusammen gekommen ist. Die mit der, sie mit ihr – irgendjemand hat aktuell stets eine Neue am Start. Getreu dem Motto „Zeit ist Geld“ finden in der Homoszene regelmäßig hoffnungsvolle Herzen zueinander, um es mal miteinander zu probieren. Langsames Abtasten ist was für Feiglinge, möchte man meinen und kennenlernen kann man sich schließlich auch noch in aller Ruhe, während man bereits zusammen ist. Was man hat, hat man. Es scheint irgendwie schneller zu gehen bei Lesben, meint meine Beste, und das sei auch gut so! „Besser, als sich wie ich ständig mit lauter bindungsgestörten Männern rumzuschlagen, die sich alle Optionen offen lassen wollen, bis ihnen plötzlich einfällt, dass es ihnen doch zu eng geworden ist und dann mit einem dahingerotzten ‚Es liegt nicht an dir, Baby‘ von dannen ziehen“.

Eine gewisse männliche Ausgleichsmasse, so möchte ich sie an dieser Stelle mal nennen und richtig schön die Klischeekeule schwingen, verhindert in vielen Fällen offensichtlich allzu voreilige Zusammenschlüsse amoröser Art und sorgt dafür, dass wir alle mal etwas chillen – ob wir wollen oder nicht. Genau genommen können viele Frauen sogar dankbar sein, wenn sie auf diese Weise vor einer voraussichtlich grauenhaften Beziehung mit einem mega anstrengenden Kerl verschont bleiben. Wenn sie dies schon nicht selber tun, dann übernimmt es eben das Objekt der Begierde – voll nett von ihr.
Nun bin ich weder besonders männlich noch sonderlich nett und doch springe ich an dieser Stelle gern mal für die Herren der Schöpfung in die Bresche: Die Klischeekeule ist Quatsch. Ich bin genau son Kloppi, auch ohne Eier.

Don’t hate the player, hate the game

Ja, ich geb’s zu: Ich bin ebenfalls eine von diesen mega nervigen Zeitgenossinnen und Genossen, über die sich immer alle so wunderbar aufregen können. Ich leide an massiven Bindungsängsten. Das geht stellenweise so weit, dass ich mit Performancetanz reagiere, sobald jemand anfängt, über Gefühle zu reden oder die Geschichte beende nicht obwohl, sondern weil jemand einen gemeinsamen Urlaub für „uns“ bucht. Letztens reichte ein scheinbar harmloses: „Kann ich noch eine Nacht bei dir bleiben oder muss ich jetzt nach Hause fahren?“, um alles zu vermasseln. Wirklich alles. Und wenn ich schreibe „alles“, dann meine ich auch „alles“. Just in dem Moment gab’s keinen Kuss mehr meinerseits, keine Umarmung, geschweige denn etwas darüber hinaus. Die Frau muss gedacht haben, ich bin bekloppt. Und ich hab‘ gedacht: Warum bin ich denn so bekloppt? Eben war doch alles gut und plötzlich denk ich nur noch: Lauf Forrest, lauf. Weg vor dieser Situation hier und allem, was eventuell unter Umständen vielleicht irgendwann mal folgen könnte. Raus aus meiner eigenen Wohnung. Am besten wandere ich einfach aus. Sucht die NASA nicht noch Freiwillige für die Besiedelung des Mondes?

Die Psychologie meint, Bindungsangst resultiert in erster Linie aus dem Verlust enger Vertrauter, anhaltender Konflikte zwischen Bezugspersonen bzw. dem unerfüllten Wunsch nach Nähe und Geborgenheit im Kindesalter. In Folge dessen versperren wir uns gegen weitere mögliche Enttäuschungen zwischenmenschlicher Art, indem wir uns so lange einreden, dass wir niemanden brauchen, bis wir es wahrhaftig glauben.
Man merke: Die Eltern sind ein Mal mehr an allem Schuld und wir selbst im Grunde ganz arme Würstchen. Mag sein, ändern tut diese bahnbrechende Erkenntnis allerdings trotzdem nichts am Status Quo und daran, dass ich was Beziehungen angeht currently not available bin. Das kann man kacke finden, kann man aber auch einfach mal lassen und hinnehmen wie es ist.
Denn hey! Letztlich bestätigt das doch nur meine eingangs gestellte These und die Grundaussage, dass es wööörklich nicht an euch liegt. Wenn ihr also das nächste Mal jemanden datet, der derart vermeintlich platte Sprüche in die Welt hinaus posaunt, hört auf jene Person einer billigen Ausrede zu bezichtigen, sondern glaubt ihr das einfach mal und habt’n bisschen Mitleid. Und ganz wichtig: Investiert bloß nicht eure kostbare Energie in eine angestrebte Wunderheilung. Denn wer nicht geheilt werden möchte, dem ist nicht zu helfen.

Freiheit, würde Westernhagen sagen, ist das einzige was zählt

Ich möchte niemandem davon berichten, wie mein Tag war und umgekehrt auch echt nicht wissen, was XY so getrieben hat. Ebenso wenig freue ich mich darüber, wenn mir jemand eine Zahnbürste ins Zahnputzbecherchen stellt, die nur ich benutzen darf oder den Wohnungsschlüssel aushändigt, um zu signalisieren, dass ich jederzeit herzlich willkommen bin. Und wenn mir jemand am dritten Tag in Folge eine „Guten Morgen, Sonnenschein. Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag“-Nachricht zukommen lässt, muss ich mir ernsthaft verkneifen mit: „Kommt jetzt noch was Interessantes? Ansonsten kann ich ja weitermachen“ zu antworten. Was normale Menschen nämlich als aufmerksame, liebevolle Geste empfinden, die Lust macht auf mehr, löst in Bindungsphobikern wie mir starke Atemnot sowie den ultimativen inneren Drang aus, meinen Kopf frontal gegen eine Wand hämmern zu wollen. All das, und das ist wahrscheinlich der Knackpunkt, fühlt sich in unseren Köpfen nämlich nicht nach „dürfen“, sondern „müssen“ an. Wie eine Verpflichtung. Einem jemandem-etwas-schuldig-sein. Und das wollen wir nicht. Wir wollen niemandem im Gegenzug etwas zurückgeben müssen, wonach wir nie gefragt haben.
Und dafür zahlen wir einen hohen Preis: Allem voran mit einem chronisch schlechten Gewissen, weil wir, so lange wir nicht gewillt sind, komplett ins Zölibat zu treten, auf Kurz oder Lang Menschen verletzten, die wir gar nicht verletzten wollen.

Meine Freundinnen sagen immer, das wird sich ändern, sobald mir die Richtige über den Weg läuft. Dass ich den Zustand der Bindung, des gegenseitigen Einstehens füreinander dann auf einmal als durchaus angenehm und erstrebenswert empfinden werde. Sogar von Genießen ist da die Rede.
Ich gebe jetzt schon mal meine Prognose dazu ab: Sollte das tatsächlich irgendwann mal der Fall sein, wird die werte Auserwählte original die gleiche Chose mit mir abziehen wie ich bisher mit allen anderen. Because karma is a bitch, if you are.


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