„Da sitzen sie, Butch und Femme, an der Bar mit der groben Holztheke. Ein dämmriges Licht verhüllt mehr als es zeigt. Die Bar ist ihr Zufluchtsort, ihr Revier. Ein Ort, an dem die Femme ihr bestes Kleid so würdevoll und lässig trägt wie die Butch ihren Anzug – ein Ort, an dem das Geklacker der Highheels ebenso wenig befremdlich wirkt wie die abgebundenen Brüste der Butch.

Zigaretten werden angezündet, tiefe Blicke ausgetauscht. Jeder Umstehende spürt die lebendige Dynamik zwischen den Beiden. Es ist wie ein Tanz. Der Tanz des Gentlemans mit seiner Dame.“


Diese und ähnliche Erzählungen sind wohl die gängigsten Vorstellungen, die in den Köpfen vorherrschen, wenn es um das Thema „Butch“ oder „Femme“ geht. Aber ist nun jede Frau im Anzug eine Butch? Ist jede feminine Lesbe automatisch eine Femme? Die Antwort lautet – ja und nein.

Tatsächlich beschreiben die Begriffe Butch und Femme zwei Geschlechterrollen („Gender“) sowie die dazugehörige, erotische Dynamik, die auf dem Begehren der Unterschiedlichkeit (maskulin und feminin) zwischen zwei nicht-heterosexuellen, queeren oder weiblichen Personen beruhen.

Die nach außen getragene und meist klassische Feminität der Femme ist genauso prägnant zu erleben wie die maskuline bis männliche Rolle der Butch. Letztere kann zudem derart tiefgreifend sein, dass sogar ein männliches Pronomen bevorzugt wird.

Exkurs

Durch den aufkeimenden Feminismus der späten 1960er bis frühen 1970er Jahre wurden diese Gender mit dem Vorwurf behangen, ein heteronormatives Konstrukt und somit Teil des Patriarchats zu sein. Dies führte dazu, dass im Zuge dessen viele Butches und Femmes aus der Barkultur und der Szene vertrieben wurden. Tatsächlich aber waren Butches und Femmes großer Bestandteil der Frauenaufstände und erkämpften sich ihren Platz in der Gesellschaft auch unter Einsatz ihres Lebens.

Als bekanntes Beispiel ist hier die Trans*-Aktivistin Leslie Feinberg zu nennen. Ihr 1993 erschienener Roman „Stone Butch Blues“,  der zum Teil autobiographisch verfasst ist, gilt als Meilenstein der queeren Literatur. Feinberg verstarb am 15. November 2014 und kämpfte Zeit ihres Lebens für die Freiheit der Geschlechter, Feminismus und Trans*-Rechte.

Heute weiß man, dass die Bandbreite dessen, was die Gender Butch und Femme ausmachen, nicht mehr nur auf das klassische Rollenbild beschränkt ist. Es gibt von androgynen Butches (soft Butch) bis zu maskulinen Femmes (butchy Femme) viele Spielarten dieser Geschlechterdefinition und auch die Definition der Sexualität ist längst nicht auf lesbisch reduziert. So finden einige Butches und Femmes ihren Platz in der queeren/Trans*-Community, da auch die Identifizierung als Frau nicht für jede Butch oder Femme selbstverständlich ist. Vom „dritten Geschlecht“ ist hierbei oftmals die Rede und manch einer sieht Butches und Femmes auch klar unter dem Schirm der Transgender.

Aufgrund dieser Diskrepanz werden Butches fälschlicherweise vermehrt als Männer oder als „zu männlich“ betrachtet und Femmes leiden oft, aufgrund ihrer fälschlicherweise als heteronormativ gelesenen Erscheinung, unter der „Unsichtbarkeit“ innerhalb der Szene.

Anders als oft vermutet ist das Butch- oder Femme-Sein auch nicht zwangsläufig mit diversen sexuellen Vorlieben verbunden. Geschmäcker und Neigungen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst; auch bevorzugt nicht jede Butch eine Femme als Partnerin und umgekehrt.

Dynamik“ © Stefanie Weinzirl
Dynamik“ © Stefanie Weinzirl

Und was bin ich?

Soviel zur Theorie. Aber wie lebt es sich in der Praxis mit dem Wissen, eine Butch oder eine Femme zu sein? Wie erfahre ich, ob ich „dazugehöre“? Ist es überhaupt notwendig, dem Kind einen Namen zu geben? Auch hier lautet die Antwort – ja und nein.

Für einen Teil der Gesellschaft mag es nicht wichtig sein, „was“ oder „wer“ man ist. „Schubladen“ ist das oft gedachte, meist vorwurfsvoll gesprochene Wort. Doch manche sehen es auch anders. Für sie ist es wichtig und gut zu wissen, wohin sie „gehören“; in einer Welt voller Orientierungslosigkeiten und scheinbar „unbegrenzten“ Möglichkeiten. Scheinbar?

Ja, denn genau in dieser Hinsicht, der geschlechtlichen Identität, sind wir oft noch zu sehr gefangen im starren System wie Frau, Mann und auch Lesbe zu sein hat. Gender sind gefühlte Geschlechter – die zwar zusammenführen, aber auch trennen, isolieren, separieren und doch gemeinsam stark machen können. Egal wie unterschiedlich wir alle sind, ob wir als Frau oder Mann, Butch oder Femme empfinden: Wir sind eine Community und all diese Vielfalt hat uns erst zu dem gemacht, was wir sind!

Zu hoffen ist, dass im Zuge der Gender-Bewegung die Bedeutung und Definition der Worte Butch und Femme erneuert in des Bewusstsein der LGBTQ-Community tritt und das das Verständnis dessen, was Teil der lesbischen Gemeinschaft ist, erweitert wird.

Titelbild: „Dynamik“ – © Stefanie Weinzirl

1 KOMMENTAR

  1. Ein wunderbar kurzer, aber sehr treffender Artikel, um Themen-Neulingen zu erläutern, was diese beiden Begriffe und die Dynamik ausmacht. Bestens geeignet, um dann woanders tiefer einzusteigen, wenn erwünscht… Danke für den tollen Text hier !

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