Angststörung: Unterwegs mit der Angst

Psychische Probleme sind heutzutage keine Seltenheit - eine kleine Reise...

Es ist schwer, einen Anfang zu finden. Es ist ebenfalls schwer, ein Ende zu finden. Meine Angst hat den Anfang gefunden. Das Ende suche ich noch. Ja, ich leide an einer Angststörung, auch genannt „GAS“, Generalisierte Angststörung mit mittelgradig depressiver Episode.

So steht es auf meinem Überweisungsschein. Ein gelber Zettel, den man eigentlich lieber nicht in seiner Hand halten möchte. Und doch passieren manchmal Sachen im Leben, die unvorhersehbar scheinen. Ich schreibe mit Absicht scheinen, denn ich habe herausgefunden, dass es bei mir Vorboten gab…

Nehmen wir den Sommer vor 2 Jahren. Ich war mit Freunden feiern. Ein schöner Abend und viel Spaß. Während ich mich gut unterhielt, überkam mich ein Schwindel und eine Übelkeit, sodass ich dachte, ich müsse mich übergeben. Dann wurde mir heiß und ich musste schnell nach draußen. Voller Sorge folgte mir eine Freundin. Sie meinte, ich sehe blass aus, aber eigentlich tu’ ich das jeden Tag. Nach ein paar Minuten war alles wieder in Ordnung. Trotzdem entschied ich mich, nach Hause zu gehen.

 © h.koppdelane CC BY-ND 2.0

© h.koppdelane (CC BY-ND 2.0)

Das war nur “Kreislauf”

Ich tat alles als „Kreislauf“ ab. Und “Kreislauf” hatte ich nun immer mal wieder. Meistens in Menschmengen. Aber ich kam im Leben nicht darauf, dass es irgendetwas Psychisches sein könnte. Einmal musste ich mich während eines Konzerts auf den Boden setzen. Wie immer vergingen ein paar Minuten, dann war wieder alles gut. Heute weiß ich, gar nichts war gut!

Ich bin nun seit gut zwei Jahren dabei, mein Leben an die Wand zu fahren. Ich befinde mich auf einer Autobahn, die leider nur kleine Ausfahrten hat, die ich regelmäßig verpasse. Blöd ist, wenn man nicht merkt, dass man sich auf einem Abweg befindet. Denn auf andere hören ist ja Schwachsinn. „Die haben alle gut reden. Ich komm doch klar. Ihr wisst ja nicht, dass ich euch anlüge. Ich komm damit schon durch.“ Ja, das waren meine Gedanken.

Das Gefühl “Angst”

Und dann kam der große Knall. Der ist nun gut 9 Wochen her. Der Knall war so laut, dass ich im ersten Moment dachte, ich müsse sterben. Herzinfarkt, Schlaganfall eventuell auch ein Gehirntumor, welches auf ein Zentrum drückt, das Angst auslöst. Nur DAS konnte die Begründung sein. Schweißnasse Hände, Herzrasen, zitternde Hände und Knie, weit aufgerissene Augen, Übelkeit, Atemnot und Schwindel. Wenn man das googelt, bekommt man tolle Ergebnisse. Doch ich kam nicht zum googeln. Ich schickte meine Partnerin in die Nachtapotheke und lies mir homöopathische Beruhigungsmittel bringen. Ein Rankommen gab es nicht an mich. Ich ignorierte mein Handy, den Fernseher, Menschen und sogar meinen Laptop. Ich raste in meiner Wohnung einfach nur auf und ab. Es war ein Gefühl, als würde irgendwann etwas aus mir herausplatzen wollen. Wenn ich in den Spiegel sah, kam ich mir fremd vor. Ich erkannte mich nicht mehr. Dafür spürte ich mich umso mehr.

© wackystuff (CC BY-SA 2.0

© wackystuff (CC BY-SA 2.0)

Endlich meine Hoffnungsträger betraten die Wohnung. Beruhigungstabletten, wenn die schon so heißen, müssen die dir auch helfen. Ich aß die halbe Packung in einer Nacht. Nichts passierte. Ich schlief nur 10 Minuten und konnte nichts mehr Essen. Ich hatte das Gefühl, verrückt zu werden und irgendwie wurde ich es auch. Ich konnte mich nicht beruhigen oder irgendwie runter bekommen. Ich hatte Dauerangst. Ein fieses Kribbeln im Bauch, als würde man am nächsten Tag einen Vortrag vor den mächtigsten Menschen der Welt halten. Pure Angst. Fünf Tage lang schlief ich kaum. Ich vegetierte vor mich hin. Meine Partnerschaft habe ich währenddessen vernachlässigt. Ich konnte nicht arbeiten gehen. Ich konnte nur noch Angst haben. Und darin war ich sehr gut.

Ich beschloss den größten Horrorschritt für mich zu gehen, Arzt. Ich hasse Ärzte! Die finden immer irgendwelche komischen Sachen, die mir Angst machen. Aber so wie es war, konnte ich auch nicht weiter leben. Angst hatte ich ja eh schon und somit rief ich sämtliche Ärzte meiner kleinen Stadt durch. Ich hatte Glück. Zwei Stunden später saß ich, natürlich in Begleitung, bei einer Hausärztin, die ich nicht kannte. „Egal, sagte ich mir. Augen zu und durch. Dir muss geholfen werden. Sofort!“ Zu meiner Überraschung beruhigte ich mich einigermaßen im Wartezimmer. Bis auf mein Beingewackel war ich ruhig. Als ich dran kam, klagte ich der Ärztin mein gesamtes Leid und fing sofort an zu weinen. Das war wiederum nicht überraschend für mich, denn damit hatte ich ja die letzten Tage verbracht. Meine Ärztin war so verständnisvoll, dass ich sofort ruhig wurde und das Gefühl hatte, ich hätte mir alles von der Seele geredet und endlich jemanden getroffen, der mich verstand. Schwups, hatte ich ein Rezept für Antidepressiva und Schlaftabletten inklusive Überweisung für einen Psychiater plus weitere Untersuchungstermine in der Hand. Irgendwie war ich erleichtert und befand mich das erste Mal seit einer Woche in einem Zustand, den ich als angenehm empfand.

Antidepressiva sind nicht nur positiv

Erleichtert trappte ich in die Apotheke, löste meine Rezepte ein und lief dann nach Hause. Erst mal die Familie abtelefonieren. Die haben sich ja auch Sorgen gemacht und wollte nun auf den neusten Stand gebracht werden. Dann schilderte ich meine Diagnose meiner Partnerin. Statt genauso erleichtert zu sei, reagierte sie aber eher skeptisch und ernüchternd. Nicht gerade das, was ich erwartet hatte. Aber meine Erwartungen und die Realität waren eh sehr auseinander gelaufen. Und am nächsten Tag ging es dann los: Meine erste Antidepressiva-Tablette. Angst hatte ich keine. „Runter damit und jetzt hilf mir.“, dachte ich nur.

So war es aber nicht. Es ist eben keine Kopfschmerztablette die nach einer halben Stunde hilft. Nein, diese Tablettchen, so klein sie auch sind, hatten es ganz schön in sich. In der Anfangszeit ernährte ich mich kiloweise von Äpfeln und Bananen. Was anderes behielt mein Körper nicht bei sich. Ich trank keinen Kaffee mehr, um mein Herz nicht zum Rasen zu bringen, nahm ich doch an, dies könnte eine weitere Attacke auslösen. Der Geruch von Essen war unerträglich. Mir wurde sofort übel und ich bekam einen Kotzreiz. Hinzu kam eine massive Angstverstärkung, aber Gott sei Dank hatte ich ja die Schlaftabletten. Schlafen konnte ich also schon mal ein paar Stunden. Am Morgen war mein erster Gang zum Klo, wo ich mich gepflegt übergab. Dann fing ich an, Unmengen Zigaretten am Tag zu rauchen. Eine Schachtel pro Tag war da schon drin, obwohl ich eigentlich gar nicht so viel rauche. Doch irgendwie war es ein sehr beruhigendes Gefühl den kalten Rauch in die Lungen zu pressen und ihn dann wieder in die Atmosphäre zu blasen. Also tat ich dies. Während der ersten Zigarette sprach ich mein tägliches Mantra: „Mir geht es gut!“. War aber nicht so.

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Die Angst verschwindet nicht mal so eben!

Klar, es gab ein paar angstfreie Stunden am Tag. Doch die Angst kam immer wieder. Irgendwann fing ich an zu begreifen, was ich ändern musste: MICH! Ich begriff die Angst als eine Art Warnsystem zu nehmen. Sie wollte mir etwas sagen und ich musste nun herausfinden was. Ich fing an in meiner Vergangenheit zu kramen. Ich gestand mir meine Fehler ein. Ich beschloss nicht mehr zu lügen. Wenn es mir schlecht ging, verkroch ich mich und stöberte in unendlich vielen Foren herum, um niemanden zur Last zu fallen. Schwerer Fehler in einer Partnerschaft, wie sich herausstellte. Den Versuch alleine zu kämpfen redeten mir schließlich meine Freunde aus – nicht einmal, sondern mehrmals, sodass ich einige Male den Kopf gewaschen bekam, was sich im Nachhinein als sehr gut herausstellte. Klare, auch manchmal harte Worte brannten zwar wie Feuer in meiner Seele, aber es waren die Einzigen, die bei mir ankamen und mich zum Umdenken anregten.

Kopfsache

Auch meine Partnerin, von der ich verlangte auf mich aufzupassen, hatte schnell die Nase voll. Und da fing ich an zu begreifen, dass ich die Einzige bin, die etwas ändern kann – und natürlich eine Therapie. Aber es ist wahrscheinlich leichter hier eine Nadel im Heuhaufen zu finden als einen Therapeuten. Anfangend zu verstehen, dass ich mich und meine Angst eigenmächtig in der Hand habe, änderte sich auch meine Angst. Sicherlich trugen auch die Tabletten ihren Teil dazu bei. Ich wurde mutiger und konnte sogar beim nächsten Arzttermin alleine dort erscheinen. Im Hinterkopf hatte ich natürlich noch, dass es ja auch ein körperliches Problem sein kann, welches Angstattacken auslöst. Es könnte ja die Schilddrüse oder schlimmer Krebs sein. Nichts. Keine körperliche Ursache. Ich war erleichtert. Es ist „nur“ mein Kopf! Und wenn der Angst erzeugen kann, kann er sie auch weg machen. Ist doch eigentlich ganz einfach.

Das Umfeld lebt die Angst mit

Leider ist es das nicht. Ein Leben mit Angst zu führen bedeutet für mich, dass ich mir bewusst sein muss, dass sie immer wieder kommen kann. Ich muss lernen damit zu leben. Und schlimmer noch, mein Umfeld muss es auch ein Stück weit lernen und mitleben. Ich weiß, dass ich sehr viel verlange, vor allem von meiner Partnerin. Aber ich bin mir auch sicher, dass so eine Lebenskrise auch sehr stärkend sein kann, wenn beide das wollen. Und genau das ist der Punkt: Wenn man an einer solchen Erkrankung leidet, leidet auch das Umfeld. Man befindet sich in einem Teufelskreis und muss versuchen, diesen zu durchbrechen. Im Moment suche ich meine Ausfahrt noch, aber ich kann sie schon sehen um dann die richtige Abbiegung in ein lebenswertes Leben zurück zu nehmen. Mit dabei habe ich Mut, Zuversicht und Liebe. Meine drei Begleiter, naja – und die Angst im Kofferraum. Aber der klemmt im Moment und das bleibt hoffentlich auch so!

© H o l l y. (CC BY 2.0)

© H o l l y. (CC BY 2.0)

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kati ruhl
geboren bin ich im weniger beschaulichen magdeburg. sehr schnell zog es mich aber in die stadt der dichter und denker nach weimar. mit dem schreiben beschäftige ich mich seit ich das erste mal meine buchstaben richtig aneinander reihen konnte. in meiner freizeit schreibe ich essays, kurzgeschichten, gedichte und theaterstücke. ich bin ausgebildete ergotherapeutin, widme mich aber gerade intensiv dem schreiben und meinem wohl.

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