CSD Berlin „Danke Für Nix!“ (3): Holger Edmaier über die Sichtbarkeit von Lesben

Holger Edmaier von 100 % Mensch im SzeneLesbe-Interview auf dem Berliner CSD 2016

Am Rande des Berliner CSDs befragten wir mehrere auf der Bühne auftretende Personen – KünstlerInnen und AktivistInnen – zu verschiedenen Themen rund um und über den Christopher Street Day.

Das zweite Interview auf dem CSD in Berlin führten wir dabei mit dem sympathischen Aktivisten Holger Edmaier, dem Geschäftsführer des sehr bekannten Projekts 100% Mensch, welches oft auf CSDs zugegen ist und immer einen coolen Song parat hat.

Als Aktivist verfolgt Holger natürlich viele verschiedene Themen rund um die CSDs und unsere Community und spricht daher nicht nur von seiner Erfahrung und Sichtweise, sondern auch von sich als Teil des Projekts 100% Mensch.


Holger, stell euch bitte einmal vor: Was macht das Projekt 100% Mensch?

Holger: Wir fördern die komplette rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgendern, Non-Binäre, Intersexuellen, Asexuellen und queeren Menschen!

Wir haben jedes Jahr eine Kampagne und dazu einen Kampagnensong. Das ist das, was uns besonders macht. Wir singen zu jedem Thema ein Lied und dieses Jahr heißt es „Ich sage Ja“. Da darf man dreimal raten, worum es geht! Es geht um die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften.

Artikel von SzeneLesbe über die Benefiz-Songs:

Projekt 100% MENSCH: Ich sage ja
Projekt 100% Mensch: 77 (LOVE IS LOVE)
Benefiz-Song: 100% Mensch

Hast du den Eindruck, wir Lesben sind auf dem CSD eher unterrepräsentiert?

Holger: Ihr seid vor allem unterrepräsentiert in den Organisationsteams, das ist das Problem! Ich arbeite mit sehr vielen CSDs zusammen und wenn ich mir die Orgateams ansehe, dann ist die Anzahl der Frauen und der Lesben im Verhältnis zu den Schwulen einfach gering! Von daher würde ich vorschlagen, die Sichtbarkeit in den Organisationsteams zu erhöhen. Also Ladies: Hebt mal den Hintern hoch! Dadurch könnt ihr auch euren Einfluss auf den CSDs erhöhen, denn dadurch habt ihr Einfluss auf alles, was publiziert wird und was auf der Bühne und bei der Demo stattfindet!

Warst du gestern auf dem Dyke March?

Holger: Nein, gestern war ich noch in Stuttgart, deswegen habe ich eine gute Entschuldigung… Aber: Beim Cologne Pride gibt es auch einen Dyke March und dort hatten wir viele Damen bei uns am Stand, die dem Projekt 100% Mensch helfen und die dann mit unseren Fahnen und unseren Flyern zum Dyke March marschiert sind.

Ich selbst musste mich zu diesem Zeitpunkt für den Infostand und allem drum und dran vorbereiten… [grinsend] Warum entschuldige ich mich eigentlich?

Musst du gar nicht, genau! [auch grinsend] Und was ist mit dem Publikum auf den CSDs, vielleicht auch in den Bars? Wie lesbisch ist es?

Holger: Sagen wir mal so, der CSD ist nicht schwuler geworden, aber mir ist aufgefallen, dass die Sichtbarkeit von Transsexuellen und Transgendern zugenommen hat und das freut mich sehr!

Die anderen Verhältnisse fallen mir jetzt nicht so auf, aber ich kenne es von der Bühne aus. Wenn ich runtergucke, gibt es da eine spezielle Reihenfolge im Publikum. Vorne haben wir eine Reihe mit Damen/Lesben, dann kommen etwa 50 Meter nur Männer und dann kommen wieder die Frauen ganz hinten. Ich weiß nicht woran das liegt, [*ob sie das so wollen,*] dass geht ja immer von zwei Seiten aus… Oder ob bei den Damen das Interesse am Bühnenprogramm nicht so groß ist und die Schwulen einfach mehr abfeiern und dementsprechend von der Bühne aus sichtbarer sind… Der Rest ist reine Statistik: Man weiß ja, welche Gruppen teilnehmen, also auch in den Organisationen selbst, und man könnte… Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Mach doch mal eine Untersuchung! Untersucht das, macht eine Statistik!

Mein Eindruck ist jedenfalls nicht, dass sich dahingehend großartig etwas verändert hat.

Gute Idee, da werden wir einmal schauen, was wir da tun können! Du hast gerade eben eine ganze Reihe von Leute genannt, für die der CSD da ist, für die ihr euch einsetzt und auch, dass Transgender mittlerweile sehr auf den CSDs vertreten sind…

Holger: Transsexuelle und Transgender bitte, das ist ganz wichtig!

Du hast völlig recht, danke!

Transgender und Transsexualität

Transgender – trans (lat. „jenseitig“, „darüber hinaus“, gender (engl. „soziales Geschlecht“) ist ein Oberbegriff für alle möglichen Abweichungen von den binären sozialen Geschlechterrollen beziehungsweise sozialen Geschlechtermerkmalen.

Beispiele für Transgender sind: Agender, Bigenderm Genderfluide, Femmes und Butches, die ein anderes soziales Geschlecht als klassisch „Frau“ haben oder Transvestiten und Transidente

Transsexualität hingegen ist nach ICD-10 als Krankheit, Geschlechtsidentitätsstörung, klassifiziert (was übrigens sehr umstritten und in vielen anderen Ländern längst abgeschafft ist!). Es bezeichnet Menschen, die quasi im falschen Körper geboren wurden und diesen verändern, verändern wollen oder es wünschen, aber es nicht tun.

Im Neuentwurf der Klassifizierung ICD-11, der 2015 offiziell vorgestellt wurde, ist Transsexualität hingegen als medizinischer Zustand enthalten, der als „gender incongruence“, d. h. geschlechtliche Nichtübereinstimmung, bezeichnet wird. Damit wird Transsexualität hier nicht mehr als Persönlichkeits- oder Verhaltensstörung bzw. psychische Störung angesehen. Das Inkrafttreten der ICD-11 ist für 2017 vorgesehen.

… zurück zur eigentlichen Frage. Du hast eine Reihe von Leute genannt, auch Intersexuelle. Wie sieht es mit denen auf den CSDs aus?

© Bianca Westphal
© Bianca Westphal

Holger: Als ob man Intersexuelle irgendwie erkennen würde, … das tut man nicht! Also von daher keine Chance, ich könnte jetzt z.B. gar nicht sagen, ob du intersexuell bist. Von daher stellt sich die Frage nicht, ob sie sichtbarer geworden sind.

Ich habe Feedback diverser Vereine von Intersexuellen oder Intergeschlechtlichen – je nachdem, mit wem man spricht – die auf den CSDs an ihren Infoständen sind. Das habe ich wohl mitbekommen, aber das kenne ich schon seit Jahren und weiß, dass sie da sind.

Ansonsten, … Sichtbarkeit eher nicht. Es wäre vielleicht einmal interessant eine intersexuelle Person auf die Bühne zu holen, das habe ich bisher noch nicht gesehen.

Das Interview wurde per Audio aufgenommen und später transkribiert.

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