Lesben & Forschung (3): Die Statistik-Studie

Lesben & Forschung: Teil III

Wohlwollende Statistiken zur LGBTIQ*-Quote innerhalb unserer Gesellschaft zeigen eines deutlich: Nie war die Akzeptanz so hoch. Nie gab es so viele LGBTIQ* wie jetzt. Aber was heißt das nun genau? Es heißt vor allem eines: „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“

Glaad.org veröffentlichte die „Accelerating Acceptance 2017“ – eine Studie zur amerikanischen Gesellschaft. In der Einleitung fällt zuerst einmal auf, dass das I fehlt und das Sternchen nicht abgefragt worden ist. Also biologische Uneindeutigkeit scheint irrelevant für diese Studie zu sein.

(*)
Es wird erwähnt, dass die Akzeptanz für LGBTQ noch nie so hoch gewesen sein soll, wie sie heute ist. Es wurde von der Ehe für Alle geredet. Aber auch, dass so viele junge Erwachsene wie noch nie die Labels gay/straight ablehnen, ebenso wie die Labels Mann/Frau.

Es wird erwähnt, dass es innerhalb der Community die Befürchtung gibt, das die Trump-Administration Gesetze zur Gleichberechtigung aufheben könnte.

Es wird ein positives Bild gezeichnet: Gesetze können aufgehoben werden, aber Herzen und Einstellungen hätten sich zum Positiven geändert.

Die Methodologie der Studie

Die Studie war eine Onlineerhebung und die Daten wurden vom 2. bis 4. November 2016 entnommen.

Aha! Die Datenerhebung fand also VOR der Präsidentschaftswahl statt, die am 8. November war. Dass im Titel 2017 steht, suggeriert zu Unrecht, die Befragung hätte 2017 stattgefunden, als Trump als Präsident schon feststand. Es ist zu vermuten, dass sich seither die Akzeptanz geringfügig verringert hat. Im Übrigen verweise ich auf die Schweigespirale. (Die Schweigespirale beschreibt, dass Menschen sich nicht trauen zu ihrer Meinung zu stehen, je mehr diese von der vermeintlichen Mehrheitsmeinung abweicht.)

Außerdem fand die Befragung online statt! Es ist zu vermuten, dass Zielgruppe und deren Umfeld mit größerer Wahrscheinlichkeit daran teilnahmen, als es ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung entspricht. Oder wer hat ein besonderes Interesse, an solchen Befragungen teilzunehmen? Homophobe Heterosexuelle wohl eher nicht!

Ebenfalls zur Methodik zählt, dass 100 Probanden aus der Studie herausgenommen worden sind, weil sie sich nicht zu ihrer Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung geäußert haben.

Sprich: 100 Personen, die sich die Mühe gemacht haben sich durch diesen Fragebogen zu wühlen, taten dies umsonst. Vielen Dank für die Teilnahme, aber es war umsonst!

Man hätte ggf. fragen können, warum sie sich nicht geäußert haben – oder sie zumindest als eine Art „Nichtwähler“ aufzählen können.

Es folgt noch eine kurze Einführung zu jungen Menschen

Diese würden sich z.B. eher als gendernonkonform verstehen (12%) als andere Altersgruppen. Im Text heißt es: Sie identifizieren sich entweder nicht mit ihrem Geburtsgeschlecht, oder ihr Ausdruck der Geschlechtsidentität ist unterschiedlich zur klassischen Definition von Maskulinität oder Femininität.

Klasse! Damit haben wir einen erhöhten Transanteil in der Statistik. Immerhin ist man  gendernonkonfrom, wenn man als Mann gerne rosa T-Shirts trägt, als Frau auf männliche Rockerkleidung steht, sich die Beine nicht rasiert, sich weigert ein Kind zu bekommen oder BHs hasst. Sind Feministinnen eigentlich auch nonkonform? Feministische Ansichten sind weder populär noch normal. Damit bin ich selbst also gendernonkonform. Perfekt! Ab heute also Tranny!

Als nächstes kommen ein paar Statistiken. Klar! Es ist ja auch eine Statistik-Studie.

Amerikaner, die sich als LGBT sehen

Insgesamt: 12 %

Alter 18 – 34: 20 %
Alter 35 – 51: 12 %
Alter 52 – 71: 7 %
Alter 72 +    : 5 %

Hervorragend! 20 % der jungen Menschen sind LGBT!

Fragt man nach der sexuellen Orientierung, dann fällt aber schnell auf: Es wurde nach „nicht vollkommen heterosexuell“ gefragt. Die Quote in den oben genannten Altersgruppen ist 8 % bei den Jungen, bei über 35 bis 51-Jährigen 6 %, bis 72 Jahre dann 4% und 2% bei den Älteren. Das heißt mit eingerechnet sind: Asexuelle, Bisexuelle & Pansexuelle. Bei Lesben und Schwulen rangiert die Skala nach wie vor bei 3 %, bei bis 51-Jährigen dann 2 % und bei bis 71-Jährigen und 72 Jahre und älteren Personen bei 0,5 %. Als Bisexuell definieren sich 1 bis 6 % der Befragten.

Aha! Es wurden also nicht nur alle, die sich nicht als strikt heterosexuell sehen, also auch Menschen die komplett keine Sexualität haben (Asexuelle) dazugerechnet, es wurden auch jene Transsexuellen hinzugezählt, die sich als heterosexuell definieren – und das waren nicht wenige.

Seit wann ist Heterosexualität im LGBT Spektrum verortet?!

Bissig könnte man nun sagen: Die Studie verkennt, das Transsexuelle das Geschlecht gewechselt haben oder aber spricht ihnen ihre sexuelle Orientierung ab. Also wähle deine diskriminierende Lieblingsinterpretation!

Des Weiteren suggeriert der Insgesamt-Wert („total population“ im Original), dass sich die Studie auf die Gesamtbevölkerung bezieht.

Da aber zurecht (!) Personen unter 18 Jahren nicht befragt wurden, bezieht sich diese Zahl nicht auf die „total population“ sondern nur auf die „adult population“.

Als nächstes wird untersucht, wie viele Menschen eine Lesbe oder einen Schwulen oder Bisexuellen kennen würden. Insgesamt würden 73 % der Amerikaner einen Schwulen oder eine Lesbe kennen. Bei Bisexuellen sind es immerhin noch 29 % und bei Transgendern 16 %. Weitere Aufdröselungen waren Asexuelle (7 %), Pansexuelle (6 %), Genderfluide (5 %), Bigender (4 %), Genderqueere (3 %), Agender (2 %) und Unsichere (9 %).

Unklar ist, was die Menschen unter Genderqueer, Agender oder Fluid verstehen. Eigendefinitionen sind kein Beleg für irgendwelche Auffälligkeiten. Vermutlich also kennen sie die Menschen durch Comming-out. Wie entscheidend diese Identitäten für die Studie sind, zeigt weiter oben die Zusammenfassung mit Transgendern als gendernonconforming. Womit nun noch unklarer ist, ob die Studie nun eine Transfrau als Frau sieht, oder nicht.

LGBTQ-Alliierte, zeigt euch!

  • Allierte mit LGBTQ-Themen werden wie folgt erkannt: Nicht-LGBTQ-Zugehörige, die sich entspannt oder „ziemlich okay“ im Umgang mit LGBTQ-Menschen fühlen.
  • Vorsichtige Unterstützer: Menschen, die individuell mal so/mal so drauf sind.
  • Dann folgen die Gegner: Menschen, die sich unwohl im Umgang mit LGBTQ-Menschen fühlen.

Vermutlich werden mit LGBTQ vor allem Schwule gemeint sein. Also die vermeintlich Sichtbarsten. Ferner vermutlich wir Lesben. Bisexuelle sind schon schwerer zu erkennen (daher kennen nur wengie Menschen Bisexuelle, wie die Studie gezeigt hat) und Genderqueers, Fluids oder Agender sind möglicherweise überhaupt nicht zu erkennen. Damit ist die Grauzone der „vorsichtigen Unterstützer“ sehr, sehr grau! Es könnte ein homophobes Arschloch sein, das eine genderfluide Person, die es nicht erkennt, akzeptiert. Perfekt!

Aber immerhin ein Lichtblick: 63 % der jüngsten nicht-LGBT-Menschen werden zu unseren Alliierten gezählt. Ansonsten etwa 50 % der Leute oder nur 39 % der 72+ Generation.

Yabadabaduuuh! 63% der jungen Menschen ekeln sich also nicht vor uns, wenn sie uns sehen. Sie fühlen sich „wohl“ oder „größtenteils wohl“ im Umgang mit uns. So schnell kriegt man heutzutage Alliierte, die für unsere Rechte mitkämpfen!

Und im Prinzip war es das schon. Glaad schrieb noch, das sich in der Zeit der Trump-Administration noch einiges verändern könnte. Es wurde gemutmaßt inwiefern ein Rollback stattfinden könnte und inwiefern unsere Rechte in Gefahr sein könnten.

Aber es wäre egal, was nun passiere, Glaad wäre weiterhin aktiv um LGBTQ-Menschen ein Leben zu ermöglichen, das sie leben.

Hoffen wir mal nicht, dass es sich hierbei um Schönfärberei und Scheinrealitäten dreht!

In Studien ist es übrigens üblich, wenn denn schon viele Menschen befragt werden und der Altersschnitt der Teilnehmenden aufgedröselt wird, eine Aufschlüsselung hinzuzufügen in welcher Relation sich das Ergebnis befindet. Diese sei hier kurz beigefügt:

Die Verteilung der US-Bevölkerung sieht etwa folgendermaßen aus (Zahlen von 2015 nach Wikipedia):

unter 18 Jahren: 24,1 %
18 bis 34 Jahre: 23,1 %
35 bis 51 Jahre: 23,5 %
52 bis 71 Jahre: 21,4 %
72 Jahre und älter: 7,8 %

Siehe da! Deshalb sind also nur so wenige 72+-Jährige homophob!

Ein Artikel von Christine Ullmann in Zusammenarbeit mit Michaela Katzer.

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