CSD Berlin „Danke Für Nix!“ (4): Alfonso Pantisano über die „Schwulenparade“

Alfonso Pantisano von Enough is Enough im SzeneLesbe-Interview auf dem Berliner CSD 2016

Am Rande des Berliner CSDs befragten wir mehrere auf der Bühne auftretende Personen – KünstlerInnen und AktivistInnen – zu verschiedenen Themen rund um und über den Christopher Street Day.

Das dritte Interview auf dem CSD in Berlin führten wir mit dem überaus mitreißend redenden und sehr freundlichen Aktivisten Alfonso Pantisano, Pressesprecher von ENOUGH is ENOUGH!, einer Organisation, die sich seit August 2013 für die Rechte von Homosexuellen und vor allem weltweit gegen Homophobie einsetzt.

Zum Abschluss dieses Interviews findet ihr Alfonsos absolut sehens- bzw. hörenswerte politische Rede auf dem Berliner CSD Finale 2016!


Warst du gestern auf dem Dyke March?

Alfonso: Ich war tatsächlich gestern auf dem Dyke March! Auch letztes Jahr war ich dort. Wir von Enough is Enough versuchen immer dabei zu sein. Natürlich ist es während der Pride Week sehr schwierig an allen Veranstaltungen teilzunehmen, aber der Dyke March ist uns wahnsinnig wichtig, weil wir vor allem eine Gruppe von sehr vielen Männern sind. Besser gesagt wir sind fast ausschließlich Männern und wir finden, dass es sehr wichtig ist, alles dafür zu tun, damit sich auch unsere lesbischen Freundinnen als Teil der Community fühlen. Wir wollen sie unterstützen, damit die Sichtbarkeit der Lesben endlich mal ein Thema wird!

Heute auf der Demo forderte ich die Presse vom Wagen aus auf, in ihren Berichterstattungen über den CSD nicht wieder über eine große Schwulendemo zu schreiben, denn es ist eine Demonstration von Homosexuellen! Noch besser: „Sagt, dass es eine Demonstration der LGBTI Communuity ist, denn wenn ich mich so umgucke, dann sehe ich oft viel mehr Frauen als Männer.“ Es muss ein Schlag ins Gesicht für so viele Lesben sein, wenn sie immer wieder hören, der CSD sei eine Schwulenparade. Dabei tun die Frauen so wahnsinnig viel, um sich für unsere Rechte einzusetzen, oft viel mehr als die Männer selbst.

Hast du den Eindruck, dass wir Lesben auf dem CSD generell unterrepräsentiert sind?

Alfonso: Ich weiß nicht, ob ihr auf dem CSD unterrepräsentiert seid… – warum ihr weniger auffallt als die Schwulen. Aber wir müssen viel mehr darauf achten, dass wenn wir über die Comunity sprechen, wir nicht nur über uns Männer sprechen, sondern auch über Frauen und Lesben, dass wir euch mehr inkludieren!

Für mich ist es manchmal schwer eure Themen klar zu positionieren. Genau darum suche ich den Kontakt, besuche die Dyke Marches und führe Gespräche darüber mit vielen lesbischen Freundinnen und befrage sie nach ihren aktuellen Themen.

Es ist bei vielen Männern z.B. so, dass sie die Ehe für Alle haben wollen. Aber viele Lesben sind wiederum nicht wirklich für die Institution Ehe, weil sie sie als etwas sehr Patriarchales sehen.

Findest du denn, das der CSD dann eher schwul geworden ist?

© Bianca Westphal
© Bianca Westphal

Alfonso: Also ich muss das so sagen: Über viele Jahre hinweg habe ich natürlich mitbekommen, dass es das Thema der Lesben, das Thema der Bisexuellen und so weiter gibt…

Aber als junger schwuler Mann war ich primär immer daran interessiert, den CSD zu besuchen. Ja, auch um für die Rechte zu kämpfen, aber das war für mich am Anfang eher sekundär. Vielmehr habe ich mir ein halbes Jahr vorher überlegt, wie mein nächstes Kostüm aussehen sollte. Mein Ego hat immer danach geschrien auf möglichst vielen Fotos zu landen. Der CSD war für mich schon immer eine Möglichkeit, mich als Single Boy umzugucken und jemand Neues kennenzulernen. Immerhin sind gerade zum CSD sehr viele Menschen in der Stadt. Das war die Anfangsphase. Dann hat sich das natürlich geändert und ich habe immer mehr mitbekommen, dass es ganz andere Themen neben denen der Schwulen gibt. Wenn ich mich so umschaue, gibt es wahnsinnig viele Frauen, die sich einsetzen, wahnsinnig viele Frauen, die sich auch zeigen, die auf die Straße gehen und das oft sogar viel mehr als wir Männer.

Wenn wir Demonstrationen organisieren, sind meiner Meinung nach immer viel mehr Frauen als Männer dabei. Männer sind sich oft viel zu fein dafür oder sie warten, dass andere die Arbeit für sie machen. Das finde ich traurig und manchmal auch beschämend, weil ich denke, dass wir alle zusammenhalten müssen. Deswegen kann ich die Frage ganz ehrlich nicht beantworten. Allerdings kann ich sagen, dass es immer ausgewogener wird! Auch z.B. die Repräsentanz der Pansexuellen, Asexuellen und der Bisexuellen wird immer größer und damit sichtbarer.

Wenn ich mich auf dem CSD umschaue, sind hier immer mehr Fahnen dabei, die etwas mit der Community zu tun haben. Oft weiß ich gar nicht, in welchem Kontext sie stehen – ein Ansporn für mich etwas dazuzulernen, mitbekommen zu wollen, dass es noch mehr gibt als LGBTI.

Ich selbst und viele andere auch sind immer wieder aufgefordert, dazu zu lernen. Z.B. habe ich noch immer ganz große Schwierigkeiten zu Gendern: Wenn ich schreibe, gendere ich, wenn ich aber spreche, vergesse ich es ganz oft. Dann rede ich immer von Partnern, Ärzten, Krankenpflegern und so weiter. Hier weiß ich, dass ich noch einiges dazulernen und mit mir in Klausur gehen muss. Du merkst, selbst als Aktivist, der sehr viel unterwegs ist, gibt es wahnsinnig viel zu verbessern, angefangen bei uns selbst.

Deswegen freue ich mich immer auf neue Kontakte und auch auf Kontakte zu Lesben. Von euch können wir einfach noch viel dazulernen.

Ok, eine Personengruppe hast du bislang nicht genannt: Intersexuelle…

Alfonso [unterbrach mich]: Also, wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich mich beim Sprechen auf Community bzw. die Abkürzung LGBTI beschränkt. Dabei ist mir natürlich absolut bewusst, dass in diesen fünf Buchstaben „LGBTI“ wahnsinnig viele nicht enthalten sind. Ich weiß aber auch, dass das ganz oft gegen uns verwendet wird. Wir könnten noch viele weitere Buchstaben dazureihen… Darum lasse dir eines versprochen sein: Jedes Mal wenn ich da oben stehe und über Communuity spreche, über UNS spreche, über LGBTI spreche, meine ich all die, die ich auch in diesen Buchstaben nicht erwähnt habe! Ich möchte nämlich, dass sich die Begrifflichkeiten langsam einmal in den Köpfen der Leuten einprägen und dass sie mitkriegen, dass wir nicht irgendwie irre geworden sind, weil wir nur noch Buchstabensalat produzieren, sondern dass es sich hier wirklich um echte Themen dreht! Wenn ich über LGBTI spreche, dann spreche ich auch immer über über die Asexuellen und über die Pansexuellen – und zwar so gut ich es irgendwie kann.

Ist der CSD für dich eher politisch oder eher eine Party?

Alfonso: Es ist beides und ich finde, es muss auch beides sein! Ich denke, die Party ist wahnsinnig wichtig. Viele, viele Leute, die heute hier in Partyoutfits kostümiert tanzend auf die Straße gehen, kommen oft nicht aus Städten wie Berlin, Städte, in denen wir bereits sehr viele Freiheiten haben. Viele kommen aus kleinen Dörfern, aus kleinen Städten, sind weder zu Hause noch auf dem Arbeitsplatz geoutet. Für diese Menschen ist dieser eine Tag, der eine Tag, wo sie an 365 Tagen eines Jahres einmal so sein dürfen, wie sie gerne sein wollen. Endlich man selbst sein, etwas tun, was man sich sonst wegen der Gesellschaft nicht traut! Deswegen hat jeder das Recht hierher zu kommen, sich zu kostümieren, sein Leben zu feiern – auch oft in der Hoffnung, dass es eines Tages besser wird.

Gleichzeitig ist der CSD für mich wahnsinnig politisch! Seitdem ich als Aktivist unterwegs bin, geht es für mich an dem Tag nur noch um das Politische. Ich weise auf Schwierigkeiten hin, auf weltweite Rechtsverletzungen und Diskirminierungen bezüglich der Gleichstellung in Deutschland. Ich höre mich nur noch schimpfen, als wäre die Welt nur noch grau… Aber das ist ja Teil der politischen Aufgabe, dass ich sage, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben und deswegen ist es einfach wahnsinnig wichtig, dass es diese CSDs gibt!


Wer die Fragen der drei Interviews vom Berliner CSD (Interview: Steffi List, Holger Edmaier) verfolgt hat, wird schon gemerkt haben, in welche Richtung wir gefragt haben und was unser Anliegen war. Der nächste Teil der Artikelserie widmet sich also einem ganz lesbischen Thema: dem Dyke March.

Alfonsos wahnsinnig gute Rede auf dem CSD Finale in Berlin behandelte mehrere Themen: Ehe für Alle, Gleichberechtigung, wie verlogen PolitikerInnen uns gegenüberstehen, Homosexuellenverfolgung, Adoption bzw. Sukzessivadoption, Merkels komisches Bauchgefühl, AfD u.v.m. …

Wichtig für alle: Wir dürfen bereits Kinder adoptieren, aber nicht heiraten! Merkels Aussage, dass sie ein „ungutes Bauchgefühl“ dabei hätte, wenn wir ersteres könnten, ist eine einzige Lüge. Warum? Lasst es euch doch selbst von Alfonso ab Minute 9 erklären!

 

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Christine Ullmann
Ich denke, also bin ich. Ich lese, also schreibe ich. 2 Dinge die ich mag und die miteinander verbunden sind. Dabei bin ich mir nicht zu schade Ergüsse einiger Queertheoretiker/innen kritisch zu verfolgen sowie gute Dinge zu rezensieren. Als Vollblutmetalerin mag ich bunt gar nicht, aber schreibe doch über vieles unter dem Regenbogen.

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