Jessica (25): Internetliebe

Meine Suche nach der „großen Liebe“ fing früh an, ich charterte von einer Beziehung in die nächste. Immer auf der Suche nach dem Glück des Lebens.

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Den ersten Kuss hatte ich mit einem Mädchen, damals war ich ungefähr 12 Jahre alt. Es fühlte sich toll an. Dieser Kuss war im Nachhinein betrachtet wohl ein Schlüsselerlebnis. Vergessen habe ich den Kuss nämlich nie.

Meine erste richtige Beziehung hatte ich erst 4 Jahre später, mit einem Mann. Mir war von vornherein klar, dass dies nicht funktionieren konnte, denn ich wusste zu diesem Zeitpunkt längst, dass ich vom „anderen Ufer“ war. Frauen fand ich schon seit geraumer Zeit zunehmend anziehend, aber ich versuchte mich zwanghaft anzupassen, zu funktionieren und normal zu sein. Nach außen führte ich die perfekte Beziehung – niemand ahnte, wie es in mir aussah: Für mich war es eine Qual, meine Sexualität nicht ausleben zu können!

Erste Beziehungen mit Frauen

Die erste feste Beziehung zu einer Frau hatte ich dann kurze Zeit später. Ich lernte sie, während ich noch mit meinem Freund zusammen war, in einem Chatportal für Lesben kennen. Dementsprechend fuhr ich lange zweigleisig, bis ich mich dann von meinem damaligen Freund trennte und die erste Beziehung mit einer Frau führte. Aber auch diese Beziehung ging relativ schnell in die Brüche, was hauptsächlich an den über 600 km lag, die uns trennten.

Zwei weitere Beziehungen folgten recht schnell, kaum war mit der einen Schluss schon hatte ich die nächste am Start. Auch diese beiden lernte ich in dem Chatportal kennen, wieder waren es Fernbeziehungen. Ich sah meine Freundinnen immer nur selten und meist für wenige Stunden. Da ich bis dahin noch immer nicht zu meiner Homosexualität stand, waren auch diese Beziehungen zum Scheitern verurteilt. Immer war ich die Person, welche die Beziehung schließlich beendete.

Outing

Wenig später lernte ich dann in einem anderen Chatportal eine Frau kennen, die nur eine Stunde von mir entfernt wohnte. Wir lernten uns kennen und, wie konnte es anders sein, auch lieben. Sie war die erste Freundin, für die ich mir ernsthaft Gedanken über mein Outing machte. Es war auch langsam an der Zeit, ich hatte es satt mir ständig Lügengeschichten ausdenken zu müssen. Ich wollte endlich mein Leben genießen – wieder ich sein.

Mit ihr war alles anders, sie war knapp 6 Jahre älter als ich und hielt nichts von „Versteckspielen“. Auch ich war reifer geworden und noch dazu zum allerersten Mal in meinem Leben so richtig verknallt. Die Liebe zu ihr wurde zum Mittelpunkt meines Lebens, ich hatte keine andere Wahl, ich musste den Schritt wagen und endlich zu uns stehen. Ich nahm es mir fest vor… aber ich scheiterte erneut. Schließlich war es mein Bruder, der mich vor meinen Eltern outete. Er war bis dato der einzig eingeweihte.

Liebeskummer

Meine Eltern lernten die damalige Freundin nie persönlich kennen, da diese sich mit den Worten “Ich glaube, ich kann nicht lieben!” relativ früh wieder von mir trennte. Meine Welt brach zusammen. Ich wollte nicht mehr Leben und ich wollte nie wieder lieben. Mein Herz war schwer, mein Leben ohne Sinn.

Ich gab mich auf und versank in ein tiefes Loch. 6 Monate lang lebte ich nur noch für die Arbeit, ließ mich hängen und bettelte sie schließlich sogar um eine neue Chance an. Ich war am Boden zerstört.

Dann fing ich an, mich mit anderen Frauen zu treffen. Wozu? Um mich abzulenken und mir damit selbst weh zu tun. Mit einer der Frauen schlief ich sogar. Es war nicht schön und ohne Gefühl, aber es interessierte mich nicht. Ich konnte nichts mehr fühlen und ich wollte auch nichts mehr fühlen.

Aber auch aus diesem Tief gab es einen Ausweg. Meine Ex-Freundin riet mir dringend dazu, eine Therapie zu machen. Da ich dachte, sie so wieder für mich zu gewinnen, ging ich diesen Schritt schließlich auch. Und ja, es tat mir gut. Ich fing wieder an zu leben, mich anderen Menschen zu öffnen und meldete mich erneut in einem Lesbenchat an. Anfangs war ich dort nur selten online, aber mit der Zeit fand ich mich dort immer häufiger. Ich schaute mir stundenlang die Bilder anderer Frauen an.

Da ist sie – die große Liebe

Dann sah ich sie, diese Frau, deren Profilbild und auch Profiltext mich total ansprachen. Und was mir gleich auffiel, sie wohnte in meiner näheren Umgebung. Also schrieb ich ihr. Ich rechnete nicht damit, eine Antwort zu bekommen, aber sie schrieb mir. Es war der Wahnsinn, sie war für mich wie eine Seelenverwandte! Wir waren uns auf Anhieb sympathisch und schrieben täglich. Es war so wundervoll mit ihr. Der Kontakt zu ihr tat mir unglaublich gut, ich fühlte mich frei wie lange nicht mehr. Die Gespräche gaben mir neuen Mut, ich begann langsam wieder mein Herz öffnen und konnte zunehmen mit all dem Mist, mit dem ich jahrelang kämpfen musste, anfangen abzuschließen. Bald verbrachte ich jede freie Minute vor dem Laptop und wartete darauf, wieder mit ihr schreiben zu können. Sie wurde zu dem Funken Hoffnung, den ich zuvor längst aufgegeben hatte und ich erfreute mich wieder an den Kleinigkeiten im Leben, an einer blühenden Blume oder an einem Marienkäfer. Es war, als hätte ich zuvor meine Augen und vor allem mein Herz vor all dem verschlossen gehabt. Wir tauschten Nummern, telefonierten, simsten. Ich nutzte einfach jede freie Minute um ihr zu schreiben.

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Erstes Treffen

Dann war es soweit, unser erstes Treffen. Ich war unglaublich aufgeregt, als ich am verabredeten Treffpunkt stand und auf sie wartete. Meine Knie weich wie Butter, meine Hände feucht und mein Herz heftig gegen die Brust hämmernd stand ich da und konnte es kaum erwarten. Und dann sah ich sie, es war ein unglaublicher Moment, ich war sofort hin und weg. Den Abend verbrachten wir im Kino, dort tranken wir eine Cola und unterhielten uns sehr angeregt ehe wir uns einen Film anschauten. Der Film war mir total egal, ich konnte mich nur auf sie konzentrieren. Immer wieder huschten meine Blicke heimlich zu ihr hinüber. Ich war total von ihr gefesselt! Ab und zu suchte ich ihre Hand und berührte diese sanft – meine Gefühle spielten bereits jetzt verrückt.

Der Abend endete leider viel zu schnell. Sie begleitete mich noch bis ans Gleis um dort mit mir auf meine Bahn zu warten. Ich fand das damals total süß und rücksichtsvoll von ihr. Dann war es an der Zeit, sich zu verabschieden und ehe ich mich versah umarmte sie mich.

Von da an war es um mich geschehen. Ich wollte noch mehr Zeit mit ihr verbringen, ich wollte alles mit ihr teilen. Und obwohl ich sie kaum kannte, war es, als würde ich sie bereits ein Leben lang kennen. Ich weiß, das hört sich verrückt an, aber das zwischen uns war magisch. Wir schrieben jetzt fast stündlich und flirteten heftig miteinander. Ich fing an Andeutungen zu machen wie „Ich finde dich toll, hast du doch gemerkt!?“, „Guten Morgen meine Süße, ich dachte es ist sicher in Ordnung, wenn ich dir jetzt schreibe. Irgendwie vermisse ich dich (willst sicher nicht hören), aber Frau, Du bist für mich zu einem besonderen Menschen geworden…hm..“ oder „Ich wünschte ich wäre bei dir…“.

Wie es in ihr aussah, war mir bis dahin noch nicht klar. Liebte sie mich auch? Wollte sie doch nur eine Freundschaft mit mir aufbauen? Ich wusste es einfach nicht und so fühlte ich mich auch. Als meine Gefühle immer intensiver und stärker wurden, musste ich mich jemandem mitteilen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und schrieb dann aus Verzweiflung ihrem besten Kumpel.

Hey du, ich weiß, es ist total scheiße, dass ich dich jetzt anschreibe, ich hab auch echt lange überlegt, ob ich es tun soll. Und ja, jetzt schreibe ich einfach. Also, ich bin Jessica, du hast sicher schon was über mich von Janina gehört. Naja, warum ich dir schreibe weiß ich nicht mal genau, ich weiß gar nichts mehr… nur, dass mein Kopf und mein Herz seitdem ich sie gestern traf total kirre sind. Ich hab mich sofort in sie verliebt… Hm, ist eigentlich nicht so mein Ding, also mich schnell zu verlieben, aber bei ihr hat es einfach Peng gemacht. Und ich habe es ihr auch gesagt und leider weiß ich jetzt gar nicht, was sie davon hält… Ah naja… Sorry für’s Belästigen! Liebe Grüße

Zweites Treffen

Wenige Tage später kam es zum zweiten Treffen. Und dieses hatte es in sich. An diesem Tag sollte ich erfahren wie es sich anfühlt, richtig heftig verschossen zu sein. An diesem Abend geschah etwas in mir, etwas großes, mächtiges, explosives.
Das Treffen war nicht geplant, was sie Sache noch spannender machte. Ich war allein zu Hause, da meine Eltern für ein paar Tage in den Urlaub gefahren waren. Obwohl sie gerade Nachtschicht hatte, schrieben wir pausenlos miteinander. Irgendwie kam es dann, dass sie mich spontan fragte, ob ich zu ihr ins Hotel kommen wollte – und ob ich das wollte!
Also fuhr ich zu ihr, die Fahrt war grausam, ich konnte mich vor Aufregung kaum auf die Straße konzentrieren und die Strecke kam mir unglaublich lange vor. Schließlich kam ich dann endlich an.

Der Abend fing eigentlich relativ locker an, wir redeten, tauschten Blicke und lächelten uns an. Ich beobachtete jeden ihrer Schritte bei der Arbeit und war total verzaubert. Sie war so unglaublich süß. Ich fühlte mich total zu ihr hingezogen. Als ich ihr dann gegenüber saß und sie mir tief in die Augen schaute, konnte ich mich nicht mehr länger ruhig halten, mein kompletter Körper zitterte und bebte. So etwas hatte ich noch nie erlebt, es war, als würden tausende Stromschläge durch meinen Körper jagen. Mein Herz stolperte unregelmäßig und kraftvoll in meiner Brust. Es machte einfach Peng! Dieses unglaubliche Gefühl war einfach nicht mehr aufzuhalten. Es war der reine Wahnsinn!

Dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und legte meine Hand auf ihr Bein, fing an es zu streicheln. Und auch sie fing an, mich sanft zu berühren. Mein Körper kochte, ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg.

Wir setzten uns in die Hotellobby und sie nahm mich in ihre Arme, ich war ganz nah an ihrem Herzen, es schlug mindestens genauso heftig wie meines. Das Gefühl in ihren Armen zu liegen war unbeschreiblich schön, ich war endlich angekommen.

In mir drehte sich alles. Es war als würde mein kompletter Körper aus den Fugen geraten. Am liebsten hätte ich sie an diesem Abend geküsst, aber dazu fehlte mir der Mut. Als ich dann wieder nach Hause fahren musste war ich unglaublich traurig, zu sehr sehnte ich mich nach ihrer Nähe.

Um mich war es endgültig geschehen. Sie war diese eine Frau, mit der ich zusammen sein wollte. Ich konnte nur noch an sie denken und so wurde sie zum Mittelpunkt in meinem Leben.

Drittes Treffen

Kurze Zeit später kam es dann erneut zu einem Treffen, diesmal bei ihr zu Hause, und auch diesmal war ich extrem aufgeregt. Als ich dann bei ihr ankam war ich plötzlich ganz schüchtern, wusste nicht, was ich sagen sollte. Zum Glück nahm sie mir meine Schüchternheit aber recht schnell, indem sie mich bat, mich zu ihr ans Bett zu setzen. Unsere Blicke trafen sich und blieben aneinander haften. Ihre Nähe tat so unglaublich gut und ihre Augen verzauberten mich zunehmend.

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Völlig unerwartet fragte sie mich, ob sie mich küssen dürfe. Wow! Ich war total perplex. Ihre sanften Lippen zu spüren war unbeschreiblich schön. Ihr Kuss, erst schüchtern und dann mit einer unglaublichen Intensität, war wie eine Explosion in meinem Körper. Mein Wunsch ihr zu gehören, eins mit ihr zu sein, ging noch an diesem Abend in Erfüllung. Es war, als würde ich träumen – zu schön um Wahr zu sein!

Sie ist es – die Frau meines Lebens!

Seit diesem Tag sind wir unzertrennlich. Recht schnell lernte sie dann auch meine Familie und meine Arbeitskollegen kennen. Alle nahmen sie mit offenen Armen auf. Inzwischen wissen fast alle Menschen, dass ich auf Frauen stehe und ich muss ehrlich sagen, dass ich stolz bin, endlich zu meiner Homosexualität stehen zu können!

Knapp sechs Monate später sind wir dann zusammen gezogen. Es war das beste, was uns passieren konnte! Unsere Liebe wächst noch immer – von Tag zu Tag. Jeder Tag ohne sie ist ein verlorener Tag.

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Seitdem ich sie an meiner Seite habe, bin ich der glücklichste Mensch auf Erden. Sie ist die Frau meiner Träume, die Frau, mit der ich alt werden will. Sie macht mich zu einem besseren Menschen, mit ihr habe ich die Liebe meines Lebens gefunden!

Inzwischen sind wir fast zwei Jahre zusammen und haben schon unglaublich viel miteinander erlebt. Vor ungefähr einem halben Jahr hat sie mir dann in Hamburg einen total romantischen Heiratsantrag gemacht. Nächstes Jahr werden wir dann offiziell den Bund der Ehe eingehen und damit unser Glück endgültig besiegeln.

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