Jessica (25): Langer Weg ins Glück

Ich war noch sehr jung, vielleicht 10 Jahre alt, als in mir zum ersten Mal Gefühle für eine Frau aufkeimten. Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal, was Homosexualität überhaupt ist. Ich wusste damals nur, dass diese Lehrerin unglaublich hübsch ist und ich in ihrer Nähe sein wollte. In meinen Träumen malte ich mir so vieles aus… Vielleicht war es nur eine Schwärmerei, aber es fühlte sich wahnsinnig toll an.

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Homosexualität ist nicht normal

In der weiterführenden Schulen versuchte ich mich dann zwanghaft in Jungs zu verlieben, alle meine Freundinnen schwärmten von Jungen – ich wollte dazugehören! In meiner Freizeit schaute ich mir jedoch heimlich Serien an, in denen Homosexualität thematisiert wurde. Als ich dabei irgendwann von meiner Mutter erwischt wurde, bekam ich eingetrichtert, dass Homosexualität etwas „abnormales und schlechtes“ sei. Ich empfand dies nicht so, aber fügte mich…

Verbotene Liebe“ als Schlüsselerlebnis

Dann kam die Zeit, in der mich Mädchen immer mehr interessierten und ich fühlte mich zu einigen stark hingezogen. Als ich 12 Jahre alt war, schaute ich mit einer Freundin „Verbotene Liebe“ – eine Folge in der Susanne und Carla sich innig küssten. Ich starrte gebannt auf diese Szene und mir wurde klar, dass dies richtig sei.

Nach dieser Folge änderte sich mein Leben komplett! An diesem Abend hatte ich den ersten Kuss mit einem Mensch meines Geschlechts und es fühlte sich wahnsinnig schön an! Daraufhin folgten noch weitere Treffen mit dieser Freundin – wir küssten uns jedes Mal. Irgendwann beendet sie die Beziehung zu mir, weil sie sich in einen Jungen verliebte. Und da stand ich und wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Unsere Eltern wissen übrigens bis heute nichts von unseren Knutschorgien.

Inzwischen lief es auch in der Schule nicht mehr wie zuvor. Die Mädels bemerkten, dass ich nicht mit dem Strom schwamm. Ich kleidete mich anders, fand Mode und Schminke uninteressant und auch mit Jungs konnte ich nichts anfangen außer eben als Kumpels. In meiner Freizeit fand man mich nur noch vor dem Computer, eingeloggt in Lesbenchats, dort wo ich meine Gefühle mit anderen teilen konnte.

Ich wurde immer mehr zur Einzelgängerin und baute mir meine Traumwelt auf. Die einzige Person, mit der ich noch persönlich über meine Gefühle und Probleme redete, war meine Vertrauenslehrerin. Ich bin froh, dass sie immer für mich da war, denn langsam aber sicher wurde ich zum Mobbingopfer meiner Klassenkameradinnen. Mein Leben lief aus den Bahnen, ich fühlte mich schrecklich und falsch. Was ich tun sollte? Ich wusste es nicht.

Geoutet war ich in der realen Welt noch immer nicht, aber wahrscheinlich wusste es zu diesem Zeitpunkt sowieso jeder. Meine Eltern wunderten sich zunehmend, ich war die einzige in meiner Klasse, die noch keinen festen Freund hatte. Als sie mich fragten, ob ich lesbisch sei, verneinte ich mehrmals. Warum? Ich war mir dessen bewusst, dass sie es falsch finden und mich verurteilen würden.

Der Versuch „normal“ zu sein

Ich war jetzt 16 und beschloss, dass sich etwas ändern müsse. Es folgte der Versuch, mich wieder den anderen Jugendlichen anzupassen und ich fing etwas mit einem 3 Jahre älteren Jungen an. Daraufhin waren alle glücklich, endlich hatte ich einen Freund. Alle – außer ich! Aber ich verzichtete auf meine Bedürfnisse und mein Glück um zu zeigen, dass ich „normal“ sei.

Trotzdem fand man mich weiterhin in Lesbenchats. Dort war ich willkommen. Dort fühlte ich mich frei. Mehr und mehr führte ich ein Doppelleben. Dies ging ganze 6 Monate lang. Die Beziehung war für mich die Hölle vor Sex konnte ich mich irgendwann nicht mehr drücken und wieder war ich es, die sich unter Tränen fügte. Ich ließ es einfach über mich ergehen.

Nach außen führte ich die perfekte Beziehung. Niemand bemerkte, wie es mir wirklich ging. Ich war voller Scham, Einsamkeit und ekelte mich vor mir selbst. Aber am am meisten ekelte ich mich vor den Berührungen meines damaligen Freundes. Ich nahm Abstand und erfand Ausreden, um ihm aus dem Weg gehen zu können. Doch er belagerte mich regelrecht und es gab keinen Tag, an dem er mich nicht vor der Schule abpasste. Die Beziehung wurde für mich zur härtesten Prüfung meines Leben. Es war ein Kampf.

Erstes kleines Outing

Meine Reaktion darauf war wie gewohnt: Ich flüchtete mich noch mehr in die Welt des Chats. Dort freundete ich mich dann schließlich mit einem Mädchen an. Wir schrieben täglich, tauschten Nummern und simsten uns. Der Kontakt zwischen uns wurde intensiver und es entstanden recht schnell Gefühle. Bald konnte ich nicht mehr ohne sie.

Zu diesem Zeitpunkt war ich allerdings noch immer mit meinem Freund zusammen. Natürlich bemerkte auch er irgendwann, dass ich die Zeit lieber im Chat als mit ihm verbrachte. Um Ausreden war ich jedoch nie verlegen. Ich habe es sogar geschafft ihn dazu zu bringen, mit mir für 3 Tage zu ihr zu fahren. Es waren wunderschöne Tage, ich war total in sie verschossen und ihr ging es glücklicherweise genauso. An einem Abend saßen wir mit noch 2 weiteren Freunden von ihr zusammen als die Frage fiel, mit wem ich denn jetzt eigentlich zusammen sei. Ich musste mich entscheiden. Und das tat ich auch, für sie!

Die Reaktion der beiden werde ich niemals vergessen. Er war unglaublich geschockt und sie überglücklich. Endlich war es raus! Ich hatte mich noch nie so frei gefühlt. Die Tage mit ihr waren wunderschön.

Das schwerste nach den 3 Tagen mit ihr war der Abschied und die lange Zugfahrt nach Hause, zusammen mit meinem Ex. Er saß mir 8 Stunden gegenüber und versuchte mir auszureden, dass ich homosexuell sei. Da er ja nun Bescheid wusste war mir klar, dass es nicht lange dauern würde, bis auch meine Eltern informiert wären. Glücklicherweise schaffte ich es ihn zu überzeugen, meinen Eltern nichts zu erzählen. Für meine Eltern war einfach Schluss.

Monate später besuchte mich meine Freundin dann mit Einverständnis meiner Eltern zu Hause. Natürlich war sie nur eine sehr gute Freundin, mehr nicht. Scheinbar war ich damals eine sehr gute Schauspielerin. Nur meinem Bruder konnte ich nichts vormachen, er checkte sofort, dass zwischen ihr und mir mehr war.

Die Beziehung hielt nicht lange und auch mit allen weiteren Frauen, welche ich kennen lernte, klappte es nicht auf Dauer. Zum einen wegen der Entfernung und zum anderen wegen meiner Heimlichtuereien. Inzwischen hatte ich 3 Beziehungen zu Frauen, alle ohne das Wissen meiner Eltern. Für sie traf ich mich immer mit einer guten Freundin in der Stadt oder sonst wo. Einziger Eingeweihter blieb mein Bruder.

Meist sah ich meine Freundinnen immer nur wenige Stunden oder 2 oder 3 Tage am Stück, wenn meine Eltern im Urlaub waren. Besser so, als nie! So lautete meine damalige Devise. Meine Mutter fragte mich zwischendurch immer wieder, ob ich lesbisch sei, aber ich verneinte immer oder zog mich, ohne eine konkrete Antwort zu geben, in mein Zimmer zurück. Ich konnte es einfach nicht anders…

Endlich offen lesbisch

Als ich dann mit ungefähr 22 Jahren eine Frau kennenlernte, die in meiner Nähe wohnte, war es zwangsläufig an der Zeit über ein Outing nachzudenken. Ich hätte einfach keine passenden Ausreden gefunden um zu erklären, wo ich mich tagelang aufhielt. Mit ihr war aber auch sonst alles anders. Sie war reifer und auch knapp 6 Jahre älter als ich. Aber auch ich war mit er Zeit vernünftiger geworden und zum ersten Mal richtig verliebt – weit mehr, als ich je jemanden zuvor geliebt hatte. In mir machte es also endlich „Klick“!

Direkt geoutet habe ich mich jedoch auch dann nicht. Ich sagte immer, ich gehe zu meiner Freundin. Als meine Mutter mich wieder fragte, ob ich lesbisch sei wich ich erneut aus. Schließlich klärte sie dann mein Bruder darüber auf, dass ich schon lange lesbisch sei. Im gleichen Atemzug gestand auch er meinen Eltern, dass er schwul sei.

Das Gesicht meiner Eltern werde ich niemals vergessen. Natürlich reagierten sie nicht wie erhofft. Erst kamen die Selbstvorwürfe was sie, als Eltern, falsch gemacht hätten. Dann folgten Vorwürfe und Fragen nach dem „wieso und warum“ an uns. Das war ein langer, intensiver und auch sehr harter Prozess. Es kamen immer wieder Sprüche wie „Der Nachbarsjunge ist doch auch ganz hübsch“ oder etwa „Das ist nur eine Phase, du lernst schon noch den richtigen Mann kennen“. Sätze, die man als Lesbe einfach nicht hören möchte.

Die erste heftige Trennung

Meine Eltern lernten die damalige Freundin nie persönlich kennen, da diese sich mit den Worten „Ich glaube, ich kann nicht lieben“ relativ früh wieder von mir trennte. Meine Welt brach zusammen. Ich wollte nicht mehr Leben und ich wollte nie wieder lieben. Mein Herz war schwer, mein Leben ohne Sinn.

Ich gab mich auf und versank in ein tiefes Loch. 6 Monate lang lebte ich nur noch für die Arbeit, ließ mich hängen und bettelte sie schließlich sogar um eine neue Chance an. Ich war am Boden zerstört.

Dann fing ich an, mich mit anderen Frauen zu treffen. Wozu? Um mich abzulenken und mir damit selbst weh zu tun. Mit einer der Frauen schlief ich sogar. Es war nicht schön und ohne Gefühl, aber es interessierte mich nicht. Ich konnte nichts mehr fühlen und ich wollte auch nichts mehr fühlen…

Nach jedem Tief kommt ein Hoch

Aber auch aus diesem Tief gab es einen Ausweg. Meine Ex-Freundin riet mir dringend dazu, eine Therapie zu machen. Da ich dachte sie so wieder für mich zu gewinnen, ging ich diesen Schritt schließlich auch. Und ja, es tat mir gut. Ich fing wieder an zu leben, mich anderen Menschen zu öffnen und meldete mich erneut in einem Lesbenchat an. Anfangs war ich dort nur selten online, aber mit der Zeit fand ich mich dort immer häufiger. Ich schaute mir stundenlang die Bilder anderer Frauen an…

Dann sah ich sie! Diese eine Frau. Und mit ihr beginnt die Geschichte meines Lebens. Sie ist diese eine Frau, welche mir ein Lächeln auf Gesicht zaubert. Sie ist es, mit der ich heute noch immer überglücklich bin und die ich 2016 heiraten werde. Sie ist es, dank der nun jeder weiß, dass ich homosexuell bin.

Seitdem sie in mein Leben getreten ist, bin ich eine unglaublich stolze Lesbe. Jeder darf es wissen! Sie ist der Anfang meines neuen Lebens! Doch das ist eine andere Geschichte.

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