„Ich bin ein Queer Ally – und das ist auch gut so!“

Wie ich als Queer Ally die LGBTIQ-Community unterstütze... #StopHomophobia

SzeneLesbe wäre nicht SzeneLesbe, wenn hier nicht auch Queer Allies zu Wort kommen würden.

Wir freuen uns, dass Peter Herold heute ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudert und erzählt, warum er gerne ein Queer Ally ist, wie es dazu kam und warum Queer Allies überhaupt wichtig für die LGBTIQ-Community sind…

Seit 2014 kennen mich alle als „Queer Ally“ (Verbündeten), d.h. einen heterosexuellen bzw. „straight“ (vermutlichen oder als gelesenen – denkt an einen Menschen, der sich als bi definiert, aber in einer monogamen, nicht gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt!) Menschen, der sich für die Belange der LGBTIQ-Community stark macht. Szenelesbe hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, einen Beitrag zu diesem Thema zu leisten, quasi einen Aufruf an alle, sich für das Thema zu interessieren und Solidarität zu zeigen. Klar, ich mache das!

Der jüngsten GLAAD Umfrage zufolge (hier mehr dazu) identifizieren sich 20% der Generation Y (18 bis 34 Jahre) als LGBTIQ. Zudem bezeichnen sich überwältigende 63% dieser Gruppe als Allies der Queeren Community. Im Gegenteil dazu identifizieren sich nur 7% der Generation zwischen 52 und 71 Jahren als LGBTIQ. Umgekehrt: über 80% aller Menschen sehen sich als „straight“ und die Queere Community bleibt (vierfach) eine Minderheit. Somit liegt auf der Hand, dass Allies in der Straight Community wichtig für LGBTIQs sind – egal, ob es um Entscheidungen über Gerechtigkeit bis hin zu Inklusion und Akzeptanz am Arbeitsplatz, in der Familie, usw. geht…

Mein Weg zum Queer Ally

Meiner Bemühung, mein Deutsch zu verbessern, ist es zu verdanken, dass ich zu einem Queer Ally geworden bin. Dank meiner Mutter und Ehefrau Anne hatte ich immer positive Frauenbilder und eine begrenzte Wahrnehmung der allgemeinen Diskriminierung der Frauen ausgesetzt sind. Anfang 2014 hörte ich einem Podcast unter der SR2-Reihe „Fragen an den Autor“ zu, die eine gute Quelle für Buchtipps ausmacht. Es ging um ein Gespräch mit Miriam Gebhardt über ihr Buch „Alice im Niemandsland: Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor“ (hier der Podcast). Ich war verblüfft, dass bis 1977 in Deutschland eine Frau die Genehmigung des Ehemanns zur Erwerbstätigkeit brauchte(!). Ich kaufte und las das Buch. Das Thema wurde mir wichtig und ich begann immer mehr zum Thema Feminismus (zu welchem heutzutage Queerfeminismus gehört) zu lesen und Podcasts zu hören.

Nur ein Beispiel, um zu begreifen, wie marginalisiert gleichgeschlechtliche Beziehungen sind: Hört mal den ersten 14 Minuten von https://www.video.uni-erlangen.de/clip/id/4059.html zu. Zum gleichen Zeitpunkt und nach meiner Lektüre von Wolfgang HerrndorfsTschick“ schlug mir Amazon unter Jugendbüchern Lina Kaisers Coming-out Roman „Im Abseits der Lichter“ (hier die Rezension von SzeneLesbe) vor. Ich war neugierig und zugleich unsicher, ob ich dieses Buch als Mann lesen „soll/darf“… Schließlich kaufte ich es als Hörbuch und fand es schlicht großartig. Seitdem habe ich fast alles vom Butze Verlag, aber auch viele andere queere, meist lesbische, Romane gelesen, Rezensionen geschrieben und Buchtipps ausgetauscht. Entgegen allen stereotypischen Erwartungen sind viele dieser Bücher auch für Heteros lesenswert. Mir gefallen das zu sich selbst Stehen bzw. das über den Schatten Springen und der Erkennungsprozess, anders zu sein, ohne zunächst zu wissen, worum es sich handelt.

Darüber hinaus studiere ich seit 2014 Geschichte, Literatur und Philosophie an der FernUniversität in Hagen. Dazu gehören die Untersuchung vermeintlicher Selbstverständlichkeiten und gesellschaftlicher Konventionen, z.B. der Geschlechterrollen, wie sich diese im Laufe der Zeit verändert haben sowie die grundlegende Rolle der Sprache und Diskurse. Wenn beim Sprechen über einen bestimmten Sachverhalt kein spezifischer Begriff verwendet wird, existiert er ganz und gar nicht, er wird sozusagen „erased“ – ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang! Unter meinen Mitstudierenden kenne ich verschiedene queere Menschen und natürlich reden wir nicht nur über die Prüfungen.

Zu guter Letzt: Anne und ich betrieben 2007 bis 2016 eine Pension für Outdoor SportlerInnen an der Ostküste Sardiniens, das Lemon House. Wir hatten verschiedene gleichgeschlechtliche Paare zu Gast, unter denen viel (10x) mehr Lesben als Schwule waren, die teilweise zu guten Freundinnen wurden.

Also, wie verhalte ich mich aufgrund dieser queerfeministischen Weltanschauung? Was bedeutet für mich, ein Ally zu sein?

Ich informiere mich über die LGBTIQ-Begrifflichkeit und verwende die Fachbegriffe möglichst korrekt bzw. korrigiere falsche Verwendung. (Für weitere Informationen zur Begrifflichkeit Queer Ally, siehe auch: http://szenelesbe.com/bist-du-ein-straight-ally.)

Beim Schreiben bemühe ich mich darum, gegenderte Formulierungen zu verwenden: Ein Beispiel – „Kletternbegeisterte“ oder „KletterInnen“.

Wenn LGBTIQ-ignorant geäußert wird, lohnt sich ein Aufklärungsversuch. Sehr oft kennen diese Menschen keine Angehörigen der Gruppe, über die er/sie eine Meinung äußert. Es reicht ein konkretes Beispiel, damit die Konversation wieder auf eine begründete Basis zurückgeführt wird. Bei LGBTIQ-Feindlichkeiten greife ich heftiger ein, z.B. beim zwölfjährigen Judoka, der einen tödlichen Kampfsport scheinbar verantwortungsvoll betreiben konnte, aber das Verletzungspotential der Beleidigung „Schwuchtel“ nicht verstand…

Meine queeren FreundInnen haben Namen! Ich sage, „Das britische Ehepaar Rebecca und Jennifer waren zwei Mal im Lemon House zu Gast. Sie sind Radfahrerinnen und wir haben uns an Weihnachten getroffen.“ statt, „Ich kenne diese zwei Lesben…“.

Facebook, Twitter usw. bieten die Möglichkeit, einen kleinen Regenbogen o.ä. in die Ecke des Profilbilds oder eine Regenbogenschattierung einzufügen, um Solidarität zu zeigen.

Natürlich befürworte ich die Ehe für Alle, nicht nur, weil es um ein menschliches Grundrecht geht, sondern weil es keine wissenschaftlichen Gegenargumente gibt. Die Meinung „Das Kind braucht unbedingt eine Mama und einen Papa“ wird von 75 peer-reviewed wissenschaftliche Aufsätze widerlegt, nach denen gleichgeschlechtliche Eltern genauso gut (oder schlecht) Kinder großziehen wie Eltern verschiedener Geschlechter.

Was Vorbilder betrifft, ziehe ich der Film- oder Musikindustrie berufliche oder professionelle Kontexte vor, wo Aufmerksamkeit wegen des LGBTIQ-Seins sicherlich nicht vorteilhaft wirkt. Die Financial Times ist keine sensationelle Boulevardzeitung, also wirkt ihr Artikel (Paywall, falls Probleme googelt mal „ft.com Hannah Winterbourne“) über Hannah Winterbourne, Großbritanniens höchstrangige Transsoldatin, insbesondere beeindruckend. Inga Beale, bi, Geschäftsführerin des berühmten Versicherungsmarkts Lloyd‘s of London, war die erste Frau, die Ende 2015 zur Spitze der Rangliste der 100 einflussreichsten LGBT*-GeschäftsführerInnen gekürt wurde, gefolgt von Alan Joyce, CEO der australischen Fluggesellschaft Qantas.


Wir von SzeneLesbe begrüßen jeden Queer Ally und hoffen, dass es künftig immer mehr Allies geben wird, die unsere Community stärken und unterstützen! Hier seid ihr herzlich willkommen!!! ❤

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