Die lesbische Subkultur ist etwas Besonderes. Man findet in ihr die häufige Verwendung des Femininums. Man spricht gar von vereinsmäßigen Mitfrauenversammlungen, von Mitfrauen statt Mitgliedern, von Fahrerinnen statt Fahrern, vom Freundinnenkreis statt dem Freundeskreis, von Gästinnen statt Gästen oder kurz: von Lesben.

Einzigartig ist auch die sprachliche Differenzierung zwischen Exfreundinnen, Freundinnen und guten Freundinnen. Natürlich ist das auch nötig: Denn, wie kann man sonst die aktuelle Freundin, die man liebt, von der Freundin, die man nur platonisch liebt unterscheiden? Und irgendwo ist dann noch die Ex mit dabei, die nun eine gute Freundin ist oder auch nicht.

Wie anders wir sprachlich oft sind, zeigt der gemischte Freundinnenkreis, bestehend aus Heteras, Lesben und möglicherweise Männern. Lassen wir letztere einmal aus: Ich frage mich immer, warum die Notwendigkeit bei Heteras existiert, scheinbar im generischen Maskulinum zu reden, wenn alle anwesenden Frauen sind. Untersuchungen und Studien zeigen deutlich auf, dass wir Frauen mit dem generischen Maskulinum nicht mitgemeint sind, oder wenn, dass wir uns dadurch oft nicht angesprochen fühlen.

Hört man Heteras einmal genauer zu, die in einer gemischten Gruppe aus Lesben und Heteras sprechen, dann fällt oft das komische Wirrwarr aus generischem Maskulinum und Femininum auf, das plötzlich an den Tag gelegt wird. Sie reden dann von „jeder“ und „jedem“, als ob Männer anwesend wären, nur um später dann ins Femininum zurück zu wechseln. Manchmal wechseln sie sogar in einem Satz, wenn sie die gleiche Frau meinen, zwischen generischem Maskulinum und Femininum hin und her. Oft scheinen die guten Freundinnen selbst nicht ganz zu wissen, wie sie nun sprechen sollten. Das ist ebenfalls ein deutliches Zeichen dafür, dass wir Frauen sprachlich das „Besondere“ sind.
Besonders meint hier nicht besser. Besonders meint vor allem eines: Das Andere!

Anders als Männer also. Anders als der sprachliche Standard. Anders als der Standard.

Sprachwissenschaftlich betrachtet ist das Femininum übrigens neu. Es ist wahrscheinlich eingeführt worden, um eben jenen Unterschied zwischen dem Standard und dem Besonderen deutlich zu machen. Den Unterschied zwischen dem Normalen und Unnormalen. Zwischen Männern und Frauen.

Damit wird der Arzt normal, die Ärztin aber das Besondere.

Das Femininum zu verwenden ist also für uns normal – oder zumindest normaler als für andere. Jedoch scheint sich manches etwas geändert zu haben. Wir verwenden nun oft ein Femininum mit einem Sternchen, um möglichst „inkludierend“ zu sein. Um nicht zu diskriminieren. Hier einmal zwei Beispiele:

Auf der Homepage der European Lesbian Conference ist das Wort Lesbe, wie an vielen anderen Stellen auch, mit Sternchen zu lesen:

„Therefore we will use “lesbian*” with an asterisk, so as to include anyone who identifies as lesbian, feminist, bi or queer, and all those who feel connected to lesbian* activism.“

Übersetzung:
Folglich benutzen wir „Lesbe*“ mit einem Sternchen, damit wir alle inkludieren die sich als lesbisch, feministisch, bi, queer identifizieren, oder sich mit dem lesbischen* Aktivismus verbunden fühlen.

Nicht genannt aber gemeint ist damit in der Regel Trans* und Inter*.
In der Studie zur geschlechtlichen Vielfalt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend findet sich in den Vorbemerkungen zur verwendeten Sprache folgender Abschnitt:

Der Asterisk [*] (oder: Sternchen) in Inter* oder Trans* ist ein der Computersprache entlehnter Versuch, jede auf Geschlecht rekurrierende Wortendung (bspw. in transgender, intergeschlechtlich etc.) zu ersetzen, um sämtliche Identitätsformen zu berücksichtigen und damit nicht zuletzt auch diejenigen Personen zu adressieren, die sich einer geschlechtlichen Zuordnung entziehen wollen.

Warum brauchen wir bei dem Wort Lesbe* oder gar Frau* nun ein Sternchen?

Oft ist es unsere Angst, dass wir nicht diskriminieren wollen. Das ist erst einmal gut. In Frauenkulturhäusern, Frauenzentren oder Frauenberatungsstellen dreht es sich doch gerade um eines: Neben dem Verbinden auch andere zu unterstützen. Viele von uns haben selbst schlimme Diskriminierungserfahrungen gemacht. Keine von uns will selbst diskriminieren.

Hierbei liegt es offenbar vielen am Herz Trans* unter Inter* Personen zu inkludieren. Das meint also Transfrauen, Transmänner oder Intersexuelle, die sich irgendwie als weiblich begreifen oder es mehrheitlich sind. Verschiedene Trans*-Verbände in Deutschland benutzen das Sternchen aktiv. Im englischen Sprachraum hingegen scheint es sogar etwas überholt zu sein, weil es schwierig auszusprechen ist.

Transfrauen, die sich selbst als Frauen begreifen, reden von sich häufig als Frauen, nicht als Transfrauen. Im Dialog mit ihnen wird manchmal klar, dass sie das Wort Transfrau sogar ablehnen. Im Prinzip wären sie somit auch das „Andere“ vom „Anderen“, was zwar irgendwie keine völlig von sich weisen kann, aber keine sprachlich betont sehen möchte. Natürlich sind die Sichtweisen hier unterschiedlich. Alleine eine Bezeichnung für sie zu finden, ist oft schon ein Diskurs, bei dem schnell „Diskriminierung“ geschrien wird. Aber man kann es nicht jeder recht machen.

Manchen stößt gar das Sternchen auf. Andere stören sich am Wort Lesbe, egal ob es mit oder ohne Sternchen geschrieben ist.

So stand auf der Facebookseite der European Lesbian Convention 2017 beispielsweise der Vorwurf:

„It’s jarring to see in this day and age an event for gay women with absolutely zero commitment to being trans inclusive, hard to believe people are letting them get away with this.“

Also etwa: „Es ist traurig zu sehen wie dieser Tage eine Veranstaltung für Lesben gemacht wird, die absolut keinen Anspruch hat transinklusiv zu sein. Schwer zu glauben, dass man sie das einfach so machen lässt.“

Obwohl auf der gleiche Seite zu lesen war: „Für Lesben und die *-Leute da draußen“.

Genauer schrieb die Convention ja auf einer extra Seite, wofür sie sein möchte. Hier noch einmal zur Erinnerung:

„Folglich benutzen wir „Lesbe*“ mit einem Sternchen, damit wir alle inkludieren die sich als lesbisch, feministisch, bi, queer identifizieren, oder sich mit dem lesbischen* Aktivismus verbunden fühlen.“


Formulieren wir eine kurze These:

Wenn sich Transfrauen also als Frauen begreifen, warum brauchen wir dann hier ein Sternchen? Seit wann soll es also diskriminierend sein im Zusammenhang mit Lesben nur von Frauen zu sprechen?

Genau das ist aber manches Mal der Vorwurf, denn einige fühlen sich ohne Sternchen diskriminiert, andere, wenn man von Transfrauen redet und wieder andere, wenn man trans Frauen schreibt. Je nach persönlicher Bevorzugung der Person, wird alles was sie nicht bevorzugt schnell zur Diskriminierung verklärt und man kann es absolut nicht jeder recht machen, denn die Formulierungen nehmen bereits viele phantasievolle Züge an.

Beispiele wären:

Transfrauen, Trans-Frauen, trans Frauen, transsexuelle Frauen, Trans*frauen, Trans*-Frauen, trans* Frauen, transsexuelle Frauen*, Frauen, Frauen mit Transitionshintergrund, Frauen*, ….

Und wenn wir Frauen/Lesben ständig mit dem generischen Maskulinum leben müssen, dürfen sich Transmänner, die mit uns feiern/diskutieren/labern/lesen wollen auch gerne durch das generische Femininum mitangesprochen fühlen. Transmänner, die Erfahrung mit uns haben, sollten in aller Regel wissen, dass die allermeisten Lesben äußerst tolerant und freundlich sind.

Lesbenräume sind vor allem eines: Frauenräume. Wer sich nicht mit dem Wort Frau angesprochen fühlt, hat in Lesbenräumen nichts zu suchen. Es dreht sich hierbei um eine Identifikation mit einem Geschlecht oder einem Zugehörigkeitsgefühl einer Gruppe gegenüber. Warum sollte diese Gruppe also, die nur aus Frauen/Lesben besteht, ein Sternchen brauchen?

 

2 KOMMENTARE

  1. Ich bin das Asteriks, das ihr weglassen wollt.
    Ich identifiziere mich nicht als Frau, habe aber ein Frauen-Gruppen-Zugehörigkeitsgefühl.
    Ich identifiziere mich als Enby, non-binary, nicht-binär. Mir ist per Geburt weiblich als Geschlecht zugewiesen worden, ich bin als weiblich erzogen worden, habe mich lange als Lesbe gesehen, dann pan. Und inzwischen kann ich auch endlich sagen: Dass ich mich nie als Frau gefühlt habe, ist nicht schlimm. Ich bin deshalb auch kein Mann. Ich bin auf einer Skala von Mann bis Frau schlicht nicht vorhanden.

    Ich bin ein*e Frau* mit Sternchen.
    Das Sternchen ist nicht für die, die sich im zweigeschlechtlichen System identifizieren. Sondern für die außerhalb.

  2. Also ich weiß ja nicht, aber mir ist das irgendwie zu hoch.
    Ich bin transident, aber ich bin auch eine Frau und lesbisch bin ich. Das Adjektiv alleine reicht ja nun nicht aus, um mich zu beschreiben oder zu defineren. Auch nicht, wenn man es in allen möglichen Wortkombinationen zusammensetzt.
    Ich persönlich finde, es ist immer eine (teilweise unnötige) Überbetonung einer seltenen Eigenschaft eines Menschen und durch dieses extra Hervorheben fühle ich mich als Person oft nur auf diese Eigenschaft reduziert.
    Ungefähr so als wenn man z.B. Sommersprossen hätte und jede Beschreibung mit Sommersprossen gemacht werden muss: Sommersprossenfrau, Sommersprossen-Frau, Frau mit Sommersprossen, etc., etc…
    Ich denke nicht, dass die sich als Sommersprossen*Frauen begreifen oder gar permanent als Sommer*Sprossen*Frauen von sich reden. Ich denke auch, irgendwann werden einige ziemlich genervt sein, wenn immer wieder ihre Sommersprossen erwähnt werden, weil sie nicht darauf reduziert werden wollen.
    Die Analogie mag hinken, aber so ungefähr fühle ich mich, wenn Cis-Menschen nochmal extra meine Transidentität betonen.
    Ich selbst beschreibe mich im Alltag einfach als Frau. Transfrau klingt auch nicht nur doof, sondern entspricht auch nicht meinem Geschlechtsempfinden. Ich war schon immer eine Frau, warum sollte ich mich in meiner Selbstbeschreibung von andere Frauen abgrenzen?
    Und im Alltag ist diese Abgrenzung oder Unterscheidung meistens mehr als unpraktisch oder gar abwertenend. Meine Ehefrau fragt ja nur „Habt ihr gesehen, wo meine Frau hingegangen ist?“ und nicht „Habt ihr gesehen, wo meine Trans-Frau hingegangen ist?“
    Es ist oft überflüssig und oft auch kontraproduktiv.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT