Anna (19): Freunde und Familie gaben mir Rückhalt

#OutProud

Niemals hätte ich mir erträumen können, dass es bei mir so einfach werden könnte. Ich wusste, dass keine Katastrophe in meinem näheren Umfeld werden würde, aber das es so leicht werden würde, dass man überhaupt kein Problem hatte, dass ich Frauen liebe, hätte ich niemals erwartet.

Nie hatte ich sowas vorher gespürt

Ich war gerade 15 als mich ein Mädchen das erste Mal küsste. Es war das schönste Gefühl was ich bis zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben gefühlt hatte. Ich war neu in einer Fußballmannschaft und wie bei jedem Saisonabschluss gab es eine Mannschaftsfahrt.
Auf eine Küchentheke in dem gemieteten Haus stand vor mir und einer älteren Freundin unser lesbisches Pärchen in der Mannschaft. Irgendwie kamen wir beim Reden auf das Thema „Lesbisch sein“. Ich hörte eifrig zu, konnte mich jedoch nicht daran beteiligen.
Dennoch erinnerte ich mich an Momente, in denen ich Mädchen innig umarmt hatte oder Freundinnen in meinen Armen schliefen und ich das toll fand, toller als mit meinem damaligen Freund. Auch wenn alle über männliche Stars schwärmten, so faszinierten mich immer die weiblichen. Selbst als ich einen festen Freund hatte, redete ich mit ihm, wie ein Kumpel über Frauen. Jedes andere Mädchen wäre eifersüchtig geworden, aber ich war es nicht, sondern konnte ihn, auf eine mir unbekannte Weise, irgendwie verstehen.

Plötzlich fragte mich eine des lesbischen Pärchens, ob ich denn schon einmal ein Mädchen geküsst hätte. Ich verneinte es und die Freundin, die neben mir saß, schaute mich überrascht an und fragte: „Echt nicht?“ Ich schüttelte abermals den Kopf. Währenddessen stieg man wieder auf ein anderes Thema um und die Freundin neben mir fragte mich: „Musst du auch mit auf die Toilette?“ Ich nickte kurz und schon sprang sie von der Zeile, nahm meine Hand und zog mich hinter sich her. Sie öffnete die Badezimmertür und ich ging rein. Plötzlich machte sie das Licht aus: „Hey was machst..?“ Meine Frage wurde unterbrochen, denn schon hatte sie mich sachte an die Wand gedrückt und mich geküsst. Ich war überwältigt. Es fühlte sich so gut an. Mein Herz pochte und mein ganzer Körper kribbelte. In dem mir neuen Gefühl war ich völlig sprachlos und angekommen. Nie hatte ich sowas vorher gespürt. Mein Leben würde sich fortan vollkommen verändern – Positiv!

Ich hatte mich in dieses Mädchen verliebt, das wusste ich, denn nie hatte ich vorher so empfunden. Ich hasste mich nicht selbst oder versuchte mich zu verstecken nur weil ich festgestellt hatte, dass ich ein Mädchen liebte, denn Liebe kann niemals etwas schlechtes sein. Das hatte ich gelernt. Zudem hörte ich doch jeden Sonntag in der Kirche zusammen mit meinen Eltern: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Also was sollte man dagegen haben, wenn sich zwei Menschen liebten? Ob meine Eltern damit ein Problem haben werden? Sie hatten mich so erzogen, man solle jeden Menschen versuchen zu mögen. Außerdem hatten sie nicht zwei schwule Freunde, die zusammen lebten? Was ist mit dem Rest der Familie? All solche Sachen gingen mir durch den Kopf. Zusammen mit dem Gedanken daran, was für ein Gefühl dieses Mädchen in mir auslöste. Ich hatte etwas in mir gefunden, was vorher fehlte. Einen sehr wichtigen Teil von mir. Ich hatte das Gefühl, mich gefunden zu haben.

Meine Freunde gaben mir Rückhalt

Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, wann ich es meinem Umfeld sagen würde, weil ich mir dachte, sie werden es merken, zumal ich meinen Kleidungsstil änderte. Ich versuchte mich nicht mehr anzupassen an die Mädchen in meiner Schule mit Ballerina, hohen Schuhen, Kleidern usw.. Zudem wussten alle, dass ich dafür auch nie der Typ gewesen bin. Nein, ich trug fortan weite Hosen, weite T-Shirts und Sneakers. Irgendwann kam auch endlich meine erste Cap. Ich hatte mich so darüber gefreut, denn das war ich.
Natürlich merkte jeder, dass ich mich nicht nur äußerlich veränderte. Denn das ich einen Teil von mir gefunden hatte und in der Fußballmannschaft akzeptiert wurde, stärkte mein Selbstbewusstsein, dass ich vorher nie wirklich hatte, da ich ein Mitläufer war.

Als erstes erzählte ich es einer guten Freundin, denn wenn man verliebt ist, will man dies ja mit so gut wie allen Leuten teilen. Ihre Reaktion: „Ich find es echt mutig von dir, dass du so zu dir stehst und es wird sich nichts zwischen uns ändern, denn du bist ja immer noch du.“ Das hat mir so viel Halt gegeben. In der Schule sprach sich mein Style natürlich rum. Unsere Klassengemeinschaft auf der Realschule war sehr gut und somit kam man mit den Klassenkameraden dort ins Gespräch, aber keinen störte es, sondern man gab mir positive Rückmeldungen. Bis zu meinem Abschluss wusste es eigentlich die ganze Schule, auch die Lehrer. Ich hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, sondern offen darüber gesprochen, wenn man mich darauf ansprach. Das gab mir enormen Rückhalt und dafür bin ich immer noch unendlich dankbar, denn obwohl es selbstverständlich sein sollte, so wie es im Endeffekt bei mir war, ist es das bis heute noch immer nicht überall.

Warum hast du mir das denn nicht gesagt?

Mein Coming-out bei meinen Eltern bzw. eher bei meiner Mutter ist spontan in einem Gespräch entstanden. Meine Mutter und ich redeten eigentlich über meinen jüngeren Bruder, ob er wohl eine Freundin hätte und dann fragte Mama plötzlich, wie es denn bei mir aussähe: „Junge? Oder doch lieber Mädchen?“ Ich antwortete nicht direkt, wusste nicht, ob ich es ihr jetzt sagen sollte oder nicht?  Aber ich überwindete mich und sagte dann ganz behutsam: „Mädchen.“ Sie schaute mich an, kurz lächelnd, als ob sie die Antwort erwartet hätte. Danach nahm sie mich in den Arm, weinte kurz, aber nicht, weil ich bin, wie ich bin, sondern, weil ich es ihr nicht direkt gesagt hatte. „Ich wusste das.“, sagte sie, „Dein Kleidungsstil hat sich verändert und auch wie du immer über dieses Mädchen sprichst. Seid ihr denn zusammen?“ Ich schüttelte den Kopf: „Nein, sie liebt mich nicht.“ Mama drückte mich fester an sich: „Weißt du, wir haben auch Freunde, die sind schwul und lesbisch, das ist was völlig Normales. Liebe kann man sich nicht aussuchen.“ Es war ein so befreiendes Gefühl, obwohl ich nie darunter gelitten hatte es nicht zu sagen, weil ich trotz allem irgendwie wusste, dass Mama es merkt und dieser Tag früher oder später kommen wird. Nun war er da.

Mama erzählte es Papa, denn ich habe mit meinem Vater über Gefühlsangelegenheiten irgendwie nie gesprochen, aber auch ich wusste, dass er kein Problem damit haben wird und so war es auch.

Mein Bruder nahm mein Outing ebenfalls gelassen hin. Ihn störte es nie, denn ich war ja immer noch seine große Schwester und auch seine Freunde hatten nie ein Problem damit. Diese fanden es eher noch cool, dass ich ab und an mal mit Fifa, Fußball oder anderes mitspielte.

Weiß das dein Papa?

Ich hatte meine erste Freundin. Sie kam oft zu mir und wir gingen mit unserem Hund, aber nahmen auch den meiner Oma immer mit, sodass meine Oma und mein Opa meine Freundin zu Gesicht bekamen. Ich war oft nebenan bei meinen Großeltern. Einmal half ich meiner Oma beim Kochen und sie fragte, weil meine Cousine einen Freund hatte, ob ich auch einen hätte. „Nein, ich habe eine feste Freundin.“ sagte ich einfach. „Die, die gestern auch bei uns war, als ihr mit dem Hund gehen wolltet?“ fragte sie. Ich bejahte und dann kam die abrupte Frage ihrerseits: „Weiß das dein Papa?“ „Ich denke schon, dass er das weiß. Ich denke, Mama wird es ihm erzählt haben.“ „Achso, ja dann.“ lächelte sie. Opa hatte das auch alles mitbekommen und sagte einfach nichts dazu, verhielt sich normal wie sonst auch immer. Man muss dazu sagen, dass meine Großeltern väterlicherseits auch noch sehr jung sind. Zu diesem Zeitpunkt waren sie 56 und 59 Jahre.

Bei meinen Großeltern mütterlicherseits hatte meine Mutter mein Coming-out übernommen. Wie auch ich mit meiner Mutter über so gut wie alles redete, tat sie dies auch mit ihrer Mutter. Meine Oma hatte lediglich die Sorge, dass ich diskriminiert werde, aber meine Mutter versicherte ihr, dass mein Umfeld das positiv aufgenommen hat und die Zeiten sich auch verändert hatten. „Die Welt wird offener und vielfältiger.“ Meinem Opa, der 72 Jahre war, erzählte sie auch davon. Er sagte dazu: „Und mit dem Kinderkriegen ist in der heutigen Zeit ja schon vieles möglich. Sie könnte ja auch Kinder adoptieren. Das wäre sicherlich auch eine Option. Dann soll sie mal ihre Freundin mitbringen. Das darf sie natürlich, wie alle anderen auch.

„Selbst meine Mutter war von dieser Aussage überwältigt, denn ihre Eltern sind in einer Zeit groß geworden, in denen dieses Thema immer noch ein Tabuthema war, somit hätte es durchaus Probleme geben können. Aber es gab sie nicht.

Ich muss sagen, so leicht wie ich es mit meinen Coming-out hatte, hätte ich mir das niemals erträumen können. Es war leichter als leicht. Es gibt mir enormen Rückhalt und ich gehe offen mit diesem Thema um, so auch in der Öffentlichkeit. Ich verheimliche es nicht, wenn mich jemand darauf anspricht, denn liebe doch, wen du willst. Man verliebt sich ja schließlich in die Person und nicht in das Geschlecht. Zudem sollten die Leute dich als individuelle Menschen anerkennen und akzeptieren und dabei ist es doch völlig egal, wen du liebst? Und wer dies nicht tut, denn will ich auch nicht in meinem Leben haben. Liebe gewinnt immer und kennt keine Grenzen!

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