Zwischen Grande Dame und Enfant Terrible der erotischen Fotografie – Krista Beinstein

Krista Beinstein ist gelernte Fotografin, Künstlerin, Aktionistin sowie Performerin und lebt als freischaffende Künstlerin in Hamburg.

Seit Mitte der 80er Jahre beschäftigt sie sich mit dem Überschreiten von Grenzen und Exzessen in der weiblichen oft „tabuisierten“ Sexualität sowie im Speziellen mit Transformationen. Ihre Inszenierungen weiblicher Lust gehören zu den radikalsten Arbeiten im Bereich der erotischen Kunst. Provokativ setzt sie ihre Arbeit gegen die moralisch-sexfeindlliche Frauenbewegung ein, in der sie selbst aktiv war. Heutzutage gilt Krista Beinstein als rebellische Künstlerin, die mit ihren Erotik und S/M Fotografien sowie Performances ihr Publikum stets nachhaltig beeindruckt.

Aus der Serie: Die Zeit gehört mir, In: Sinfonie des Lebens (Konkursbuch Verlag 2016) © Krista Beinstein, facebook.com/Krista-Beinstein-151768794874197
Aus der Serie: Die Zeit gehört mir, In: Sinfonie des Lebens (Konkursbuch Verlag 2016) © Krista Beinstein, facebook.com/Krista-Beinstein-151768794874197

Vor mir steht eine Pizza Peperoni, vor ihr Pizza Funghi. Eine laue Brise weht über den Berliner Landwehrkanal heran, die Abendsonne spiegelt sich golden in ihrer Sonnenbrille.

Wenn sie redet, redet sie mit großen Gesten, ihre Hände sind ständig in Bewegung, ihre Sätze sind endlos und verschachtelt, ihre Stimme eine Wiener Melange zwischen warmem Samt und perlendem Lachen. Ich bin fasziniert.

„…und dann steh ich da so und sie kommt herein, so eine richtige Butch, und guckt mich von oben bis unten an. „Bist Du n Junge oder n Mädchen?“ fragt sie und ich flipper einfach weiter. „Weiß nicht, hab noch nicht nachgeguckt“, sag ich, und sie sagt „Du bist doch n Mädchen. Ich seh das in Deinen Augen…“

Sie ist eine wunderbare, lebendige Erzählerin, durch die dunkle Sonnenbrille hindurch blitzen ihre noch dunkleren Augen und ich kann sie vor mir sehen, wie sie dort am Flipper gestanden haben muss.

Zweifellos, sie ist kein Mädchen, sondern eine Frau, eine sehr attraktive noch dazu; und dennoch sehe ich mehr. Ich sehe Frau und Mann; ich sehe sie zwischen ihren verschiedenen Geschlechtern, Facetten, Identitäten und Lebensaltern hin und her switchen und manchmal ist es, als würde ich sie doppelt und dreifach sehen. Isaac und Pascal. Krista. Antikrista. Kris.

„Einfach“ ist mit Sicherheit nichts an ihr, soviel ist mir gleich klar, und dennoch ist sie herrlich unkompliziert, wie sie da so in ihre Pizza beißt. Man muss sie nicht in ein 5-Sterne-Restaurant ausführen, sie genießt die zauberhafte Atmosphäre, das schöne Licht; und gleich zückt sie ihre kleine Taschen-Kamera, um das Licht auf meinem Gesicht einzufangen.

© Krista Beinstein, facebook.com/Krista-Beinstein-151768794874197
© Krista Beinstein, facebook.com/Krista-Beinstein-151768794874197

Ohne Kamera gibt es diese Frau nicht, symbiotisch ist sie mit ihrem Werkzeug verwachsen, seit drei Jahrzehnten für ihre oftmals sehr provokante, polarisierende, erotische Kunst bekannt. Ich wage es, ihr die Kamera aus der Hand zu nehmen und auf sie zu richten, einfach weil sie so schön aussieht und weil ich das Gefühl habe, sie würde es mir nicht übel nehmen. Währenddessen fischt sie sich eine Peperoni von meiner Pizza und lutscht – für meine Begriffe ziemlich anzüglich – daran herum. Mir wird heiß. Sie registriert es mit einem belustigten Funkeln in den Augen, irgendwie vergesse ich darüber, den Auslöser zu drücken.

„Machst jetzt amal a Bild? Das Ding is scharf!“ reißt sie mich mit breitem Wiener Schmäh kichernd in die Realität zurück. Ich muss grinsen und spüre, wie die Luft zwischen uns knistert. Lächelnd reiche ich ihr die Kamera zurück – natürlich erst, nachdem ich ein paar Bilder geschossen habe. Sie verzieht das Gesicht und spuckt die Peperoni aus, dann wendet sie sich wieder ihrer Pizza und ihrer Geschichte zu.

Ihre Geschichte – das sind mehr als dreißig Jahre als Enfant Terrible der erotischen Fotografie, oft missverstanden, oft auch einfach gar nicht verstanden. Mittlerweile, so sagt sie, habe sie es etwas leichter, mittlerweile bekäme sie auch Anerkennung aus den Reihen derer, die in den 80er Jahren ihre Fotos aus Ausstellungen heruntergerissen und zertrampelt haben.

Ihre Fotografie hat nichts an Aktualität und nichts an Provokation verloren, sie feiert das Leben, die Sinnlichkeit, die Lust, immer wieder, jeden Tag. Ihre Protagonistinnen sind, das sieht man in ihren Bildern, fast immer auch Objekte der Begierde; weiblicher, grenzüberschreitender Begierde, jenseits aller Konventionen.

Das ist es auch, was mich an ihr fasziniert: Ihre Freiheit. Ihr kompromissloser Hedonismus, ihre Grenzüberschreitungen, gepaart mit einem herrlichen, manchmal überaus skurrilen Sinn für Humor. Sie ist eine kapriziöse Diva, ein maliziöser Clown, sie ist potenter Macho und anarchistische Revoluzzerin und all das ist in ihren Bildern zu sehen – für den, der sehen kann.

Mehr Informationen über Krista Beinstein:
Website und Facebook-Seite!

Aktuelle Ausstellung:

KRISTA BEINSTEIN
„BIO PORNO FOTO GRAFIEN“

Vernissage: 10. November um 19:00 Uhr
Ausstellung: 11. November 2016 bis 16. Januar 2017

Schwules Museum Berlin

Krista Beinsteins Bücher sind beim konkursbuch Verlag zu erwerben…

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT