Endlich Klartext: “Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit”

"Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit"

"Lesben Raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit" - Querverlag

„Im Namen des Schweigens zeichnet sich für jede von uns das Gesicht der eigenen Angst ab – Angst vor Verachtung, vor Zensur oder irgendwelchen Urteilen oder vor Erkenntnissen, Angst vor Herausforderungen, Angst vor Vernichtung. Mehr als alles jedoch denke ich, fürchten wir die Sichtbarkeit, ohne die wir nicht wahrhaftig leben können. […] Doch diese Sichtbarkeit, die uns höchst verletzlich macht, ist auch die Quelle unserer größten Kraft.“ – Audre Lorde

Mit diesen Worten Beginnt der Sammelband “Lesben Raus!”, für den 25 Autorinnen und 2 Autoren Texte eingereicht haben. Das Zitat von Audre Lorde sagt bereits einiges über den Inhalt des Buches aus, stellt es denn bereits direkt die Frage, inwiefern die eigene Sichtbarkeit gewünscht ist und setzt sie in Korrelation zu der nötigen Sichtbarkeit, ohne die wir nicht leben können.

Auch wenn der gesamte Diskurs offenbar seit Anbeginn der Lesbenzeitschriften, also ~1920, bis heute zurückverfolgbar ist, so ist dem Diskurs seitdem doch einiges hinzuzufügen.

Der Einstieg könnte das eigene Aussehen sein, wie damals schon thematisiert. Butches und Maskuline sind die Sichtbarsten. Sie sind oft Kämpferinnen für Frauenrechte, indem sie sich männliche Privilegien auf ihre besondere Weise aneignen. Feminine und Femmes sind unsichtbar. Ihnen wird häufig sogar ihr eigenes Lesbischsein abgesprochen, – aber sie unterwandern mit ihrem heteroähnlichen Aussehen ebenfalls die Rollenklischees. Der gesamte Diskurs ist komplex. Auch hat sich seit den 1920ern unsere Gesellschaft stark gewandelt, sodass manche Verbote und Anfeindungen (verbale und handgreifliche), mit denen gerade Butches aber auch wir alle noch zu kämpfen haben, nachgelassen haben. So kamen auch vielfältige Themen hinzu, Diskriminierungen wurden anders, wo man uns doch oft unterstellt, wir hätten mit der Öffnung der Ehe doch schon alles erreicht. Lesbische Mütter beispielsweise, so auch im Buch behandelt, plagen sich nicht nur mit Alltagssorgen, so ihnen ständig ein männlicher Partner unterstellt wird, sondern auch mit der Stiefkindadoption herum. Und warum sind in den Medien mehr Väterpaare mit Kindern zu sehen als Mütterpaare?

Apropos Medien: Wie sieht es mit unserer generellen Präsenz dort aus?

Stephanie Kuhnen © Martin Pelzer

Ja, wir sind durchaus einmal sichtbar. Erklärt wird uns die Welt der Homosexuellen häufig von Männern, aber wir Lesben dürfen dann auch mal mit einem Quotenkinderwagen über den Bildschirm huschen und hübsch lächeln. Wenn überhaupt. Das kann kaum die Sichtbarkeit sein, die wir haben wollen. Stephanie Kuhnen selbst schrieb dazu: „Die lesbische Sichtbarkeit in den Medien ist kuratiert.“, und führte weiter aus, wie oft in ihrer Zeit als Chefredakteurin von L-Mag andere Medienhäuser anriefen und unbedingt Bilder o.Ä. von Lesben haben wollten, die „nicht zu klischeehaft“ aussähen. Natürlich gerne multikulturell, bürgerlich, angepasst und gerne mit Kind.

Kinder, Küche, Kirche. Die ganze Palette der Frauenthemen.

Wir sind also genau so sichtbar, wie uns die Medien haben wollen. Als ob es nur angepasste, bürgerliche Lesben gäbe und Frauen wie Lea DeLaria (Orange Is the New Black) nicht existieren würden. So werden Lesben von heterosexuellen männlichen Redakteuren dargestellt. So sehen uns die Medien. Aber gerade lesbisches Sehen funktioniert ganz anders. Wir assoziieren anders. Wir lesen anders und Anderes. So zeigen die Medien immer nur einen kleinen Bereich von uns. Und was ist mit den anderen Bereichen? Sichtbarkeit berührt sie alle. Denken wir an die Erinnerungskultur. Diskussionen um die Gedenkkugel für die ermordeten Lesben im KZ Ravensbrück zählen dazu. Oft wird nämlich so getan, als ob es keine lesbischen Opfer gegeben habe, genau wie die Diskussion um das Denkmal für die vom §175 verfolgten Schwulen und Lesben. Es ist die Sichtbarkeit, dass wir Leid zu ertragen hatten. Dass wir verfolgt worden. Alles andere wäre Geschichtsverleugnung und eine Unsichtbarmachung, wie sie heute nach wie vor viel zu oft geschieht.

Apropos früher. Das Früher, wo die Frauen von damals heute alt sind. Was ist denn eigentlich mit dem Alter? Wir werden alle einmal alt und die Sichtbarkeit im Altenheim dürfte wohl eher gering ausgeprägt sein. Dabei ist generell die Frage zu stellen, inwieweit Pflegerinnen und Pfleger auf unsere Bedürfnisse als Lesben eingehen sollten. Wer sich nicht vorstellen kann was hiermit gemeint ist, sollte sich einmal fragen, ob Intoleranz und Diskriminierung dort auftreten könnten. Auch ist es die Frage wie Pflegekräfte mit nicht heteronormativen Gendernormen umzugehen haben. Hier fehlt oft das Wissen und die Kompetenz. Schmerz wird ebenso anders geäußert als von heterogender konformen Menschen und da Schmerz das zentrale Thema der Diagnostik in der Pflege ist, fehlt bei Pflegekräften oft die Sensibilisierung dafür.

Anders läuft das Bild bei den Jungen an. Eigentlich sind sie doch Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt. Einmal als Frauen, dann als Lesben und dann wiederum als Junglesben und junge Frauen, denn seit wann werden gerade junge Frauen in unserer Gesellschaft ernst genommen?
Dabei stellt sich die Frage, wem hier die Schuld zu geben ist. Natürlich gibt es ab und zu einmal Vorurteile gegen Jüngere, beispielsweise die Frage, ob sie überhaupt an unseren Strukturen partizipieren wollen. Dabei war selbst Kuhnens Lesung in Düsseldorf am 22.03.18 von sehr gemischtlesbischen Publikum besucht. Auch wenn sich manch Ältere diese Fragen stellt, sollte sie sich ggf. einmal fragen, warum sie sich das fragt. Werden wir vielleicht von einem Meinungsbild in den Medien beeinflusst? Wer ist denn in den Medien sichtbar? Denken wir zum Beispiel an Anne Will & Hella von Sinnen. Die ein oder andere fällt uns sofort ein. Klar. Aber wie alt sind sie? Wer dient hier als Identifikationsfigur? Klar, sie sind alle „welche von uns“, aber als 20-jährige sieht frau auch gerne Frauen ihres Alters.

Und was ist mit unseren Medien? Nehmen wir einmal queer.de. Queer.de schreibt eher wenig über Lesben. Im Buch werden Beispiele aufgezeigt, wo sehr gelungen ein lesbisches und junges Publikum angesprochen worden ist. Ich selbst denke da gerade an Rainbowfeelings oder auch Frauverliebt. Die Frage ist außerdem, inwieweit ein lesbisches Publikum angesprochen werden kann, wenn wir alle LSBTTIQ* sind. Werden alle Themen angesprochen, dann wird das Thema L unterrepräsentiert sein. Das muss zwar nicht unbedingt schlecht sein und die Integration gelingt mancherorts durchaus, aber es besteht die Gefahr dass das L zurück gedrängt wird, denn wann immer es Ressourcenkämpfe gibt und gab, sind es doch meistens Frauen gewesen, die hier zurückgesteckt haben.

Stephanie Kuhnen im Interview:

Apropos Ressourcenkämpfe. Das Buch wartet auch mit Zahlen auf:

46% der Gelder für Lesbischwule & Trans Projekte gehen an schwule Männer. 18% an uns Lesben. Da sind in Zahlen:

1,7 Millionen Euro gehen an Männer und 177.000 Euro an Frauen!

Von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld war von 24 Projekten nur ein einziges dabei, was sich explizit an uns Lesben richtet. Natürlich wurden sie (übrigens von L-Mag) bereits darauf hingewiesen und änderten daraufhin ihre Förderausrichtung.

Das Buch ist zusammenfassend eine Analyse über viele Bereiche von Sichtbarkeit, Unsichtbarkeit, Sichtbarmachung und Unsichtbarmachung und der lesbischen Art zu sehen. Es ist schwierig alle Themen umfassend vorzustellen, weil das Buch durch die Pluralität der Blickwinkel gekennzeichnet ist. Besonders interessant ist, dass ein schwuler Verbündeter hier explizit zum Thema Junglesben schreibt und seine Sichtweise von außen eine wertvolle Perspektive liefert.

Schaut euch hier die ganze Lesung im anyway in Köln an:

Das Buch ist Stephanie Kuhnen ein besonderes Anliegen gewesen, wie sie auf der Lesung in Düsseldorf durchblicken ließ. Sie und der Queerverlag waren vom Erfolg der 1. Auflage von 1.500 Exemplaren soweit überrascht, dass die 2. Auflage sofort und ohne Korrekturen nachgedruckt werden musste. Die in Kürze erscheinende 3. Auflage hingegen soll auch Korrekturen beinhalten.

Im Buch selbst werden viele Themen leider nicht behandelt. Wie steht es beispielsweise um intersexuelle Lesben? Stephanie Kuhnen ließ auf ihrer Lesung verlauten, dass es wahrscheinlich ein 2. Buch geben wird.

Ebenfalls beim Querverlag veröffentlicht hat Stephanie Kuhnen:

  • Butch/Femme. Eine erotische Kultur. (Hsg.)
  • Rettet die Delphine
  • Bisse und Küsse. Sexgeschichten: Bisse und Küsse, Bd 1: Sexgeschichten (Hsg. mit Sophie Hack)
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Ich denke, also bin ich. Ich lese, also schreibe ich. 2 Dinge die ich mag und die miteinander verbunden sind. Dabei bin ich mir nicht zu schade Ergüsse einiger Queertheoretiker/innen kritisch zu verfolgen sowie gute Dinge zu rezensieren. Als Vollblutmetalerin mag ich bunt gar nicht, aber schreibe doch über vieles unter dem Regenbogen.

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