Kristina (27): Ich war die Sandkasten-Lesbe

Lieber selbst outen als geoutet werden!

Schon früher beim Bäcker hieß es immer “Lasst doch den kleinen Jungen vor…“, worauf ich das Gesicht verzog und fast quietschte „Ich bin doch gar kein Junge, aber danke !“.

Ich trug eben nur gerne kurze Haare, eine Latzhose und ein umgedrehtes Cap mit dieser fürchterlichen Strähne auf der Stirn. Meine Mutter gab auf mich in Kleider stecken zu wollen, seitdem der Versuch, mich zur Einschulung in ein maritim angehauchtes Outfit zu stecken, fehl schlug.

Bereits zu dieser Zeit war mir alles klar, nur sagte ich das niemandem. Die Spielkameradinnen meines älteren Bruders fand ich immer süß, das brachte mich in Verlegenheit. Ich bediene wohl die Schublade „Sandkasten- Lesbe“. Meinen ersten keuschen Kuss bekam ich an der Lieblingsschaukel in meinem Kindergarten, von einem älteren Mädchen.

Grundschule – 4. Klasse – Klassenfahrt. Wenn die Lichter aus gingen und Nachtruhe angesagt war, fingen die spannenden Gespräche an. Wer schwärmt für wen etc. … Ich sagte irgendeinen Jungennamen, mir war es egal. Denn mein Schwarm lag im Bett unter mir, aber das brauchte ja keiner wissen. So sollte es auch bleiben.

KristinaNeue Schule – neuer Weg. Jeder kennt die „Queen-Bee“, die „Bienen-Königin“, immer einen Spruch auf den Lippen, für jeden Spaß zu haben und gut darin, andere Menschen zu beeinflussen oder gar zu lenken. Ich gehörte zum „Bienenschwarm“, ein eingefleischter Mädelstrupp, der Dinge machte, auf die man nicht unbedingt stolz sein kann. Ich war damals 13 Jahre alt und vertraute mich den Mädchen an, erklärte ihnen, dass ich Mädchen gerne mag. Ein Fehler! Zumindest für den Moment, wie sich herausstellen sollte. Plötzlich gehörte ich nicht mehr zum Bienenschwarm – ich wurde fertig gemacht. Mein Geheimnis jedoch blieb vorerst im „Bienenschwarm“.

Dann ging es mit dem gesamten Jahrgang auf Klassenfahrt. Ich hatte Angst und Panik um mein Geheimnis. Die Queen-Bee würde es verraten, dessen war ich mir sicher. Gemeinsam mit einer Freundin suchte ich Rat bei meiner Klassenlehrerin. Diese outete sich prompt vor uns Schülern und bestärkte mich darin „einfach ich“ zu sein. So kam es, dass ich auf der Klassenfahrt mit jedem meiner Klassenmitschüler das Gespräch unter vier Augen suchte und mich outete. Ich nahm der Queen-Bee den Wind aus den Flügeln. Ein großartiges Gefühl!

Plötzlich war alles anders: Ich durfte endlich ich sein, ganz ohne den „Alibi- Freund“. Nach der erwähnten Klassenfahrt folgte der Versuch, mich bei meiner Mutter zu outen. Sie tat es als Phase ab. 2 Jahre später hatte ich meine erste feste Freundin und meine Eltern sollten sie kennen lernen. Ich unternahm den Versuch mit meinem Vater zu reden und sagte am Ende ganz einfach: „Papa? Ich mag Mädchen und habe jetzt eine Freundin!“. Es gab eine kurze unerträgliche Stille. Dann kam er zu mir und fragte mich mit ernster Miene: „Tinchen? Meinst du nicht, dass wir das nicht schon wissen? Hast du dir mal dein Zimmer angesehen?“. Dann fing er an zu lachen und drückte mich ganz fest. Ich wusste gar nicht was er meinte, mein Zimmer war doch nur mit Postern von Britney Spears, Christina Aguilera und Sara Michelle Gellar tapeziert…?! Ich denke, meine Eltern hatten anfangs schon ein wenig an der Situation zu knabbern.

Schlüsselerlebnis mit meiner Mutter

Der Auszug in ein WG-Zimmer stand an. Meine Mutter und ich frühstückten bei Ikea, da trat ein Arbeitskollege von ihr an uns heran und fragte, was wir hier machen würden. Meine Mutter erzählte voller Stolz, dass ich ausziehen würde. Ihr Kollege fragte mich: “Oh, wie schön. Ziehst Du mit deinem Freund zusammen?“. Meine Mutter war es, die anfing zu lachen und ihm erklärte:“ Quatsch! Kristina hat eine feste Freundin!“.

Da wusste ich, dass es für meine Eltern das normalste der Welt war. Sie machten keinen Hehl darum, standen und stehen zu 100 % hinter mir, genauso, wie meine lieben Freunde. Natürlich schreibe ich mir nicht „lesbisch“ auf die Stirn, aber ich verstecke mich auch nicht.

Es ist naiv zu denken, dass es alle so leicht haben könnten wie ich, das wäre realitätsfern. Aber ich bin mir sicher, dass Mut immer belohnt wird – am Ende ist es halb so schlimm und es lebt sich doppelt gut!


Das war meine Coming-out Geschichte. Ich hoffe, sie hat Euch gefallen und Ihr hattet Freude beim Lesen.

Herzliche Grüße

Eure Kristina

1 KOMMENTAR

  1. Oh ja, ich war auch eine Sandkasten Lesbe. Es war amüsant, wenn wir Berge und Burgen bauten und dabei unsere Unterhöschen ein bisschen zur Seite rutschten. Mit der Zeit verzichteten wir dann auf unsere Höschen und zeigten unsere noch kaum behaarten Muschileins. Aber eben, zu mehr kam’s nie. Ich musste warten bis zur 5ten Klasse.
    sonjamcdonell IN yahoo PUNKT com

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