In diesem Artikel wird versucht die Heteronormativität in der Trans*Szene herauszuarbeiten sowie kritisch der Frage nachgegangen, ob ein Lesbischsein von Transfrauen überhaupt möglich ist. Gründe für die Heteronormativität werden hinterfragt und Seitens der Transfrauen und aus lesbischer Sicht (also meiner) erörtert. Dieser Artikel ist der Inhalt anderthalbjähriger Feldforschungen in der Trans*Szene, beinhaltet Erfahrungen anderer und lässt letzten Endes lesbische Transfrauen selbst zu Wort kommen.

Die Gründe für diese Feldforschungen waren rein persönlich und haben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, da ich in das Thema quasi „reingerutscht“ bin und es nicht von Anfang logisch (z.B. mit Fragebögen/Erinnerungstexte) aufzog. Jedoch bemühe ich mich das Thema möglichst wissenschaftlich aufzuarbeiten und ausgewogen zu bewerten.

Bei Transsexualität scheiden sich öfter mal die Geister, obwohl bei näherer Betrachtung des Phänomens und der betroffenen Menschen auch unterschiedliche „Grauansichten“ möglich und denkbar wären.

Unter transkritischen Überzeugungen versteht man im Allgemeinen tendenziell eine Art von Transphobie bis hin zu offener Transmisogynie (Hass auf Transfrauen) oder gar eine komplette Negation dessen, was im ICD-10 unter F64.0 als Krankheit klassifiziert worden ist, nämlich der Transsexualität.

Offensichtlich aber kann man zwei Grobfraktionen voneinander unterscheiden. Diejenigen, die pro-Trans sind und die Trans/-Gemeinschaft keinesfalls kritisieren wollen, sie gar mit Samthandschuhen anfassen und andererseits die Kontra-Trans-Fraktion, die keine Toleranz für das gesamte Thema inklusive ihrer Betroffenen aufweist.

Die „Trans*Szene“ lernte ich über einen Exfreund kennen, einen Transmann (Mann, der bei seiner Geburt eine Zuweisung als weiblich bekam) der pre-HRT (before hormonal replacement therapy) war und den ich anfangs als „Butch“ las. Meine Sicht ist die Sicht einer Lesbe auf die Szene, eine Sicht von Außen. Ich habe mich eingehend mit ihren Beweggründen und ihren Mentalitäten beschäftigt und finde, dass gerade die Heteronormativität (Norm der Binarität der Geschlechter) innerhalb der Szene dringend thematisiert gehört – was nicht nur ich, sondern auch andere Trans-Menschen oder Lesben, die pro-Trans sind, so sehen, die ich hier ebenfalls zu Wort kommen lassen möchte.

Wir leben in einer Welt, in der Trans-Menschen in unsere „Szene“ kommen, seien es schwule Männer oder lesbische Frauen oder Butches und Ex-Butches, die mit Testosteron ihren Hormonstatus substituieren, aber gerne unter uns bleiben möchten. Seit gerade die Transmänner für mehr Sichtbarkeit gesorgt haben (z.B. auf dem CSD Köln / es gab bei der Demo eine eigene Trans-Fraktion) ist das Thema in aller Munde und es wird z.T. ohne Hintergrundwissen dreist von einem „Trend zu Trans“ gesprochen.

Natürlich gibt es dazu bereits Antworten wie hier von „FemmeButchVision“: Back into the 80s: Von Problem-Butches und Grenzverläufen in “FrauenLesbenräumen, welche das Thema vernünftig aufgegriffen und erklärt haben.

Hier widme ich mich vor allem den Transfrauen (Frauen, der bei ihrer Geburt eine Zuweisung als männlich bekamen), aber teilweise auch den Männern. Auf die Butch/Femme-Thematik gehe ich hier kaum ein, vertrete aber die eine oder andere für uns auch typische Sichtweise.

Wie man es nimmt, es bleibt ein Zwiespalt innerhalb der queeren Szene da: Pro und Kontra. Akzeptanz oder Toleranz und Intoleranz. Für manche sind Transfrauen keine Frauen, für andere sind Transfrauen keine Lesben sondern Heten, andere bemühen sich um volle Integration.

Was ist eigentlich lesbisch?

Als erstes sollte daher geklärt sein, was eigentlich lesbisch ist. Auch hier scheiden sich die Geister. Die Einen sagen: Eine Frau, die Frauen liebt ist lesbisch. Punkt.

Die Anderen beziehen den soziokulturellen Aspekt mit ein. Lesbischsein hätte demnach ebenso mit Identität und mit kultureller Zugehörigkeit zu tun.

Was ist die kulturelle Zugehörigkeit?

Aspekte einer Kultur können sein….woman-629172_1280

Modetrends: z.B. ein toller Justin-Bieber-Haarschnitt oder ein sexy androgyner Look wie von Shane McCutcheon aus L-Word, die unter uns recht beliebt scheint.

Flirt-Regeln: Wann fragt man nach einem Date, wer ergreift wann die Initiative. Heteronormativ affirmierend: Ein Mann zeigt die breiten Schultern, eine Frau macht sich klein und legt das Köpfchen schräg. Der Mann fordert die Frau zum Tanzen auf, usw..

Musik: Neben speziellen Richtungen wie Homo-Core (Bikini Kill, Lesbians on Ecstasy oder Sookee, die Homosexualität thematisieren), hat Musik auch einen ganz anderen Aspekt. Die Moll-Tonleiter wird im westlichen Kulturkreis als traurig empfunden, im Mittleren Osten (und im Mittelalter bei uns!) als fröhlich.

Monique Wittig brachte diesen Standpunkt wie folgt auf den Punkt:

„… und es wäre unkorrekt zu sagen, dass Lesben mit Frauen zusammen sind, Liebe machen, leben, denn „Frau“ hat nur Bedeutung im heterosexuellen System des Denkens und in heterosexuellen ökonomischen Systemen. Lesben sind keine Frauen. (1978)“

Doch Lesbe ist nicht gleich Lesbe. Manch eine pseudo-heterokonforme Femme mag hier gerade ein Grummeln im Magen verspüren, wird sie doch manchmal von anderen Lesben als Hetera gelesen. Ebenso scheint die gemeine feminine Lesbe von maskulinen Butches stigmatisiert zu werden, was natürlich in alle Richtungen funktioniert. Jenseits der Butch/Femme-Thematik gibt es bereits auf SzeneLesbe einen kurzen Artikel zum Thema Intoleranz innerhalb der Szene dazu. Auf „femme-inistisch“ liest es sich bei LesbianChic allerdings ziemlich gleich.

Ob nun Lesben keine Frauen sind, ob man es politisch sieht und „Frau“ als heternormatives Konstrukt dekonstruieren will oder ob man es biologisch betrachtet und Frausein als logische Schlussfolgerung eines weiblichen Körpers sieht, es ist relativ eindeutig, dass uns manches von der heternormativen Mehrheitsgesellschaft unterscheidet.

Was ist „die Szene“ und gibt es sie überhaupt? Oder sollte man eher von „Szenegrüppchen“ reden? Dabei gibt es auch Dinge, die jede von uns eint: Der Wunsch nach Toleranz und Anerkennung z.B. oder der Wunsch, diskriminierungsfrei zu leben. Wie man es nimmt: Jede, auch eine High-Femme oder Stone Butch (beides die „Ultras“ ihrer Selbstentäußerungen) trägt den ein oder anderen Aspekt lesbischer Kultur in sich, so dass es „Fem(me)s sind keine Frauen“, wie oben erwähnt, oder auch „Fem(me)s sind keine Lesben“ heißen kann, wenn man Aspekte lesbischer Kultur eher verneint, wie es u.A. im dt. „Femme!-Butch“ nachzulesen ist. Wobei eine Vielzahl der Femmes und Butches sich wohl keinen dieser Sätze zu eigen machen wird….

Gehen wir neben dieser Kontroverse der Einfachheit halber einmal von einer „generell lesbischen Kultur“ aus, also von Aspekten des Seins, die von den Einen mehr und von den Anderen weniger geteilt werden. Dies betrifft die Fem(me)/Butch-Kultur und die „normale“ lesbische. Keine davon ist heteronormativ, das ist mindestens der eine gemeinsamer Nenner unter uns allen. Es gibt also definitiv Dinge, die uns einen.

Trans*Szenen-Kultur vs. lesbische Kultur

Was ist eigentlich die „Trans*Szene“?

Die Trans*Szene organisiert sich über Foren, über Selbsthilfegruppen, Stammtische und andere Möglichkeiten gemeinsamer Aktivitäten. Manch eine Transfrau wurde schon auf dem Nürnberger Tuntenfest gesichtet (die Beweggründe werden hier sicherlich vielfältig sein).

Es gibt zwei primäre Ziele dieser Szene: Vernetzen & Realkontakte haben sowie sich gegenseitig auf dem Weg begleiten und einander Hilfestellung geben, was in Deutschland durchaus nötig ist, da es ein schwieriger Weg ist und Informationen nicht immer zugänglich sind.

Innerhalb der Trans*Szene begegneten mir sehr viele verschiedene Personen. Ich war auf Stammtischen, mit meinem Exfreund in Selbsthilfegruppen, lernte über die eine Person dann weitere kennen und, und, und. Es kam auch vor, dass man eine „echte Frau“ kennen lernte, von dem Gros der Transmenschen „Biofrau“ oder „Cisfrau“ genannt. Mein erster Eindruck war, dass zwischen „Trans“ und „nicht Trans“ (Cis, Bio, wie auch immer) differenziert wurde, was teilweise so weit ging, dass der Ausdruck „echte Frau“ fiel, was mich persönlich wunderte. Ich war über all diesen Spezifizierungen der unterschiedlichen Weiblichkeitsbezeichnungen erst einmal genervt. Warum nicht nur von Frauen und Männern, Interwesen und Gendern reden? Und was bin ich dann davon? Bio? Cis? Frau? Fraufrau? Fem? Ich persönlich bevorzuge den Terminus Fem (gespr. Fämm), da er nicht durch das auch franz. lesbare Wort Femme mit Frau übersetzt werden kann. Bio erinnerte mich an die Biotonne und Cis an den Musikunterricht, an Latein und die Römer. Aber nun war ich eine Frau unter Transfrauen, was offenbar einen Unterschied machte. Wenn nicht nur in der Bezeichnung oder Selbstsicht, dann mindestens darin, dass Nicht-Trans-Menschen, wie man mir erklärte, nicht in allen Selbsthilfegruppen willkommen sind. So kam es alsbald zu der ersten nennenswerten Situation….

In der Selbsthilfegruppe….

Eine Person, relativ maskulin gekleidet, sichtbarer BartwuTransgender_Pride_flagchs und starke Oberarme, betrat den Raum. Sie stellte sich der Gruppe mit weiblichen Namen vor und bezeichnete sich als transsexuell.

Die transsexuellen Frauen der Gruppe guckten und ließen sie gewähren. Man beschnupperte sich.

Es dauerte nun ein paar Abende und man führte ein paar Gespräche mit der Person, gab ihr (ungefragt) viele Tipps, Hinweise und zeigte Möglichkeiten auf. Und dann? Ja, – dann passierte es:

„Schmink dich mal! Geh mal feminin raus! Auch eine Hardcore Butch kann sich schminken!“, hörte ich eine sagen. Mir blieb der Tee im Hals stecken. Nun gibt es zwar Butches, die sich schminken, eben jene „Soft Butches“ – aber eine „Hardcore Butch“ tut dies eigentlich nicht. Naja, vielleicht mal zu Karneval.

Die Butch in spe gab sich souverän: „Nein, ich werde mich nicht schminken, ich mag das nicht!“

Die Transfrauen begannen, auf sie einzureden. Es wurde richtig fies. Ich kam kaum zu Wort, so dass ich ihr nicht beispringen konnte – genau so wenig, wie sie selbst zu Wort kam. Sie hatte es gerade mit einem wütenden Mob der Heten zu tun, der alles angreift, was er nicht versteht.

Eine kurze Antwort brachte sie allerdings heraus. Sie galt einem Transmann der sie fragte, ob sie auch dann, wenn sie komplett und zu 100% weiblich wäre, genau so rumlaufen würde. Die Butch in spe brachte ein kurzes „Ja, definitiv!“ heraus, bevor das Gemobbe weiter ging.

Das war dann – oh Wunder – auch das letzte Mal, dass Frau Butch das Parkett der Szene betrat, zumindest sowie ich es mitbekam, denn leider sah ich sie nicht wieder.

Bemerkenswert für mich war hier: Die Transmännlichkeiten in Vollendung oder im Werden gingen mit ihr wesentlich lockerer um. Transmänner scheinen maskuline Transfrauen also zu akzeptieren. Das scheint wenig verwunderlich, denn viele von ihnen haben es in der Vergangenheit gewiss selbst schon öfter als „maskuline Frau“ versucht, was dann natürlich angesichts der dahinter steckenden Geschlechts-Fehlcodierung der Umwelt, die ja immer noch stattfand, nicht klappte.

Ein Transmann pre-HRT aus der Nähe von München, etwa 50 Jahre, beschrieb mir in einem Telefoninterview wie das ganze dann aus transmännlicher Sicht aussieht:

„Wir hatten ein kleines Gruppentreffen unserer SchwulLesbischen-Transgruppe auf der Transtagung München 2014 und ermunterten andere, mit uns zusammen zu arbeiten und Lösungen zu eruieren. Das Motto der Tagung passte uns da ganz gut: „Geschlecht kann man nicht von außen sehen!”.

Ein anderer, recht alter Transmann mit ca. 70 Jahren trat an uns heran. Er hatte Probleme mit mir und einer Freundin in der Gruppe zu arbeiten und gab abfällige Bemerkungen von sich. Er gab an, aufgrund seiner Biographie mit allem Weiblichen Probleme zu haben, ebenso mit Transmännern, die wie Frauen aussähen, womit wir vor allem wegen unserer langen Haare gemeint waren.

Wir fühlten uns durch ihn sehr beleidigt und es ist für mich noch immer ein Schock, wenn man mich (gerade unter uns!) als Frau sieht. Mit langen Haaren als Transmann gesehen zu werden ist wohl für viele noch eine Unmöglichkeit.“

Weiteres Beispiel: Wenn eine offene lesbische Frau einen Transmann datet, dann kann es so aussehen:

„Auch ich hatte Erfahrungen mit einem Transmann machen müssen und leider hatte ich keine so guten Erfahrungen. Es fing alles schön und gut an, man mochte sich, anfangs war es für mich auch kein Problem, ihn als Mann zu akzeptieren und ihn zu mögen. Ziemlich schnell wurde ich jedoch eines Besseren belehrt. ER hatte sich wohl noch nicht gefunden. Wollte neben einer Beziehung zu mir, auch noch mit Männern herumexperimentieren und hat bezüglich Frauen einfach eine für mich diskriminierende Haltung: „Frauen gehören an den Herd und Männer gehen arbeiten.“

Es ist traurig, dass er sich das Recht nahm, die Dominanz innerhalb der Beziehung nur den Männern zuzusprechen. Kann eine Frau nicht unabhängig und erfolgreich sein, evtl. sogar erfolgreicher als ein Mann? Ich kenne ziemlich viele Beispiele. Meine Erfahrung gibt mir insofern recht, dass transsexuelle Menschen einen langen Weg gehen müssen, um sich zu finden…. Die Zeit dafür sollte man ihnen zugestehen. Gleichzeitig gibt es leider Fälle (wie oben beschrieben), die einfach mein Gefühl bestärkt haben, mich nicht auf Transmänner, die überkompensieren, einlassen zu wollen. Freundschaftlich sehr gerne, aber mehr nicht….“

– Anonym, eine seit jeher lesbisch lebende Frau, 26. Text von ihr pers. verfasst..

Nun bin ich eine Fem, die sich primär schwarz kleidet. Ich sehe mich der Metalszene als zugehörig an und das soll man auch ruhig sehen! Ich mag Totenköpfe, ich mag guturalen Gesang und ich mag hohe Schuhe. So saß ich auch da, als einer Gothic-Transfrau neben mir erzählt worden ist, dass Frauen nicht nur schwarz tragen würden.

TransHetenFrau: „Frauen tragen nicht nur schwarz! Du bist zu auffällig!“

TransGothicFrau: „Doch, klar tragen Frauen schwarz. Da, guck mich an!“

Sie hätte ja auf mich verweisen können. Tat sie aber nicht. Wow. Sie entdeckte also ihre Weiblichkeit ohne Abhängigkeit zu anderen Frauen. Das nennt sich Selbstbewusstsein!

Als sich aus der Szenerie dann aber später auch jene nette Gothic-Dame entfernte, fühlte ich mich zunehmend unwohl. Sie wurde nicht akzeptiert. Ich schon. Sie war eigentlich gar nicht so anders als ich. Gut, mein Passing als Frau ist wohl besser, aber der Kleidungsstil und das Make-up waren sehr ähnlich. Mir drängte sich also die Frage auf, warum das so ist. Gelten für Transfrauen andere Regeln als für Frauen? Ist der Satz „Lesben/Fems sind keine Frauen“ ebenso auf Transfrauen übertragbar?

Frau als heteronormatives Gender lebt von der Geschlechterdichotomie (also der Zweigeschlechtlichkeit). Es lebt von Weiblichkeit in gewissen Bahnen. Viele Frauen, die sich keiner Szene zugehörig fühlen und keinen besonderen Kleidungsstil bevorzugen, tragen in der Tat selten nur schwarz. Also gilt hier wohl:

Lesben sind keine Frauen.

Fem(me)s sind keine Frauen.

Transfrauen sind Frauen.

Und natürlich: Frauen sind Frauen.

Wobei sich mir doch schon bei der Differenzierung zwischen „echten Frauen“ und Transfrauen, was einer Transfrau einmal herausrutschte, der Verdacht aufdrängte, dass Transfrauen offenbar keine Frauen sind. Das klingt natürlich hart, härter als wenn eine Fem sagt, sie sei keine Frau. Ich bin keine Frau, weil ich mich dem heteronormativen Konstrukt Frau entgegen stellen will, aber sehe mich biologisch betrachtet sehr wohl als Frau.

Transfrauen scheinen oft mit großer Vehemenz jenem Konstrukt hinterher zu lechzen, welches ich dekonstruieren möchte. Mehr noch: Es verlangt ihnen so sehr danach, dass sie nicht zu bemerken scheinen, dass sie sich längst auf der heteronormativen Seite der Weiblichkeit befinden.

Sehr deutlich unterstrich dies eine eigentlich sehr nette Transfrau, die auf einer Autofahrt, ob des Fahrstils ihres Vordermanns, die Geduld verlor und schrie: „DO BLÖDE TÜNNES, WAT SALL DÄ DRIET!!!“ (Du blöder Idiot, was soll der Scheiß)

Danach war kurz Stille. Sie entschuldigte sich trotz der meiner Meinung nach angemessener Reaktion auf „den blöden Tünnes“ und fügte an: „Ich muss mir das dringend abgewöhnen. Mir sagte mal eine andere Biofrau, dass Frauen nicht schimpfen. Wie siehst du das?“

Natürlich wird man so etwas als weibliches Wesen gerne gefragt. So gab ich als Antwort: „So ne verdeckte Driet hann esch selde jehööt!“ Zu einer Fem gehört ein gewisses Vokabular, so sind mir solche Worte eher fremd, und ich benutze sie selten. Dennoch darf ich auch als Fem, durchaus den Unrat in unserer Gesellschaft beim Namen nennen. Da war er. Es war eben einfach „verdammte Scheiße“ wie ich sie so selten gehört habe, was die sinngemäße Übersetzung meines Heimatdialekts wäre.

Also nochmal: Transfrauen sind häufig im heteronormativen Sinne des Wortes Frau Frauen. Frau meint hier nicht nur die Geschlechtsidentität (weiblich=Frau), sondern auch den Gender-Aspekt des sozialen Verhaltens, wie das Auftreten und häufig auch die Art zu reden und zu gestikulieren, meistens zumindest. Mag letzteres durchaus oft angelernt sein, so kriegen viele doch mit den Jahren eine überzeugende Performanz als Frau hin und zwar selbst dann, wenn das Passing (optisches Durchgehen als ein bestimmtes Geschlecht, ohne dass die Umwelt Notiz nimmt) eher „auffällig“ ist.

Wenn Transfrauen dem heteronormativen Ideal von „Frausein“ ohne kritische Überprüfung des Sinns für sich selbst im Sinne einer Individualität als Frau hinterherrennen, muss folgende Frage gestellt werden:

Geht das also? Lesbisch und Trans?

Die Transbutch ganz am Anfang zeigte mir bereits, dass Trans kein Ausschlusskriterium für das Lesbischsein ist.critic-Transgender-3-sitting

Auf dem DykeMarch Köln 2015 sah ich eine lesbische Transfrau, die im schicken maskulinen Hemd rumlief und die ein Plakat mit der Aufschrift „Transdykes are beautiful“ hoch hielt.

Nun mag Schönheit im Auge des Betrachters liegen, aber diese Frau war eine überzeugende Zurschaustellung lesbischer Identität ohne Widerspruch.

Mochte sie möglicherweise ob ihres Auftretens Passingprobleme haben, so sei daran erinnert, dass auch die ein oder andere Butch bei dem Eintritt in Szenepartys darauf hingewiesen wird, dass diese Party nur für Frauen wäre. Manch eine musste sogar schon einmal ihre Jacke aufknöpfen, um ihren Vorbau zur Schau zu stellen, bevor ihr Einlass gewährt wurde. Das Passingproblem mit diesem Touch von Diskriminierung in der eigenen Szene ist hier also nicht nur auf Transfrauen beschränkt. Sie haben Leidensgenossinnen.

Wie ist es mit lesbischen Transfrauen in der Trans*Szene?

So überrascht es nicht, dass die Trans*Szene vergleichbar mit der Lesbenszene ebenfalls aus einer recht großen Anzahl von Einzelgänger/innen besteht. Hier sei eine sehr junge Transfrau zitiert, die ich außerhalb der Szene schon vor langer Zeit kennenlernte:

„Als ich beim Stammtisch war, da habe ich eine Horde Männer gesehen, die gerne Frauen wären. Sie trugen Faltenröcke und Omakleidung, hatten oft eine Halbglatze und sahen einfach aus wie Witzfiguren. Die werden es niemals schaffen, echte Frauen zu sein!“

Würde ich diesen Satz sagen, dann würde man mir Transphobie unterstellen. Darf man das einer Transfrau eigentlich auch unterstellen? Ich würde sagen: JA!

So traurig es ist: Diesen Typus Frau lernte ich öfter kennen. Die „Transomis“ oder die „Witzfiguren“ sind jedoch in der Unterzahl. Ihre Beschreibung der „Transomis“, die abseits ihres Alters die gleiche altbackene Kleidung bevorzugen, kann ich so unterschreiben. Allerdings lernte ich nur eine einzige „Witzfigur“ kennen, bei der ich mich bis heute frage, ob diese Person nicht eine Karikatur darstellen wollte. Es war auf dem CSD Düsseldorf 2014, an einem Stand der über Transsexualität informieren wollte. Dort war eine Person zu sehen, bekleidet in Minirock & Highheels sowie engem Top, sie hatte lange Haare und eine Halbglatze. Sie saß richtig deutlich breitbeinig auf einem Stuhl und las die Bildzeitung. Daneben das obligatorische Bier.

Meist überwiegt deutlich der „normale“ frauliche Look. Leger mit Jeans und Bluse, mal mehr und mal weniger geschminkt. Seltener im Rock oder Kleid, seltener auf richtig hohen Schuhen. Einfach so wie normale Frauen normal im Alltag aussehen.

Besagte transphobe Transfrau sah damals ebenso recht normal feminin aus. Jugendlich natürlich, denn sie war ja eine Jugendliche: Jeans, dünne taillierte Stoffjacke und eine gelungene Körperbetonung. Für meinen Geschmack ein schlechtes Make-up, aber gewiss nicht auffällig oder unweiblich.

Diese Jugendliche erzählte mir von weiteren Unannehmbarkeiten aus ihrer Perspektive. Sie hatte eine Wut auf Intoleranz innerhalb der Szene („Du brauchst keine OP! Es geht auch Ohne!“). Auch der Zwang, einen gewissen Kleidungsstil folgen zu sollen, womit bei ihr jene Transomis gemeint gewesen sind, verärgerte sie. Letzteres erlebte ich ja auch persönlich, so dass ich dazu tendiere, ihrer Aussage zuzustimmen –  natürlich abseits des Statements „Sie werden es niemals schaffen, Frauen zu sein“. Wobei ich selbst allerdings bei dem von ihr kritisierten Typus Transfrau (den „Omis“ und „Witzfiguren“) deutliche Probleme habe das richtige Personalpronomen zu verwenden. Irgendwie tut es mir Leid und ich versuche es ehrlich, aber es gelingt mir nicht immer.

Die einen haben einfach Glück mit ihren physischen Voraussetzungen, die anderen Pech, wenn sie sich entscheiden zu transitionieren. Die einen haben Geschmack und Stylingtalent, die anderen nicht. Letzten Endes ist es dann noch eine Frage der Sozialisation, ob ein Passing gelingt: Die einen können sich selbst „umsozialisieren“, bzw. ihren Habitus adaptieren, die anderen nicht. Für die einen ist es ein langer und harter Weg, für die anderen ein kurzes Stück. Manche schaffen es, nie dahin zu kommen, wo sie hin wollen. Ich behaupte, dass letztgenannten Frauen in der Minderheit sind. Dennoch haben alle das selbe Problem und jenes muss nun von mir beim Namen genannt werden: Die Heteronormativität!

Der Vollständigkeit halber sei auch eine lesbisch liebende Transfrau von 35 Jahren zitiert (Alexandra, Interview unten), die von ihren „Schwestern“ zu jener oben genannter Lächerlichkeit gezwungen worden ist, um Anschluss zu kriegen:

“Nachdem ich mein erstes Outing vollzogen hatte, war ich zunächst doch ziemlich orientierungslos. Womit Anfangen? Bei wem? Wie findet eine einen Therapeuten? Mir schien da eine Selbsthilfegruppe als guter Ansatzpunkt, und somit habe ich dann auch eine Gruppe aus meiner Nähe angeschrieben.

Der erste Kontakt war nett und sehr offen. Ich fühlte mich gehört und verstanden, und mir wurde vorgeschlagen, doch mal zu einem Treffen zu kommen, welches in einer Gaststätte in der Gelsenkirchner Fußgängerzone abgehalten würde. Ich erwiderte, dass ich aber in Männerkleidern kommen müsste, da ich keinerlei weibliche Garderobe hätte, keine Ahnung vom Schminken und mich meines Äußeren, vor allem meines extremen Bartschattens schämen würde. Der Gedanke, wie eine hässliche Drag Queen durch die Fußgängerzone laufen zu müssen, erschien mir unerträglich. Immerhin war mein Wunsch das Frausein und Akzeptanz, und nicht wie eine Witzfigur und offensichtlicher Kerl und Frauenklamotten rüberzukommen.

Die Antwort hat mich in meinen Grundfesten erschüttert. Wenn ich nicht als „Frau“ käme, würde man mich halt als Mann behandeln. Meine Sorge und mein Schamgefühl wurden weggewischt, wenn ich nicht bereit wäre, das zu machen. Mit anderen Worten, mir diese Blöße in aller Öffentlichkeit zu geben, dann wäre ich wohl nicht so weit.
Damit endete der Email-Kontakt mit dieser „Hilfegruppe“. Da ist genau die Art von „Hilfe“, die wir am wenigsten brauchen. Am wenigsten noch von anderen Betroffenen selbst. Eingeschüchtert und noch immer hilflos saß ich da, und plötzlich gewann der Suizidgedanke wieder an Attraktivität. Wäre ich labiler gewesen, wäre es vermutlich böse ausgegangen, dankenswerterweise hat mir meine Frau den Rücken gestärkt. Bis zur HRT habe ich mich also allein durchgeschlagen, aber dennoch sollte man Kontakt und Tipps von anderen suchen. Von welchen, die auch wirklich helfen wollen.”

Trans & Transphob? Ist wohl Alltag! Da überraschen bei labilieren Menschen Identitätsfindungsprobleme nicht wirklich und eine Orientierung an Heteronormativitäten erscheint als Anker für die Psyche. Ein Dilemma ist es dennoch.

Das heteronormative Dilemma

Viele Transmenschen suchen ihre Identität in der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft, die sie selbst durch Überkompensation in extremer Weise lebten und nun umgekehren. Sie suchen ihre Weiblichkeit oder Männlichkeit am Ideal der Heteronormativität. Damit gleichen sie natürlich oberflächlich den Nichttransmenschen, sind meiner Erfahrung nach aber oft heteronormativer als diese es selbst sind.

Dies mag der Grund sein, warum es gefühlt eher wenige lesbische Transfrauen gibt. Oder drücken wir es vielleicht anders aus, da ich diesen Frauen ihre Sexualität nicht absprechen möchte. Es gibt wenige lesbisch erscheinende Transfrauen, die fernab ihres Begehrens lesbisch sind, also noch immer deutlich auf der heteronormativen Seite der Weiblichkeit stehen.

Ein wesentlicher Faktor der Schwierigkeiten beim Passing rühren natürlich von der heteronormativen Sozialisation. Transfrauen wird von Geburt an eingetrichtert, dass sie sich wie Männer zu verhalten haben (umgekehrt ist das bei den Transmännern auch der Fall). Selbst wenn eine Transfrau erkennt, dass sie in Wahrheit eine Frau ist, bedeutet das noch lange nicht, dass sie ihre Sozialisation hinterfragt und vor der Transition schon ablegt. Im Gegenteil: Um zu überspielen, dass sie transsexuell sind, versuchen viele sich extrem männlich zu geben. Nach der Transition und während, versuchen sie dann, ins Gegenteil verfallend, sich betont weiblich zu geben. Dieses Phänomen nennt man Überkompensation.

In Gutachtergesprächen, die jede Transperson über sich ergehen lassen muss, zählt oft das Alter einer Person (gerade bei Transfrauen) als „kritischer Punkt“. Ist das Alter hoch, ist die Gefahr, dass die Transition scheitert erheblich höher. Hier würden wir dann eine doppelte Überkompensation erleben.

Demnach würde eine hoffnungslos männlich wirkende Transfrau, die zunächst hyperweiblich würde, daran aber dann aufgrund des fehlenden Passings (sowie der Heteronormativität und Geschlechterdichotomie unserer Gesellschaft) scheiterte und dann wieder zurück in die männliche Rolle wollte, somit also ihre Transsexualität wieder überspielte, doppelte Überkompensation betreiben. Dies ist laut einem Gutachter, den ich kurz persönlich dazu befragen durfte, durchaus gelegentlich der Fall. Diese Frauen brechen dann ihre Transition ab und betreiben damit eine Form der doppelten Überkompensation.

Wer findet, das dies nun kompliziert klingt, dem sei versichert: Es ist absolut kompliziert! Aber es geht schlimmer, denn es gibt noch eine andere Form der doppelten Überkompensation.

Man stelle sich eine besonders archetypische Form des gereiften älteren Mannes um die 50 vor:

Er könnte z.B. eine führende Position in einer Firma bekleiden, Abteilungsleiter sein und ein überdurchschnittliches Gehalt nach Hause bringen. Er hat Familie mit Kindern, seine Frau bleibt Zuhause, verdient evtl. als Putzfrau/Aushilfe etwas dazu und ergibt sich in ein abhängiges Verhältnis, was von beiden so gewünscht ist. Die Person strotzt nur so vor (gespieltem) Selbstbewusstsein, weist eine stark ausgeprägte Form habitueller Maskulinität auf, welche geprägt ist von überlegenem Humor, z.B. jener Art derben Humors, der andere Menschen auf zynische Art in die untergeordnete Position drückt. Dieser Typus Mann ist kaum belehrbar, gibt keine Fehler zu, zeigt anderen aber gerne ihre Fehler auf, der klassische Rechthaber.

Seine „klassische Ehefrau“ hingegen ist passender Weise eher devot und wenig selbstständig, weil es ihr durch fortgeschrittenes Alter bedingt, weder durch Bildungsgrad noch durch mehrfache Mutterschaft möglich ist, dieser gelebten Unterordnung unter das Patriarchat zu entkommen.

Nun bricht das Kartenhaus der Transsexuellen zusammen, als der Druck so stark wird, dass der Kochtopf explodiert. Die Transsexualität bricht sich spät im Leben und radikal seine Bahn, weil Versuche, das Frausein als Teilzeittransvestit zu leben gescheitert sind und es der Gattin als „harmloses Symptom“ nicht mehr länger zu verkaufen ist.

In der Folge zieht sie die Transition managermäßig durch, schnell, effektiv und mit allen Konsequenzen. Hierbei ist sie bemüht, ihr „männliches Dominanzgebaren“ abzulegen und es durch jene Devotion zu ersetzen, die sie bis dato als feminin interpretiert hat. Die weibischen Allüren der Betroffenen entwickeln sich jedoch so grotesk und übertrieben, dass sich Freunde zum großen Teil abwenden, sie nicht mehr eingeladen wird, weil dieses „Theater“ dem Restfreundeskreis zu peinlich ist.

Ihre Neigung zur Überkompensation sorgt dafür, dass sie sich z.B. auf Krankenkassenkosten einen Riesenbusen operieren lässt um ihre Feminität zu unterstreichen. Trotzdem versteckt diese Art der „Beweisführung“ nicht, dass sie verhaltensmäßig eher wie eine Karikatur einer Frau erscheint, also eher wie eine Form des Transvestitismuses. Ob dem Phänotyp oder dem Verhalten nach, dieser Personentyp fällt definitiv auf, meistens eben doch als verunglückter „Mann“.

An diesem Punkt macht unser Beispiel dann eine Kehrtwende. Es wird aus der Not eine Tugend gemacht, wohl auch aus der Angst heraus, die eigenen Privilegien zu verlieren. Hatte sie vorher noch versucht, ihr männliches Dominanzgebaren abzulegen und ihren derbmännlichen Humor zu unterdrücken, so kehrt sie dies nun erst recht trotzig heraus. 

Sie bemüht sich gar nicht mehr um Umsozialisation und verkauft ihre Verhaltensweisen als Emanzipation und weibliche Stärke. Ob auch nur eine einzige Cisfrau diese Art von Verhalten an den Tag legen würde ist fraglich.

Die doppelte Überkompensation ist also hier, dass beim zweiten Mal, wegen der Unfähigkeit, sein Verhalten anzupassen, aus der Not eine Tugend gemacht wird und eine Rechtfertigung des Verhaltens als „Hardcore Emanzentum“ stattfindet, damit keine Umsozialisierung stattfinden muss. Von der Umwelt wird hierfür Akzeptanz und polical correctness eingefordert, was aber nicht funktioniert.

Es hat öfter berufliche Folgen, nicht nur dass solche Frauen ihren Job und ihre Familien verlieren, sondern auch das Abrutschen auf ALG2 ist vorprogrammiert. Alternativ, wenn sie unkündbar sind, ist eine Isolation am Arbeitsplatz die Folge.

Öfter hat dieser Typus, wie im Übrigen manche Transsexuellen die pre-HRT sind, ebenso ein Alkohol- oder Drogenproblem, ein erneuter Kompensationsversuch. Für Drogen wäre hier „multipler Substanzgebrauch“ zu nennen. Drogen und Alkohol werden genommen, um der leidvollen Realität zu entfliehen.

[Der obige Text ist meine Zusammenfassung relativ langer, persönlicher Beobachtungen einer transfrauenliebenden Person, der bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen worden ist, und die fortwährend diesen Geschlechtseintrag im Ausweis stehen hat, aber dem Q (Questioning) der LGBTIQ-Community zugerechnet werden kann.]

Transfrauen machen ähnliche Entwicklungen durch wie Cisfrauen, quasi im Zeitraffer.

Frauen, die sich schon vor der Transition eher effeminiert dargestellt haben, sind seltener, weil sie zumeist als schwul galten. Sie mussten oft Häme dafür in Kauf nehmen, hatten aber durch den „Kompromiss“ zwei Vorteile. Erstens konnten sie weibliche Verhaltensformen und Kleidungstile erproben und zweitens konnten sie ihre mögliche Liebe zu Männern ausleben, oder wurden von Frauen manches mal einfach als „Freundin“ betrachtet.

Bei Transmännern ist dies übrigens oft anders: Da das Spektrum dessen was als weiblich gilt oder gelten kann, seit der ersten Frauenbewegung kontinuierlich erweitert worden ist, kann ein Transmann seine Maskulinität oft auch schon vor der Transition ausleben ohne groß negativ aufzufallen. Es ist also kein Zufall, dass Transmänner, die auf Frauen stehen, manchmal auch versuchen ihre Maskulinität als Butchigkeit auszuleben. Transitioniert so eine Person dann doch, dann verlieren manche ihre Butchigkeit, manche aber auch nicht. Somit ist die komplette Aussage in „der Trend zu Trans“ also aufgrund reiner Unwissenheit oder eines Unverständnisses gegenüber des Problems getroffen.

Im Film „The Danish Girl“, der eigentlich eine Intersexulle thematisierte und keine Transsexuellewar im Abspann zu sehen, dass die reale „Lili Elbe“ eine wegweisende Figur für die „Transgender-Bewegung“ gewesen sei. Das ist natürlich kompletter Humbug, denn „Transgender“ ist keine Bewegung, Transsexuelle sind kein „Trend“ und ihre Transitionen kein politisches Statement. Doch genau so mag es einer heteronormativen Person wohl vorkommen, wenn sie nur Schwarz oder Weiß kennt und glaubt, dies wäre unveränderlich.

Traurig ist überdies, dass viele Transsexuelle es wohl ähnlich sehen werden. Wie erwähnt, fügen sich viele Transfrauen vor der Transition durch Überkompensation in eine extrem maskuline Rolle ein, bis ihr „Fake-Kartenhaus“, eine männliche Rolle performen zu müssen oder zu wollen, schließlich zusammenbricht. Wer glaubt, dass dieses Spiel nun zu Ende sei, der irrt, denn oft scheint es mir, dass es dann, wie schon beschrieben, in die andere Richtung ausschlägt. Aus dem Macho-Chauvi-Typen wird plötzlich das Hetenweibchen.

Hier seien kurze Zitate von Transfrauen eingefügt:

„Ziel ist es, unter dem Radar zu bleiben.“

„Eine Frau weicht eben Männern auf der Straße aus. Das ist so. Ich mache das gerne!“

„Trag mal was Buntes! Frauen tragen nicht nur schwarz.“

„Schmink´ dich mal. Auch eine Hardcore Butch kann sich schminken!“

„Frauen schimpfen nicht“

Erstaunlicher Weise erfreuen sich einige Transfrauen sogar am Sexismus der Männer, bestätigt es sie doch darin, als „vollwertige“ Frauen wahrgenommen zu werden. Etwas in dieser Form erlebte ich eines Tages nachts um 2 Uhr auf der Straße, als eine Gruppe von Transfrauen, mit denen ich unterwegs war, von irgendwelchen Typen im Auto angehupt wurde. Natürlich freuten sie sich über diese Form der Aufmerksamkeit. Man sollte es wohl aber nicht überbewerten, denn Angehuptwerden ist noch lange keine face-to-face Anmache. Außerdem würde ich nachts um 2 Uhr doch erwarten, dass man andere Menschen schlafen lässt. Über schnödes Hupen habe ich mich noch nie gefreut, denn es gilt mir ja nicht als individueller Frau, sondern dem „Freiwild Frau“.

Ebenso waren es auch blöde Sprüche wie „ihr Frauen haltet eh alle zusammen“, was die Meinungsbekundung jener Frau neben mir einst ad absurdum führte, schien es meine Gesprächspartnerin doch gefreut zu haben. Immerhin wurde sie richtig gegendert. Was will man von Männern groß erwarten, die nicht fähig sind, die Meinung einer Frau zu akzeptieren als einen flapsigen Standardspruch? Genau so ein Fall war das nämlich. Für mich eher eine Nerverei, für eine Transfrau hingegen, Freude darüber, richtig gegendert zu werden.

Als die Beziehung zu meinem Freund endete, der noch immer keine Hormone nahm, heulte ich mich unter den Frauen ein wenig aus. Defakto erlebte ich in der Beziehung zu ihm eine sich maskulin verhaltende Person, die mich stark in eine bestimmte weibliche Rolle drückte. Ich musste die Beine immer übereinander schlagen. Ich musste mich ständig an ihn ankuscheln. Nie durfte ich ihn in den Arm nehmen, nie legte er sich in meinen. Beim Sex wollte er grundsätzlich die aktive Rolle einnehmen, ich sollte in die rezeptive Rolle schlüpfen. Zu einem gewissen Grad ist mir das alles als Fem wirklich nicht fremd, aber ich fühlte mich allzusehr, ja, einseitig in eine Hetenweibchenrolle gepresst, in die ich nie gehören wollte und in die ich mich nie einfügte. Nun war ich paradoxer Weise mehr denn je in meinem ganzen Leben darin verfangen. Es fielen sogar Sätze wie: „Du liegst mit dem, was du sagst, falsch, du musst dich ändern! Der Fehler liegt bei dir.“

Nicht, dass ich keine Fehler hätte, aber eine Frau hat noch nie so mit mir geredet, sich mir gegenüber nie als perfekt hingestellt. Nie hat sich Eine als Norm ihres Geschlechts oder Wegweisend für die Beziehung stilisiert. Dieser Typ lehnte mich als individuelle Frau ab, zwang mich ein Stück weit mich unterzuordnen, und darüber heulte ich mich aus. Das Ergebnis war Unverständnis. Ich hörte sogar, ich solle doch froh darüber sein, „so richtig“ als Frau behandelt zu werden und darüber eher glücklich sein.

Besonders deutlich war dabei jener seiner Sätze, der meine Gefühle damals gen Gefrierpunkt schnellen ließen. Ich bin leidenschaftliche Kampfsportlerin. Sein Satz: „Du musst doch keinen Kampfsport machen, du bist doch eine Frau!“

Innerhalb der Trans*Community wurde dies meistens bejaht, vor allem aber mein begleitendes Hanteltraining mit Unverständnis aufgenommen. Hier hörte ich: „Eine Frau sollte keine Muskeln haben.“

Aber zurück zu der „Behandlung als weibliche Person“, dem Beineübereinanderschlagen, der größtenteils eingeforderten Rezeptivität. Die Aussagen mancher Transmenschen ließen sich wie folgt zusammenfassen: „Nur ein Mann kann eine Frau als Frau behandeln. Eine Frau hat im heteronormativen Sinne voll und ganz Frau zu sein, ein Mann ein richtiger Mann.“ Da haben wir also wieder das heteronormative Dilemma, die Rollenverteilung, all jenes, was man auch uns Butches und Fems so manches Mal vorwerfen will und woran man gerade hier deutlich sieht, wie anders wir in Wahrheit doch sind. Dies ist der Unterschied zwischen pseudo-Heterokonformität und Heteronormativität. Ich fühlte mich nicht mehr wohl in den „Szene“-Gruppen.

Mein letztes Erlebnis in einer Transgruppe endete dann, als Sex mit Männern zur Norm erkoren wurde:

„Also Anfangs sind alle Transfrauen lesbisch. Aber die Bianka da, die hat auch ewig gesagt, dass sie sich nichts mit ‘nem Kerl vorstellen könne. Und nun? Nun ist sie mit einem zusammen, und es fühlt sich für sie toll an!“

Die Person führte ihre These weiter aus und erinnerte mich schlussendlich an jene Lesben, die Transfrauen ihre Sexualität abzusprechen versuchen. Ist hier uns Lesben das Argument „Du bist ein Mann“ gedanklich manchmal mit dabei, was natürlich falsch ist, ist es wohl anders, wenn eine Transfrau anderen Transfrauen ihre Sexualität abspricht. Hier heißt es: „Du bist eine Frau.“ Eine Frau hingegen sollte also Männer lieben.

Auch wenn mich der Bezug zu manchen Lesben doch zum Schmunzeln brachte, weil ich es von außen betrachten konnte, so beleidigt es natürlich viele Transfrauen und veräußert sie. Überdies ist es völlig falsch, dass alle Transfrauen anfangs auf Frauen stehen. Ich habe eine große Anzahl kennengelernt, die von Anfang an auf Männer standen, auch vor ihrer Transition (wie oben bereits erwähnt). Die erste fehlerhafte Grundannahme über Frauen nach der Transition klang ja noch moderat im Vergleich zu dem, was später kam.

Die folgende Aussage legte dann eine schon fast „hörige“ heteronormative Transfrau nach:

„Also mein Gutachter hat damals gesagt, dass ich mich nur als Frau fühlen könne, wenn ich von einem Mann als Frau behandelt werde – und zwar auch im Bett. Anfangs habe ich mich darüber aufgeregt, aber mittlerweile denke ich, dass er Recht hat! Genau so ist es!“

Oh ja. Wenn ich mir mal erlaube, dass auf mich zu übertragen, hieße das nach dem Lehrsatz des Gutachters: Ich fühle mich also nicht als Frau, weil ich eine Frau bin, die auf Frauen steht. Bitte was!? Sehr interessant. Das erinnert mich an die „weibliche Pseudohomosexualität“, jene „ärztliche Diagnose“ die u.a. in den 20ern und weit später die weibliche Homosexualität nicht ernst nahm, uns im Gegensatz zu homosexuellen Männern eine Heterosexualität unterstellte und uns damit vor der Verfolgung schützte. Ich dachte eigentlich, diese Zeiten hätten wir längst hinter uns gelassen, aber der zitierte Gutachter, wer immer es auch war, und diese Transfrau nahm jene völlig überholte und falsche Position ein.

Dieses letzte haarsträubende Statement war dann für mich der Grund, mich aus der Szene komplett zu entfernen. In diesem speziellen Fall verließ ich das Wohnzimmer dieser Frau und redete nicht mehr mit ihr. Die Szenestammtische besuchte ich nie wieder. Das war genug für mich.

Die Gründe für das heteronormative Dilemma aus meiner Sicht

Es gibt vor allem 2 Hauptgründe für dieses Verhalten:

  1. Das Ziel vieler Transfrauen ist ob ihres schlechten Passings, eine sehr heterokonforme oder heteronormative Form der Weiblichkeit, die es ihnen erlaubt, „unter dem Radar“ der Leute zu bleiben, also einfach „nicht aufzufallen“ wie es Lieschen Müller formulieren würde.
  2. Mein Resümee ist, dass viele Transfrauen ihrem Ideal von Weiblichkeit unreflektiert nachlaufen. Egal – ob sie schon als Frau leben, egal – ob sie von allen als Frauen gelesen werden. Sie hören trauriger Weise nie auf, ihre eigene Weiblichkeit zu suchen und bleiben unsicher. Dabei umarmen sie jede Form von gesellschaftlichen Problematiken wie z.B. den Alltagssexismus, der sie in eine pseudoweibliche Position bringt.

Ich möchte gleich nochmal darauf hinweisen, dass eine andere Gruppe von Transmenschen Stammtische, Selbsthilfegruppen und Ähnliches komplett ablehnt, weil ihnen die Attitüde der Leute nicht schmeckt. Das hörte ich mal, einmal auch verbunden mit transphoben Äußerungen einer Transfrau. Auch kann ein Stealthdasein der Grund dafür sein. (Stealth = „erfolgreich“ als Frau oder Mann lebend, ohne sich jemals zu seiner Vergangenheit zu bekennen oder sie als ehemals konträr zu dem jeweiligen sozialen Geschlecht heute zu outen und dies auch ohne wenn und aber von der Außenwelt gespiegelt zu bekommen)

Es ist also davon auszugehen, dass das Gros der Transmenschen, vornehmlich ihre weiblichen Vertreter, vor allem aus Gründen des Schreckens der falschen Sozialisation in der Kindheit, des falschen Gendertwerdens und wegen der Überkompensation bei Erkennen der eigenen Transsexualität, den starken Drang entwickeln, einem gewissen Weiblichkeitsideal zu entsprechen.

Fehlendes Passing (oder vermeintlich fehlendes Passing, habe ich doch auch wunderbar schöne Transfrauen kennen gelernt, die sich nicht so sahen!) führt dabei zur „Über“-Identifikation mit dem heteronormativen Weiblichkeitsbild, welches verinnerlicht wird und unbedingt wiedergegeben werden muss.

So ist es dann das heteronormative Dilemma, was Transfrauen angreift, was sie in den Selbstmord treibt, sie fertig macht und bei erfolgreicher Transition vereinnahmt, bis sie ein Teil des heteronormativen Dilemmas werden, weil sie an einem Ideal scheitern, dem sie niemals genügen können.

Mein Fazit

Ob Hetero, Homo, Bi, Pan, oder was auch immer, es scheint Transmenschen zu geben, die ihr Ding generell einfach durchziehen und ihr Leben leben und lieben. Genau so scheint es jene zu geben, die aus ihrer Transition niemals heraus kommen, bei denen es eine Art Sucht wird. Für viele scheint das Ablegen von Heteronormativitäten unmöglich, weil sie die Heteronormativität in ihre eigene Weiblichkeit/Männlichkeit integrieren und die binären Geschlechternormen als essentiell betrachten, sich also am „Vorbild“ der Mehrheitsgesellschaft orientieren. Das härteste Beispiel dafür war jene Frau, die mir mitteilte, dass sie sich erst als Frau fühlt, seit sie von einem Mann im Bett beglückt wird. Da stellt sich mir doch die Frage, warum man die eigene Identität an anderen festmacht, und sich selbst unter diese Form von Zwang stellt. Aber das ist ein Problem, was nicht nur Transmenschen umfasst, sondern ebenso ein Problem mit einer immer mehr Konformität verlangenden Gesellschaft ist, die ergo vieles angreift, was anders ist oder anders scheint. Wahres, authentisches Selbstbewusstsein kann man so sicher nicht entwickeln.

Auf der anderen Seite lernte ich in völlig anderen Kontexten schon die ein oder andere Transfrau kennen, die kein Stück heteronormativ wirkte. Es gab queertheoretische oder feministische Diskussionen mit Transfrauen in Foren, auf Facebook oder Begegnungen, die ich real in Cafés, (lesbischen) Szenebars etc. hatte. Frauen mit queeren Gendern wie Butch, Femme, Boi, oder eine die nicht nur eine Lesbe sondern auch ein Drag King ist, durfte ich kennen lernen! Diese Frauen machen die Welt ein Stückchen bunter. Sie sind in der sonst so heteronormativen Welt der Trans*Szene seltene Geschenke, jedoch lernt man sie dort nicht kennen, was wohl seine Gründe hat.

Ansonsten gilt: Man muss als Lesbe nicht auf jede Frau stehen, aber man sollte jede Mitlesbe akzeptieren. Lesbischsein und Transsein, das geht hier in Deutschland auf alle Fälle, auch wenn die Mehrheit der Menschen anders tickt. Etwas gilt wohl für alle reflektierenden Frauen, die Diversität und Vielfalt des Weiblichen anstreben: Das gemeinsame Ziel ist nämlich u.a. die Bekämpfung der Heteronormativität.

Weiterführende Links und andere Sichtweisen:

Besonders im Hinblick auf erzwungene Heteronormativität sind hier einige Aussagen hervorzuheben: http://www.sueddeutsche.de/leben/interview-kim-schicklang-das-gehirn-ist-ein-geschlechtsorgan-1.1062039

Ein Beispiel:

Schicklang: Eben. Das betrifft mein Recht auf freie Lebensgestaltung. Wenn man aber Pech hat und diesen Stereotypen nicht entspricht oder nicht entsprechen will, wird man nicht anerkannt. Und man darf nicht vergessen: Diese Gutachten kosten Geld – für diese ganze personenstandsrechtliche Anerkennung legt man mehrere tausend Euro hin. Und am Ende wird die Änderung unter Umständen trotzdem abgelehnt und man läuft mit falschen Papieren rum.“

Allerdings ist ihre Aussage im Bezug auf ihr Gehirn falsch. Richtig wäre: Transsexualität ist eine Intersexualität bezogen auf das Gehirn. Also von einem „rein weiblichen Gehirn“ kann hier reine Rede sein. Die Dissertation von Eva Krause geht z.B. auf diesen Punkt gut ein: https://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-18593/Dissertation_EvaKrause.pdf

Dieser Artikel (http://www.fluter.de/de/114/thema/10766) zeigt gut und knapp die Emotionalität auf, die zu dem heteronormativen Verhalten führen können: Druck von Außen wird Druck nach Innen. Verbote und Geschlechterdichotomie führen zu Komplexen und können zum Selbstmord führen. Der hier beschriebene Weg scheint aber geglückt zu sein. Eine glückliche Frau.

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Christine Ullmann
Ich denke, also bin ich. Ich lese, also schreibe ich. 2 Dinge die ich mag und die miteinander verbunden sind. Dabei bin ich mir nicht zu schade Ergüsse einiger Queertheoretiker/innen kritisch zu verfolgen sowie gute Dinge zu rezensieren. Als Vollblutmetalerin mag ich bunt gar nicht, aber schreibe doch über vieles unter dem Regenbogen.

13 KOMMENTARE

  1. Das dürfte so ziemlich das lächerlichste sein, was ich jemals gelesen habe. Wenn man keine Probleme hat, macht man sich welche, oder wie war das?

    • Was ist daran lächerlich? Ich finde mich selbst und vieles aus der Szene im Artikel wieder. Richtig, es geht um Probleme, die von Menschen gemacht sind. Genau das wird ja auch kritisiert.

  2. Ich finde es gut, eine solche cisweibliche Sichtweise auf die Thematik “lesbische Transfrauen” (vor allem) zu haben. Was m.E. vermieden werden sollte, ist Transfrauen für ihre Heteronormativität anzugreifen. Warum diese oft sehr stark ist, wurde im Artikel ja schon beschrieben:

    – Misgendering erzeugt einen hohen Leidensdruck. Heteronormatives Verhalten verbessert die gesellschaftliche Anerkennung des eigenen Geschlechts (und wird von Gutachter_innen etc. oft gefordert) und vermindert damit den Leidensdruck. Dazu kommt: Internalisierung vermindert kognitive Dissonanz, d.h. wenn ich selber daran glaube, dass “eine Frau sich eben so verhält”, dann muss ich nicht mit dem Konflikt zurechtkommen, dass ich mich anders verhalte, als ich eigentlich will, nur um keinen gesellschaftlichen Stress zu haben.

    – Transmenschen sind nicht automatisch queer nur weil sie trans sind, d.h. sie hinterfragen Geschlechterrollen erst einmal nicht mehr als die Gesamtgesellschaft, aus oben genannten Grund eher noch weniger. Es sollte aber auf jeden Fall kein strengerer Maßstab angelegt werden als bei Cismenschen.

    Und ja, das Dilemma, sich über Sexismus zu ärgern und sich gleichzeitig über das richtige Gendern zu freuen, kenne ich auch. “Juhu, der Kellner im Café hat mich richtig von oben herab behandelt, er hat mich wohl als Frau gesehen!”. Wenn es dann häufiger passiert, wird es alt und der Frust über den Sexismus gerät in den Vordergrund bzw. die Gewöhnung und Anpassung daran passiert ähnlich wie bei Cisfrauen, aber erst einmal ist es ein tolles Erlebnis, eine hat es auf die andere Seite geschafft…

    Ich habe selber schon Workshops gehalten, wo ich das Konzept von Passing hinterfragen wollte und die Frage stellen wollte, wie weit wir unseren Persönlichkeitsausdruck einschränken wollen um in unserem Geschlecht anerkannt zu werden. Das ist sehr zäh. Einmal habe ich ihn mit einer Gruppe von fast nur solchen “Trans-Omis” gemacht, es war ein Spießrutenlaufen. Irgendwann habe ich aber meinen Frieden damit gefunden. Der gesellschaftliche Druck ist eben oft so hoch, dass ein anderes Leben und eine andere Präsentation als so praktisch nicht lebbar ist.

    Und ja, die Geschichte mit den (ehemals) erfolgreichen “Männern”, die dann eine Transition durchziehen, aber irgendwie das Ganze doch nicht so klappt wie erhofft (oft aber auch schon, vor allem wenn sie sich FFS leisten können), kenne ich auch. Hier muss auch wirklich gesagt werden, dass der geschlechtliche Rollenwechsel eine echte Integrationsleistung verlangt, inklusive dem üblichen “Klappe halten und zuhören”. Das wird von Queer-Feminist_innen oft nicht richtig verstanden (weil sie nicht an eine so unterschiedliche Sozialisation glauben) und von den Transitionierenden auch nicht (weil sie ja glauben, dass sie immer schon Frauen waren und es nur noch zum Vorschein kommen muss).

    Ach ja, und mit Passing-Trainings mit dem “richtigen Gang” und der “richtigen Gestik und Mimik” fange ich gar nicht erst an :-).

  3. Interessanter Artikel mit sehr vielfältigen Sichtweisen. Eine ausschließlich cisweibliche Sichtweise konnte ich nicht ausmachen und frage mich bei Kommentatorin “Tina”, wie ihr Resümee zustande kommt.

  4. @Marilette: ich finde der Artikel beschreibt sehr schön, wie eine Person, die keine eigene Transerfahrung hat, die Trans-Szene kennenlernt und sehr überrascht darüber ist, wie dort gedacht wird. Das finde ich eine wichtige Perspektive, z.B. gerade für Transfrauen, die in der Lesbenszene “ankommen” wollen und dann aber oft auch erleben, dass sie dort als Fremdkörper wahrgenommen werden. Dieser Artikel kann gut dabei helfen, das zu verstehen, und vielleicht zu schauen wie das vermieden werden kann.

    Das meinte ich mit cisweiblicher Sichtweise. Es ist richtig, dass auch andere Sichtweisen, insbesondere als Zitate, zu Wort kommen, ich hatte aber auch nicht von einer ausschließlich cisweiblichen Sichtweise geschrieben. Aber eben gerade diese cisweibliche Sichtweise ist hilfreich, weil so die immer wieder passierenden “Culture-Clashes” zwischen Trans- und Lebenszene verständlicher werden.

  5. Hallo Dunkelelfe.
    Wow, was für ein umfassender und komplexer Beitrag. Toll !
    Aber es zeigt auch wie komplex das Ganze ist. “Das Ganze” meint natürlich wenn wir uns mal von der als “normal” geltenden Vorstellung einer binären Heterosexualität entfernen. Und es ist beileibe nicht nur für die “normal” lebenden Menschen in unserer Gesellschaft schwer die Vielfalt zu verstehen, die sich hinter dem Normvorhang öffnet, sondern es ist es auch für uns, die sich alle dort befinden.
    Ich bin eine lesbische Transfrau. Und ich frage mich fast täglich ob ich mit meiner Transsexualität nicht gerade den heteronormativen Vorstellungen unserer Gesellschaft selbst unterliege. Was ist weiblich, was ist männlich ? Vor allem abseits der biologisch eindeutigen Vorlage ? Ich habe das meine Psychologin x-mal gefragt: erliege ich als biologischer Mann nicht gerade den Vorstellungen der binären Norm, wenn ich glaube eine Frau zu sein, nur weil ich zurück gespiegelt bekomme ich denke wie eine Frau, mich verhalte wie eine Frau und aufgrund meiner Sozialisation eher stereotyp weiblichen Mustern entspreche. Warum kämpfe ich für mein Frau-sein, woran mache ich dieses Gefühl fest. Ist es eine Schimäre oder ist es Wirklich ? Denn biologisch ist die Vorlage eindeutig. Also muss es eine Quelle sein, die in mir immer wieder eine Vorstellung meiner eigenen Weiblichkeit produziert. Oder ist es doch eher die Verarbeitung der Welt in meinem Kopf, eine Idealisierung der stereotypen Muster ?
    Oder ist es ein Zusammenspiel beider Seiten. Ganz im Kant´schen Sinne ein Zusammenspiel aus den Sinneseindrücken von außen mit den inneren Vorstellungen des Gehirns. Dann ist weiblich und männlich eben doch eine Mischung aus Biologie und Gehirn. Wobei das Gehirn in meiner Wahrnehmung am Ende die Oberhand behält.
    Und wie dann die Menschen in unserer nicht-normativen Welt mit den zahllosen Schattierungen umgehen hat dann auch wieder viel mit Toleranz gegenüber dem Anderssein zu tun. Auch ich gebe zu dass ich anfangs irritiert war, wenn andere Transfrauen sich mit vielen stereotyp männlichen Verhaltensweisen gezeigt haben. Da hat mir erst die Zugehörigkeit zu einer lesbischen Gruppe geholfen die gesamte weibliche Ausdruckswelt zu sehen. Und ich gehöre nicht gerade zu den Barbie-Transfrauen.
    Viele Grüße
    Katrin

  6. Was für eine ausführlicher Erfahrungsbericht!

    Die meisten Situationen aus dem Text habe ich auch so oder so ähnlich mal erlebt. Die ablehnende Haltung und Abwertung der jungen trans* Frau gegenüber Frauen, die erst im fortgeschritten Alter ihr Coming Out hatten, so dachte ich früher auch, als ich mich gerade geoutet hatte. Die Frauen in der lokalen Selbsthilfegruppe kamen mir damals so beängstigend vor und ich fühlte mich unter ihnen überhaupt nicht wohl. Zum Glück gab es auch eine Freizeitgruppe für junge trans* Personen, die ich regelmäßig besuchte. Erst später, als ich mehr Selbstbewusstsein entwickelt hatte und mehr von der queeren Philosophie verinnerlicht hatte, konnte ich diese Vorurteile ablegen. Wenn ich heute solchen Abgrenzungen untereinander begegne, denke ich mir, dass die Menschen, die so reden, einfach noch mit ihrer eigenen Unsicherheit kämpfen.

    Einem zentralen Punkt des Artikels will ich aber widersprechen:

    Es gibt keine “Trans*-Szene”!

    Was hier beschrieben wurde, würde ich als die “Selbsthilfegruppen-Szene” bezeichnen. Sie besteht hauptsächlich aus Menschen, die gerade ihr Coming Out hatten oder in der Transition stecken. Dementsprechend finde ich all diese Anekdoten nicht representativ für trans* Personen oder Frauen im besonderen. Sie spiegeln einfach die verschiedenen Reaktionen von Menschen wieder, die gerade an einem verletzlichen Punkt in ihrer Biografie sind, an dem sie viele Privilegien verloren haben und noch kaum Erfahrungen und Orientierung haben. Es ist so, als ob du dich mit 12-jährigen Mädchen darüber unterhältst, was es bedeutet eine Frau zu sein. Da stößt du einfach auch auf vielen pubertären Blödsinn. Denn nichts anderes sind die Menschen in diesen Selbsthilfe-Gruppen: Menschen in ihrer (zweiten) Pubertät.
    Eine Trans*Szene an sich, so wie wir z.B. die lesbische oder feministische Szene haben, gibt es eigentlich nicht. Es gibt keine Szene-Parties, keine Szene-Magazine, Vereine oder politischen Gruppen (sowas wird immer mal wieder gegründet und geht dann schnell wieder ein). Es gibt keine Szene, wo transgeschlechtlche Menschen über das Coming-Out hinaus zusammen kommen. Sie verschwinden irgendwann einfach wieder in der Hetero/Homo-Normativität.

    • Es ist zwar wahr das die meisten niedergeschriebenen persönlichen Erfahrungen aus Selbsthilfegruppen stammen, aber es gab auch vieles Anderes. Sehr deutlich fiel mir das im linksautonomen genderkritischen Umfeld auf, wo Transfrauen ebenso die beschriebenen Verhaltensweisen an den Tag legten. Allgemein habe ich den Eindruck das sehr viele Transpersonen, auch wenn sie ihre Transition schon Jahre hinter sich haben, nach wie vor aus dieser Denke nicht raus kommen.
      Geschrieben habe ich den Artikel hingegen ebenso für diejenigen, die von Anfang an wissen was sie wollen und in solchen SHGen lernen, was sie nicht nicht wollen. 😉 Das diese Transpersonen sich dann keinesfalls mit der Szene identifizieren wollen, finde ich sehr verständlich. Die Definition des Duden ist aber eindeutig, auch wenn sich nicht jede Person mit Transitionshintergrund der Trans*Szene zugehörig fühlen muss, was ja auch für jede -szene gilt.

  7. 1. Leider begegne ich Heteronormativität in so vielen (allen -?) Bereichen von LBGTIQ Szenen immer wieder. Und auch die Gründe (nämlich Internalisierungen) dafür sind wohl immer wieder dieselben.

    2. Warum stellen manche alles so in Abrede? Und es gäbe keine trans* Szene? Und wenn es denn doch so etwas gäbe, dann brächte es das alles ja doch nur nichts?
    Auch das mag ein Aspekt von Heteronormativität sein.
    Mir ist durchaus schon passiert, daß es cis* Menschen nicht paßte, daß ich lieber mit anderen trans* Menschen abhing als mit ihresgleichen. Ich sollte mich doch “lieber” mit anderen Dingen beschäftigen. Das empfand ich als unverfrorenen Bevormundungsversuch.
    Auf einem anderen Blatt steht, daß “Szene” einerseits nicht für alle ist, andererseits manche aber sehr davon profitieren. “Einzelkämpfer” haben es schwer, und niemanden zum Reden zu haben, gerade über so urpersönliche Belange, ist sehr traurig.

    • Ja liebe Elke,

      ich bin eine Frau. Ich trinke Bier und spiele Fußball und beschäftige mich nicht mit so langweiligem Weiberkram, wie es andere Frauen tun, nicht wahr? Dabei ist es doch egal aus welcher Richtung die Misogynie weht. Transmisogynie oder Misogynie sind das Gleiche.
      Die “wirklichen” Dinge wurden mir auch schon nahe gelegt. Der wirkliche “Sex” mit dem ich mich unbedingt beschäftigen muss und die “wirkliche” Realität, die ich unbedingt sehen muss. Welche Menschen ich real um mich habe, bestimmen bei mir jedenfalls keine Anderen. 😉

      • Liebe Christine,

        vielen Dank für Deine Antwort. Leider komme ich erst jetzt dazu, Dir meinerseits zu antworten. Meine Erfahrung scheint – teilweise – Deiner zu ähneln. Auch wenn ich, wie ich schon sagte, der Trans*Szene zuzurechnen bin und mich da durchaus wohlfühle (und einigen Leuten sehr viel zu verdanken habe). Dabei haben gelegentliche heteronormative (aber auch sonstige) Entgleisungen mich durchaus verstört hinterlassen, v.a. wenn sie mich ausgerechnet an üble Erfahrungen während meiner j/Jungen Jahre erinnerten.

        Es ist natürlich einer der echten Klassiker, die Frage aufzuwerfen, wie (1) individuelle Züge (Einstellungen, Interessen, Aktivitäten u.dgl.), (2) “gender expression” und (3) “gender identity” zusammengehen könnten – oder auch nicht. Dann auch noch (4) die von Dir erwähnten (sub-) kulturellen Elemente.

        Ich selbst bin da in meiner Zusammenstellung von Features leider total langweilig. Ich war lediglich von Außen betrachtet mal sowas wie ein mädchenhafter Junge 🙂 …. Was für mich selbst soweit sogar völlig ok gewesen wäre. Nur eine durchweg kompromißlos heteronormative Umgebung fand mich dafür umso unerträglicher und kickte mich bei erster sich denen bietender Gelegenheit ‘raus. Nun ja, ich war damit auch meinerseits zu Kompromissen so rein gar nicht motiviert und transitionierte ebenfalls bei erster sich mir bietender Gelegenheit… Aber Heteronormativität führt da ja auch im Detail zu sehr eigenartigen Effekten. Etwa gingen die meisten Leute damals einfach davon aus, daß ich schwul sei, fragten erst gar nicht. Wenn so eine Junge, wie ich mal einer war, nämlich nicht schwul wäre, dann wäre das ja eine noch viel größere Herausforderung.

        Wie manche Leute auf die Idee kamen, ich ließe mich so billig bluffen, daß sie nur behaupten müßten, sie hätten Die-Wahrheit™ (“wirkliche Wirklichkeit”, ha ha…) mit dem Löffel gefressen, habe ich nie verstanden. Mag sein, die hielten mich für so eine kleine dumme Tussi, mit der sie es ja machen könnten. Da wäre Misogynie und Transmisogynie wirklich dasselbe.

        Liebe Grüße,

        Elke

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