Bigender – was ist das eigentlich?

Bigender - ein praktisch-humoristischer Ausflug in meine Welt!

© Susanne Seiffert

Gibt man den Begriff „bigender“ einmal bei Google ein, erscheinen einige – meist englischsprachige – mehr oder weniger wissenschaftliche Definitionen und Abhandlungen zum Thema, allen voran die recht umfangreiche, englischsprachige Wikipedia, die sich sowohl mit allen möglichen Ausprägungen sowie möglichen biologischen Ursachen befasst. Auf alle Fälle lesenswert!

Mein Ansatz jedoch ist ein gänzlich anderer: Das wahre Leben.

Vorab eine ganz kurze, oberflächliche Erklärung für diejenigen, denen der Begriff hier zum ersten Mal begegnet: Personen, die sich als „bigender“ (binär = lat. „zwei“ / gender = die soziale Geschlechtsidentität, das gefühlte Geschlecht) bezeichnen, empfinden sich als zweigeschlechtlich. Dies kann sich entweder in Form eines Switches äußern, also des Wechsels zwischen zwei Geschlechtsidentitäten; oder auch als gleichzeitige Zugehörigkeit zu beiden Geschlechtsidentitäten empfunden werden.

Meist werden hierbei die Gender „männlich“ und „weiblich“ zugrunde gelegt, es gibt allerdings auch Personen, die sich als bigender zwischen z.B. androgyn und Femme, Femme und Butch, agender und Femme etc. etc. bezeichnen – die Kombinationsmöglichkeiten sind hier schier unendlich und darauf möchte ich in meinem kleinen Artikel auch nicht weiter eingehen. Ich befasse mich mit dem Begriff „bigender“ im Kontext von gleichzeitig/abwechselnd „männlich“ und „weiblich“.

Und wie äußert sich das nun bei mir?

Der Begriff „bigender“ ist mir noch nicht allzu lange bekannt, das Phänomen selbst hingegen mein ganzes Leben lang. Ich war ein wildes Kind, äußerlich ein „richtiges Mädchen“ – das bin ich heute noch – innerlich jedoch war da immer etwas, das nicht ganz passte. Wenn ich im Wald Pipi musste, war da ein inneres Unverständnis, wieso ich meinen Penis eigentlich nicht anfassen und im Stehen an den nächsten Baum pinkeln konnte, im Gegensatz zu den anderen Jungs. Ich konnte meinen Penis fühlen – mental – aber nicht berühren, weil da einfach nichts Physisches war. Manchmal hatte ich mental einen Penis, manchmal hatte ich keinen. Manchmal habe ich es vermisst, meinen Penis berühren zu können, manchmal war meine Vagina völlig ausreichend.

Zum ersten Mal in erotischem Kontext wahrgenommen habe ich das im Alter von etwa sieben Jahren, Mitte/Ende der 80er Jahre. Ich sah eine Kinderserie, eine völlig harmlose Kinderserie, es war „Der Kleine Vampir“. Die Filmfigur „Tante Dorothee“ hatte es mir angetan. Ich war von ihr völlig hingerissen, konnte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht ahnen, dass ich mich sexuell ausschließlich zu Frauen hingezogen fühle.

„Tante Dorothee“ war verheiratet mit „Onkel Theodor“, der ihr in einer Szene ganz zärtlich das Haar aus dem Nacken strich und so tat, als wolle er ihr in den Hals beißen. Ich saß vor dem TV und plötzlich war ich „Onkel Theodor“. Ich konnte ihre zarte Haut unter meinen Händen fühlen, hatte das Bedürfnis, ihr weiches Haar zu berühren und während ich es mir vorstellte, konnte ich fühlen, wie mein Penis sich mit Blut füllte und aufrichtete. Und als ich versucht habe, hinzufassen, war da – nichts.

Mein Weg von der „Lesbe“ zur Bigender-Frau

Im Laufe der Pubertät und später meiner Identifikation als lesbische Frau habe ich diese Phantasien verdrängt, denn sie passten nicht in das in den 90er-Jahren gängige Selbstverständnis innerhalb der lesbischen Szene, mit der ich damals in Berührung kam: Alles, was männlich ist, gehört abgelehnt und ist eklig! Penetration ist eine Imitation des Patriarchats! Keine echte Lesbe benutzt einen Strap-on!

Jahrelang habe ich versucht, innerhalb der lesbischen Szene „anzukommen“ und wunderte mich immer, wieso ich nicht passte. Meine Maskulinität habe ich unterdrückt, so gut es eben ging. Der Höhepunkt meiner Suche nach Zugehörigkeit war mein Ausflug in die Butch-Femme-Subkultur, in der ich als „schizophren“ wahrgenommen wurde, als ich mich weigerte, mich als „rein Butch“ oder „rein Femme“ definieren zu lassen. Gleichzeitig begegnete mir hier zu meinem Glück der Begriff „bigender“ zum ersten Mal.

Ich begann, „männliche Tage“ zuzulassen; ich begann, meinen Penis in Form eines Strap-ons zu visualisieren und stellte dabei fest, dass ein Strap-on für mich kein Spielzeug ist, sondern zu meinem Penis wird, sobald ich ihn anziehe. Mein Penis, der empfindsam ist, steif werden kann und über den ich Orgasmen erleben kann – wenn ich mit einer Frau zusammen bin, die meinen Penis als das sieht, was er ist: Als Geschlechtsteil, nicht als Spielzeug. Was für ein großartiges Gefühl! Dennoch habe ich die Frau in mir nie verloren, würde mir nie wünschen, physisch nur Mann zu sein, denn ich kann meine Männlichkeit in meine Weiblichkeit integrieren, meine männliche Potenz auch als Frau leben – sofern ich das passende Gegenüber, das passende „Spiegelbild“ habe: Eine Frau, die sowohl den Mann als auch die Frau in mir begehrt.

In Alltag und Berufsleben habe ich es einfacher, denn im Berufsleben kann ich den Mann leben, der ich bin: Fordernd, autoritär, Führungspersönlichkeit, maskulin in Körpersprache und Ausdruck – ich gebe zu, ich reiße schrecklich gern dreckige Witze! Genauso kann ich aber die Frau in mir nutzen: Diplomatisch, einfühlsam und Beschützerinstinkte weckend. Hier hat sich meine Bigender-Persönlichkeit bisher nur als Vorteil erwiesen; vielleicht auch, weil man mit „männlichen Qualitäten“ im Berufsleben auch als Frau oft weiter kommt.

Und dann ist da noch die Sache mit den Switches…

Was ich nicht steuern kann, ist, wann ich mich als Mann und wann ich mich als Frau empfinde. Meist hängt das tatsächlich von meinem Gegenüber ab, womöglich stelle ich mich unbewusst auf mein Gegenüber ein. So geschieht es mir, dass ich mich in Gegenwart von Männern – vor allem in beruflichem Kontext – oft selbst als Mann empfinde, ebenso in Gegenwart einer schönen, femininen Frau, die mich sexuell reizt. Begegnet mir hingegen eine sexuell attraktive, starke, maskuline Frau, die womöglich noch selbst bigender ist, werde ich zur Frau und will mich hingeben. Ich bin mit einer solchen Frau zusammen, die selbst beides ist, Mann und Frau – allerdings meist nicht switchend, sondern gleichzeitig. Ich sehe sie als Doppelbild, manchmal tritt der Mann einen Schritt nach vorne, manchmal die Frau.

Interessanterweise sind für meine Liebste und mich alle möglichen Kombinationen lebbar: Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann. Das heißt zum Beispiel in erotischer Hinsicht, dass wir sowohl „heterosexuellen“ als auch „lesbischen“ als auch „schwulen“ Sex haben können. Drei Dimensionen sozusagen.

Manchmal stolpere ich allerdings auch in durchaus witzige Situationen, wenn ich switche, vor allem dann, wenn ich ein Gegenüber habe, das selbst switcht. Um zu verdeutlichen, wie das im Alltag ablaufen kann, möchte ich zum Abschluss eine kleine, humoristische Anekdote mit euch teilen, die vielleicht besser als jeder wissenschaftliche Ansatz erklärt, wie sich das Leben als Bigender-Frau anfühlt:

Echte Männer können Feuer machen!

„Hachgott, seid ihr nieeedlich!“ quietscht sie in den höchsten Tönen, während sie vor meinem Gehege mit den Junghühnern hockt. „Ich rette euch, und dann dürft ihr alle bei mir im Garten friedlich Gras picken und niemand schlachtet euch!“

„Marlene…“, schalte ich mich ein, während ich ihren schweren Korb, den natürlich ich schleppen musste, auf der Bank vor dem Gartenhaus abstelle. „Dich will ich erleben, wenn bei Dir im Garten fünf Hähne rumspringen und Dir in den Blumenbeeten rumscharren und Dir jeden Morgen die Ohren vollkrähen. Die kommen in den Ofen, wie jedes Jahr!“

Mit theatralischem Blick schaut sie mich flehend an. „Aber Du kannst doch nicht, die armen Hühner!“ jammert sie. „Hähne!“ korrigiere ich trocken.

Sie bleibt weiter gluckend vor dem Gehege hocken, während ich das Grillfleisch suche. Ich frage mich, wozu zum Henker man soviel Hausrat braucht, bloß weil man ein paar Steaks auf den Grill hauen will. Steaks braucht man dazu. Sonst nichts. Sie hat Zucchini und Champignons im Korb, Mais, Gürkchen, eine Million verschiedene Saucen, Servietten und weiß der Geier was noch alles. Ich erwarte beinahe, auch noch silberne Serviettenringe im Korb zu finden.

Endlich entdecke ich in den Untiefen ihres Korbes das Fleisch.

„Marlene, wenn Du schon den halben Gemüseladen mitgebracht hast, schnippel mal das Zeug klein!“ rufe ich sie an den Tisch. Sie erhebt sich und lässt endlich die Hühner in Ruhe. Ich meine, auf den Hühnergesichtern einen Hauch von Dankbarkeit zu entdecken. Vermutlich haben die Viecher jetzt einen Tinnitus.

Sie trippelt zum Tisch und breitet den Gemüseladen vor sich aus. Während sie sich mit Hingabe ihrer Schnippelei widmet, kümmere ich mich ums Feuer. Ich werfe Holz und Tannenzapfen und Reisig und Zeitungspapier in den Grill und zünde das Ganze an. Beim ersten Mal geht es mir wieder aus. Beim zweiten Mal auch. Ich ziehe die Zeitung wieder aus dem Grill, zünde sie an und versuche, damit das Reisig in Brand zu setzen. Irgendwie brennt das Mistzeugs nicht. Außer Unmengen Rauch passiert gar nichts. Marlene hustet demonstrativ und flüchtet vor der Rauchwolke. In einiger Entfernung bleibt sie stehen und schaut mir zu. So langsam ärgere ich mich über das blöde Reisig und überlege, wie ich das Feuer bloß in Gang kriegen könnte. Irgendwie ist es etwas peinlich.

fire-227291_1920Nach weiteren 5 Minuten verzweifelter Versuche legt sich ihre Hand auf meine Schulter. „Mach mal Platz da und lass mich ran!“ kommandiert sie. Ihre Stimme ist dunkel. Ich lasse sie nicht und versuche es noch einmal. Wieder klappt es nicht. Mit hochgezogener Augenbraue scheucht sie mich beiseite und wirft erst einmal alles aus dem Grill wieder heraus. Dann schichtet sie das Holz zu einer Art Kamin auf, legt in die Mitte das Zeitungspapier, darüber legt sie das Reisig. Und noch einmal ein paar Scheite Holz. Kaum dass sie das Feuerzeug an die Konstruktion gehalten hat, brennt es auch schon.

Sie wedelt mit einem Stück Pappe davor herum, damit es gut durchglüht. Dass sie im Rauch steht, scheint ihr egal zu sein. Ich stehe etwas dümmlich daneben.

„Du könntest Dich derweil mal ums Gemüse kümmern“, feixt sie. Ich trolle mich und setze mich an den Tisch. Die Grillmeisterin steht breitbeinig am Grill und beobachtet mich. Da mir nichts Anderes übrigbleibt, schnippele ich eben ihr Gemüse und decke dekorativ den Tisch. Eigentlich schade, dass wir keine Serviettenringe hier haben. Die hätten sicher noch hübsch dazu ausgesehen.

5 KOMMENTARE

  1. Toll, einfach toll, so klar das man es einfach verstehen muss. Diesen theoretischen Mist der verzapft wird kann man vergessen. AUSSERDEM finde ich es besser wenn der/die VERFASSERIN es selbst erlebt. Es ist einfach authentisch. .. super …

  2. Schön geschrieben, sehr anschaulich, jetzt verstehe ich endlich mal die Thematik als ganzes.
    Danke dafür.

  3. Vielen Dank für diesen Artikel!
    Es tut so unglaublich ihn zu lesen. Ich erkenne mich selbst in beinahe jeder Zeile wieder.
    Kein wissenschaftliches Bla Bla sondern endlich mal einfache und klare Worte!
    Vielen Dank!
    Liebe Grüße
    Tanja

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